Kleiner Vogel auf großen Dächern – der Hausrotschwanz ist Vogel des Jahres 2025 geworden

Kleiner Vogel auf großen Dächern – der Hausrotschwanz ist Vogel des Jahres 2025 geworden

Noch nicht flügge? Ein junger Hausrotschwanz in „seiner“ Dächerlandschaft

Der kleine Herr von den Dächern

Er hat den Kiebitz als Vogel des Jahres abgelöst, dieser rußschwarze, rotschwänzige Bewohner unserer Dächer. Ein Kulturfolger, der sich die künstlichen Steinlandschaften von Städten und Dörfern zunutze gemacht hat, der seine ursprünglichen Brutstätten, die in den Felsspalten der Berge lagen, gegen Gebäudenischen und Mauerspalten tauschte.
Ein erfolgreicher Kulturfolger, bisher.

Im Oktober, wenn sein Abzug bevorsteht, halte ich immer wieder Ausschau nach diesem eher scheuen, eher unauffälligen Rotschwänzchen und horche auf seine letzten Lieder, zu denen ihn der Herbst offenbar noch einmal inspiriert.
Wenn ich hier und da im Dorf sein kratziges Schmetterlied höre, wenn er plötzlich auf dem Dachfirst auftaucht, nach typischer Fliegenschnäppermanier knickst, dazu mit dem Schwanz zittert, bin ich beruhigt: er ist noch da!

♫ Lieder vom Dach: typischer Schmetter- und Knirschgesang ♫

Hört man genauer hin, besteht sein Gesang in der Regel aus drei Teilen: einer Art Schmettern am Anfang, das man auch als kräftigen, langsamen Triller wahrnehmen kann, als eine Art Trillerschmettern, oft zum Ende hin leicht angehoben. Dann folgt, meist nach einer Pause, ein kurzes eigenartiges Knirschen, das mit ein paar klangvollen, schnell angehängten und leicht absinkenden Elementen endet.
Natürlich eröffnet sich auch hier eine Vielzahl von Variationen!

Aber eines späten Oktober- oder frühen Novembertages fällt mir auf, dass ich seit gestern oder vorgestern nichts mehr von ihm gehört und gesehen habe. Da hat er sich dann, wahrscheinlich bei Nacht wie viele Kleinvögel, auf den Weg gemacht und ist schon ein Stück Richtung Süden gezogen.
Wobei es inzwischen, wie bei einigen anderen unserer einheimischen Vögel – insbesondere denen, die nicht saharaweit ziehen – einzelne Überwinterer gibt. Denn mit dem Klimawandel ändert sich auch das Zugverhalten der Vögel.

Dann, spätestens im März, wenn der Winter zu schwinden beginnt, erscheint die Silhouette eines schlanken schwärzlichen Vogels auf dem Haus. Sehr aufrecht sitzt er da, knickst kurz und ist schon wieder weggehuscht. Am nächsten Tag, noch vor Morgengrauen, schmettert ein raues Lied vom Dachfirst und ich weiß: Er ist wieder da, der kleine Herr von den Dächern! Denn es sind immer die Männchen, die zuerst zurückkehren von ihrer Winterreise.
Und ein neuer Rotschwanzsommer beginnt.

Gesänge zwischen Fels, Stein und Ziegel

Kurz nach seiner Rückkunft singt er unablässig, von Morgens bis Abends, mit nur kleinen Intervallen zwischen den Strophen.

Hausrotschwanz: Märzgesang auf dem Dachfirst

Altmeister Alwin Voigt schreibt in seinem Exkursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen (1) in schönem Altväter-Stil: Sein Lied zerfällt in zwei Strophen: die erste besteht meist in 4-5maligem raschem Anschlage ein und desselben Tons, die zweite aus einem zischenden gepreßten fast vomierenden Laut, dem gewöhnlich zwei oder drei Schläge folgen, die denen der ersten Strophe gleichen. Und: Vom Frühjahr bis zum Herbst singt dieser Rotschwanz dem Dämmerlicht entgegen
Zischend, gepresst, vomierend (erbrechend), oder kratzend-fauchend, oder merkwürdig knirschend – die Vielzahl an Beschreibungsversuchen zeigt deutlich, dass solche Laute mit Worten nicht zu packen und schon gar nicht mit den Qualitätsstandards humaner mitteleuropäischer Musik zu beurteilen sind. Was ich selber bei diesem ausgefallenen Laut assoziiere, ist eine Handvoll quarzweißer Kiesel, die man, zwischen die Handflächen gepresst, so fest aneinander reibt, dass es einen hellen, kleine Lichtfunken sprühenden Knirschlaut ergibt, eine für mich reizvolle Vorstellung.
In ihrem neuesten Buch Vom Glück des Vogelgesangs (2) zitiert Silke Kipper das wenig wertschätzende Urteil des Ornithologen Richard Gerlach, zu seiner Zeit sehr bekannt, das für viele ähnliche Urteile steht. Für Gerlach ist es kein sehr schönes Lied, … mit Mühe hervorgepresst, eher ein Geräusper als Musik …. Und: Es ist ein Laut, der wie ein Sturmwind um die Gipel fetzt.
Ja, er singt keine Arien, unser Hausrotschwanz, der kraft seiner Abstammung immer noch eine Dinodiva und für uns eine sehr fremde Species ist. Und da hat Gerlach recht: er singt das Lied vom Wind, der um die Felsen fetzt, zwischen denen er einst gelebt hat. Ein Lied, das zwangsläufig fremdartig, gleichwohl schön klingt, voller fragloser Lebenskraft, auf raue Weise seinen rauen Lebensraum spiegelnd.

Weil er, wie Gartenrotschwanz, Amsel und Rotkehlchen, zu den Frühaufstehern gehört, ist es kein Wunder, dass er oft mit ihnen zusammen zu hören ist. Manchmal singen Amsel und Rotschwanz vom gleichen Dachfirst herunter, denn das Singen auf hoher Warte, frei und hörbar nach allen Seiten, ist auch bei Amseln sehr beliebt.

Dawnkonzert von Hausrotschwänzen und Amsel

Hier schmettern, während es im Dorf noch still ist, von nah und fern Hausrotschwänze ihre rauen Lieder, die so gut in die Dächerlandschaft passen – in schönem ruhigem Wechsel mit den Flötentönen einer Amsel, die ausgesprochen ausgefeilte und abwechslungsreiche Strophen singt.


Nicht zu vergessen: gleich bei uns um zwei Ecken beginnt die Feldmark, wo von jedem Stadel herab ein Hausrotschwanz singt, mit den tirilierenden Lerchen zusammen, die es lange vor Sonnenaufgang in den Himmel treibt – ein ungemein reizvoller Kontrast, rührend und erhebend zugleich. Denn nach wie vor gilt: es ist die Lerche, samt Amsel und Hausrotschwanz, und nicht die Nachtigall, die in aller Morgenfrühe den aufziehenden Tag begrüßt.

Im Jahreslauf

Wenn auch die Weibchen zurückgekommen sind, beginnen sie allein, nach einer Phase der Partnerwahl mit spektakulären Verfolgungsjagden, das Nest in einer geeigneten Nische zu bauen – bei uns zum Beispiel auf einem Balken dicht unterm westlichen Dachfirst. Und dass solche Nischen an alten, sanierten sowie neuen Häusern erhalten bleiben bzw. ausreichend zur Verfügung gestellt werden: daran soll die Wahl unseres Mitbewohners von den Felsen eindringlich erinnern!
Ab nun tun die Rotschwänze heimlich, fliegen nur nach genauer Sicherung und auf Umwegen zum Nest, wie alle Vögel in der Brut- und Aufzuchtzeit, sind aber auf den exponierten Warten, von denen aus sie jagen, leicht zu sehen.

♫ Neues Leben unterm Dachgiebel: Bettelrufe der jungen Hausrotschwänze ♫

Irgendwann im Laufe des Frühsommers hört man feine Stimmen unterm Dachgiebel, die von Tag zu Tag kräftiger werden. Die Nestlinge, die nahezu synchron geshlüpft sind, werden mehr als zwei Wochen – und die flüggen Jungen mindestens zehn Tage lang – von beiden Eltern gefüttert, mit einer Vielzahl verschiedener Insekten, Spinnen und Schnecken.

♫ Vier Tage später: die Stimmen unterm Dachgiebel sind kräftiger geworden, bald werden die Jungen ausfliegen ♫

Während die Nester in ihre luftigen Höhe meist gut geschützt sind, ist die Zeit nach dem Ausfliegen die gefährlichste Zeit für die Jungen, die oft auf zu niedrigen Warten hocken. Da wäre es gut, Augen und Ohren öffen zu halten, auf ihr Flüggewerden zu achten und Katzen ein paar kritische Tage lang im Zaum, sprich: im Haus zu halten! Das sind wir zumindest der Freude und dem Vergnügen schuldig, die uns die schönen und anmutigen Zitterschwänze eine lange Sommersaison lang bereiten!

♫ Die Jungen sind flügge geworden- und die Alten warnen mit erregten Rufen ♫

Nebenbei bemerkt: Hausrotschwänze gelten als monogam. Das sind sie zwar, aber, wie viele andere Vogelarten nur bedingt.
Monogamie bedeutet in der Vogelwelt oft „nur“ soziale Treue in der Paarbindung und schließt dabei das „jumping the neighbours wife“ der Männchen, wie es Mark Constantine in „The Sound Approach to birding“ (3) so hübsch formuliert hat, nicht aus. Andererseits sind, besonders bei knappen Ressourcen, Vogelweibchen nicht abgeneigt, sich gelegentlich mit mehreren Männchen zu paaren.
Wie man aufgrund von DNA-Analysen weiß, praktizieren unsere Hausrotschwänze hauptsächlich soziale Monogamie plus Polygenie. Was bedeutet, dass in vielen Nestern Küken piepsen, die nicht nur vom „festen“ Partner stammen. Eine evolutionäre Strategie, die die erfolgreiche Weitergabe der eigenen Gene erhöht und die genetische Vielfalt fördert. Wer redet da von Untreue? (4)

In der Regel brüten Hausrotschwänze nach dem Flüggewerden der ersten Brut ein zweites Mal.
Dann geht, wie jedes Jahr, der Sommer nur allzuschnell zu Ende, und damit auch die hochsommerliche Vogelstille. Dann singen die Männchen wieder. Dann schwindet auch der Herbst und nimmt Wärme, Vögel und Blätterpracht mit. Dann horche ich wieder auf die letzten rau-schönen Liedern vom Dach und schicke mich in die Winterwartezeit, hoffend, dass das kommende Jahr einen neuen Rotschwanzsommer bringt.

(1) Alwin Voigt: Exkursonsbuch zum Studium der Vogelstimmen. Heidelberg , 11. Auflage 1950
(2) Silke Kipper: Vom Glück des Vogelgesangs. Berlin 2025, S. 105
(3) Mark Constantine: The Sound Approach to birding. Dorset, UK 2006/2013, Part 6
(4) sh. z.B. Michael Wink: Ornithologie für Einsteiger und Fortgeschrittene. Heidelberg 2024, 2. Auflge, S. 280.
Vogelguckerin: Monogamie – Treue fürs Leben?

► weitere Infos zum Hausrotschwanz als Vogel des Jahres: LBV- Ratgeber.
NABU: Vom Gebirge in die Stadt


Ein Vogel ist …

ein vogel ist …

ein vogel ist ein vogel ist
ein vogel
singt im herzen der welt was gottes
und unergründlich ist

sein corpus voll luftiger räume
hohlknochen blasebälger
so dass er steigen und steigen kann
ohne vom himmel zu fallen –
seine syrinx liedergerschwängert
federleichte gefiederträume
im strom der lüfte schwingend

unlösbar das alles ein rätsel
wie herz wie gott wie welt wie
tod – geschweige denn leben!

bleibt nur loslassen
oder singen
oder
einem vogel zuhören
der leichthin im singen das rätsel löst
das er selber ist

Ein Kolkrabengespräch zum Jahresende 2024

Ein Kolkrabengespräch zum Jahresende 2024

Dies ist der Dialog eines Kolkrabenpaars im Wald – der höherfrequente Schwirrgesang, der bei 4 und 11 darüber liegt, stammt von einem durchziehenden Waldlaubsänger.
Die seltsamen Schnalzgeräusche zwischen den fünf „Krächzsätzen“ sind nach meiner Erfahrung typischer Teil der Kommunikation von Rabenvögeln – auch bei Krähen habe ich schon Ähnliches gehört.
Die beiden Raben entwickeln in ihren fünf „Krächzsätzen“ (starkfarbig gezeichnet) einen regelrechten Sprechrhythmus – so dass ich verlockt war, dem eine aktuelle „Übersetzung“ zu unterlegen, wie im Sonagramm darunter gut zu verfolgen ist:

He, mag/ste Men/schen? ……kras/se Spe/cies, echt……….Habn wir Glück ge/habt…………So’n Glück Ra/be
………………………………………………………………………………………………………………………………..zu sein

Nebelland hab ich gesehen … Notizen im November

Nebelland hab ich gesehen … Notizen im November

5. November 2024

Wenn man vom Dießener Beobachtungsturm auf die schmale Landzunge in der Ammerseebucht schaut, sieht man kahle Bäume, die nur noch Misteln tragen, ein paar Vögel vielleicht, die sich dort für kurze Zeit niederlassen und, auf dem abgestorbenen Baum in der Mitte, den Fischadlerhorst, der im Sommer für so viel Aufregung gesorgt hat. Denn hier in Oberbayern sind, zum ersten Mal wieder seit mindestens einhundertundfünfzig Jahren, zwei Fischadlerjunge flügge geworden. Bis vor Kurzem sind die Jungen hier noch herumgestreift. Jetzt sind sie wie die Alten verschwunden, vielleicht schon auf dem Weg nach Afrika. Der Horst ist leer von Leben, nebelgefüllt.

Fischadler wurden wie viele andere Fischfresser – insbesondere Graureiher, Kormorane, Fischotter – unerbittlich als „Nahrungskonkurrenten“ des Menschen verfolgt und waren Ende des 19. Jahrhunderts so gut wie ausgerottet. Inzwischen sind sie, durch strenge Maßnahmen geschützt, zurückgekommen. Die Freude unter den Naturschützern ist groß – aber wie lange wird sie anhalten? Sowie eine nichtmenschliche Species sich von den gnadenlosen Nachstellungen der Species Mensch erholt hat und sich mehr als gewünscht ausbreitet, wird ihr Schutz wieder durch Sondermaßnahmen aufgeweicht. Und die heißt in der Regel: töten.

Gänsesäger-Besuch auf dem Egelsee, Raum Landsberg, Februar 2022

Der Gänsesäger, diese schöne große Entenart, ist bei uns ein seltener Vogel und steht als stark gefährdete Art auf der Roten Liste bedrohter Arten. Er unterliegt nach wie vor dem Jagdrecht, obwohl für ihn eine ganzjährige Schonzeit besteht und er seit 1976 nicht mehr gejagt wird.
Selten ist auch die Äsche in unseren Wildflüssen geworden, und wie immer, wenn eine Art zurückgeht, ist dafür ein Bündel von Faktoren verantwortlich: Zum Beispiel, dass Äschen Wassertemperaturen von 26°C und darüber nicht vertragen können, dass zahlreiche Querbauten im Fluss die Wanderung dieser Lachsfische verhindern und dass Pestizide auch ihnen allmählich den Garaus machen. Bis jetzt sind nicht einmal die Mageninhalte der getöteten Vögel ausreichend untersucht worden, um festzustellen, wieviele Äschen sie tatsächlich fressen. (1)

Ein Gänsesägerweibchen im Mai 2021 mit vier von insgesamt fünf Jungen auf der Windach

Es entspricht der vorherrschenden Totschlagmentalität, dass, statt das Zusammenwirken all dieser Bedingungen gründlich zu untersuchen, die Vögel – diese Fischterroristen! – erst einmal abgeknallt werden. „Vergleichbare Referenzstrecken“, „weiter ausreichend belastbares Material sammeln“ – was für ein fadenscheiniges wissenschaftliches Mäntelchen wird doch dieser nur allzu offensichtlich einseitigen Aktion umgehängt, die vor allem im Interesse der Fischereiverbände steht und wieder ein neues Ungleichgewicht schaffen wird.

Die Stimmen der Gänsesäger sind nicht oft zu hören. Aber wenn sie sich hören lassen – wie eigenartig, wie schön!

♫ Gänsesägerbalz an einem nebligen Dezembermorgen 2014 auf dem Egelsee ♫

Der geschätzte Brutbestand in Bayern beträgt zur Zeit um die 500 Brutpaare – inzwischen sind, seit 2022, 440 Gänsesäger getötet worden. Und bis März 2025 soll es so weitergehen! Wie übrigens will man ausschließen, dass diejenigen, die hier ahnunglos als Wintergäste auf unseren Flüssen landen, nicht auch getötet werden? Heute in den einen Trupp geschosssen, morgen in den nächsten, der unvergrämt und ahnungslos daherkommt und so fort – wie wissenschaftlich ist das denn?
Und woran erinnert das, heute, an diesem dunklen Novembertag? Der überschattet wird von der Wahl eines US-Präsidenten, der darauf brennt, das Klimaschutzabkommen zu annullieren und Migranten massenweise zu deportieren. Der verdunkelt wird von mörderischen Kriegen – ja, ich weiß, Kriege sind immer mörderisch – in der Ukraine, in Gaza, im Libanon, im Sudan … – Kriegen, die oft von Genoziden nicht weit entfernt sind, in denen „gezielte Tötung“ längst en vogue und der Schutz von Zivilisten aufgehoben ist.
Eine Species, die so miteinander umgeht, ist von der zu erwarten, dass sie ihre Mitlebewesen schont?
Nebelland hab ich gesehen, Nebelherz hab ich gegessen … (2)
Die Dunkelheit nimmt zu.

9. November 2024

Wieder ein Dunkeltag in der deutschen Geschichte. Scheitern der Märzrevoloution 1848, Novemberrevolution 1918, Hitler-Ludendorffputsch 1923, Novemberpogrom 1938. Und die Maueröffnung 1989, die allerdings ein Lichtblick war. Ich erinnere mich noch lebhaft an die aufgewühlte Stimmung in Berlin – wo wir damals lebten – an die jungen Leute, die rittlings auf der von Graffittis bedeckten Mauer saßen und bunte Brocken herausklopften, an das aufgewühlte brodelnde Lärmen zwischen Potsdamer Platz und Checkpoint Charlie.

Ganz aktuell gab es bei uns heute einen kleinen, aber aufmunternden avifaunisten Lichtblick in all der Novembergräue: zum zweiten Mal in diesem Herbst haben drei Stieglitze die dicken Distelköpfe der Karden angeflogen und lange, kopfüber, kopfunter, die Samen herausgeklaubt – darin sind sie Meister. Im Gegensatz zu den Sperlingen, die es ihnen gelegentlich nachzumachen versuchen und kläglich daran scheitern.

Mit ihrem kräftigen spitzen Schnäbeln klauben Stieglitze Samen aus vielen verschiedenenartigen Wildstauden – besonders gern aus Disteln wie dieser Karde in unserem Garten. Distelfinken hießen sie früher

Alles Lebendige, alle Lebewesen sind im Grunde Lichtträger, kleine Leuchtfeuer in der Finsternis unseres Weltalls und der Dunkelheit unserer Erde. Vögel sind dies in besonderer Weise, und Stieglitze mit ihren exotisch bunten Federn zeigen das schon im Äußeren. Sie sind unverkennbar mit ihrem leuchtgelben Flügelstreif, ihrem schwarzweißen Kopf und rotschwarzen Gesicht – in diese Farben müssen die grauköpfigen Jungen im Laufe des Sommers aber erst hineinwachsen.

Wellig wie ihr Flug, licht und lebhaft sind auch die Gesänge der schönen Bunten. Es ist gar nicht so einfach ♫ Einzelgesänge ♫ aufzunehmen, obwohl ein Stieglitz seinen Schnabel nie lange halten kann. Denn sie leben gesellig, bilden auch in der Brutzeit keine Territorien, um die sie sich streiten könnten, und streifen nach der Brutzeit in kleinen Gruppen, im Herbst und Winter oft in großen Schwärmen umher. In unseren Breiten bleiben sie auch den Winter über da und vereinigen bei mildem Wetter ihre Stimmen zu großen Gemeinschaftsgesängen.

♫ Stieglizschwarm im Winter, großer Gruppengesang ♫

Klänge wie Bilder: kleine lichte Erinnerungen, gespeichert für düstere Tage – gut, dass es sie gibt!

18. November 2024

Nach dem frühen Schneeeinbruch vor 5 Tagen ist schon alles wieder dahingeschmolzen. Es weht ein starker Wind, und die Doppellinde ist nun gänzlich von Blättern entleert und in ihren Wintermodus eingerückt. Jetzt zeichnet sich jedes Zweiglein deutlich vom Morgenhimmel ab, und der Morgenhimmel hängt sein blasses Blau in die Lücken, die vormals ein dicker Blätterpelz füllte.
In keiner Jahreszeit tritt der endlose Rhythmus von Werden und Vergehen so deutlich hervor wie in dieser Jahreszeit. Und wer’s nicht hat, dies Stirb und Werde ist nur ein trüber Gast auf dieser schönen Erde, hat Goethe gedichtet. Jetzt offenbart sich die auflösende Kraft der großen Transformation, der alles unterworfen ist.
Schwere Worte aus der Bibel kommen mir in den Sinn: Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom; sie sind wie ein Schlaf, gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blüht und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und verdorret.
In anderen, moderneren Worten: Alles gibt sich der großen Transformation hin. Form löst sich auf., Licht kehrt zurück zum Ursprung. Was bleibt, ist Dunkelheit. Wir leiden an der Freiheit der Vergänglichkeit. (3)

An der Freiheit der Vergänglichkeit leiden Bäume wohl kaum. Und Tiere vermutlich auch nicht. Sie sind schlicht – wirklich schlicht? – in die große Transformation eingebunden, der sie sich fraglos und ohne Gehirnakrobatik hingeben können. Und müssen.


Und bei aller Melancholie: ohne das kleine Glück des Alltags kann auch ein Mensch nicht leben.
Dieses Glück bestand heute darin, dass wir bei unserer Wasservogelzählung neben einer großen Schar Stockenten einen Trupp Gänsesäger auf dem Windachspeicher gesichtet haben, Männchen und Weibchen. Denen allen ich wünsche, dass sie das sinnlose Gejagtwerden im Rahmen eines fragwürdigen „Forschungsprojekts“ unbeschadet überstehen!

23. November 2024

Gestern hat es nach mittäglichem Sonnenschein wieder zu schneien begonnen. Heute ist der Himmel blau, die Linde hat ihre Schneelast schon wieder verloren, aber ringsum sind Felder und Wiesen weiß.
Ich habe jetzt die letzten Seiten von Imre Kertesz Roman eines Schicksallosen gelesen. Imre Kertesz, ungarischer Jude, Nobelpreisträger, der mit 14 Jahren auf der Straße aufgegriffen wurde und Auschwitz und Buchenwald überlebt hat:
… dort, zwischen den Schornsteinen gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, was dem Glück ähnlich war. (4)
Was für ein aufrührerisches Resumee, gefährlich missverständlich, weshalb das Buch von den Verlagen zunächst abgelehnt wurde.
Aber kein Zweifel, nicht nur für Kertesz ist es wahr, oder zumindest: wahrhaftig.
Am Leben sein, das Lebendige spüren … das Geschöpfliche in uns allen, die nichtmenschlichen Lebewesen selbstverständlich mit eingeschlossen. Das geschöpfliche Glück des Augenblicks ist offenbar unauslöschlich, solange es Leben gibt.

27. November 2024

Nach einem zweiten Schneeeinbruch vor einer Woche sind kaum noch weiße Flecken in der Landschaft zu sehen. Es herrscht strahlender Sonnenschein.

Unser Haustier ist jetzt eine Kreuzspinne, die wir zu schützen suchen. Sie haust seit vielen Wochen in der Ecke zwischen dem Hängebrett über dem Herd und dem Regal, das im rechten Winkel dazu angebracht ist. Manchmal lauert sie groß und dunkel in ihrem Netz, das wir kaum sehen können. War sie erfolgreich, zieht sie sich unter das Hängebrett zurück, hockt da tagelang – bewegungslos, zusammengekrumpelt, für den flüchtigen Blick nicht zu sehen. Dann plözlich ist sie wieder da, schwebt in ihrem unsichtbaren Netz, lauert …
Diese Ecke wird von uns nicht angerührt.
Und ist sie nicht schön?

30. November 2024

Heute konnte das Licht den Nebel erst gegen 11 Uhr durchdringen. Der November geht zu Ende, mit Kriegsnachrichten, Sonne und früher Dunkelheit. Und mit zwei Gänsepaaren in der Kiesgrube, Rost- und Nilgänsen, beides Neozoen, eingebürgerte Fremdlinge, die sich dicht nebeneinander sonnen. Was für ein friedliches Bild …

(1) siehe auch LBV: Wir fordern Ende der Jagd auf Gänsesäger
(2) letzte Zeilen aus Ingeborg Bachmanns Gedicht „Nebelland“, veröffentlicht 1956 in „Anrufung des Großen Bären“, R. Piper & Co Verlag München

(3) aus Llewellyn Vaughan Lee, „Jahreszeiten der Liebe“, Oneness Center Bern 2014, S. 223
(4) aus Imre Kertesz „Roman eines Schicksallosen“, Rowohlt Berlin 1996,10. Auflage 2003, S. 287


Der Kiebitz, Vogel des Jahres 2024 – ob wir das Ding mit dem Gaukler noch schaukeln?

Der Kiebitz, Vogel des Jahres 2024
– ob wir das Ding mit dem Gaukler noch schaukeln?

Ein Kiebitzküken, das laut und dringlich ruft. Bettelt es um Futter? Sicherlich nicht. Kiebitzküken sind Nestflüchter und müssen sich von Anfang an selbstständig mit Nahrung versorgen. Aber in den ersten zehn Tagen nach dem Schlupf müssen sie von den Alten gehudert werden und brauchen noch wochenlang den ständigen Begleitschutz ihrer wachsamen Eltern … Foto Gunther Zieger, Bildarchiv LBV

Ein Foto, das berührt, sicher nicht nur mich. Denn das Küken braucht auch unseren Schutz und steht für die Verletzlichkeit unserer Mitgeschöpfe, der wir in keiner Weise gerecht werden. Im Gegenteil: Zerstörung und Zerschneidung von Lebensräumen durch täglichen Flächenfraß, Klimakrise, intensive Landwirtschaft mit ihrem ungebremsten Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln, Stickstoffeintrag in und aus der Luft – all dies kulminiert in der gegenwärtig größten Katastrophe: dem Artensterben. Zu wenig beachtet, schon längst im Gange. Die Wissenschaftler nennen es inzwischen das sechste Massenaussterben in der Geschichte unseres Planeten – und das erste, das menschengemacht ist.
Dass sich die Natur in Millonen von Jahren erholen und neu beleben kann, hat sie nach dem fünften Massenausterben, mit dem die Welt der Dinosaurier für immer vernichtet wurde, bewiesen. Diesmal ist die Art, die mit Sicherheit vernichtet werden wird, wenn die Entwicklung so weitergeht, unsere eigene Art. Jedenfalls als eine, die auf Gesellschaft, Kultur und Zivilisation beruht.

♫ Feldlerchen und Kiebitze – Fluggesänge hinter dem Egelsee ♫

Dabei sind die Geschöpfe, denen wir mit unserer zerstörerischen und gierigen Ökonomie die Lebensgrundlagen entziehen, so schutz- und bewunderungswürdig. Darunter auch die, die es derzeit bei uns am meisten triftt: die Wiesenbrüter. Uferschnepfe, Rotschenkel, Großer Brachvogel, Bekassine, Wachtelkönig, Braunkehlchen, Wiesenpieper, Grauammer – und eben Kiebitz.
In Alwin Voigts altem Exkursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen, überarbeitete 11. Auflage von 1950, heißt es: Der Kiebitz ist ein so häufiger und in jeder Beziehung so ausgezeichneter Sumpfvogel, dass er leichter zu finden und zu bestimmen ist als irgendein anderer

Lang, lang ist’s her. Aus gutem Grund wurde der Kiebitz, dieser „ausgezeichnete Sumpfvogel“, ursprünglich in Feuchtwiesen heimisch, wie es sie z. B. auf Borkum noch gibt, zum zweiten Mal von NABU und LBV zum Vogel des Jahres 2024 gewählt.
Und er ist schön.
Mit Schillerglanz im Gefieder und im Wind wehender Federholle – das Männchen trägt sie besonders lang.

Kiebitze balzen in der von Morgengesängen erfüllten Frühlingslandschaft am Egelsee

Viele Jahre lang haben uns die Rufe und Flugmanöver dieser charismatischen Regenpfeifer während des Krötensammelns am Amphibienzaun begleitet. Denn ihr Brutgebiet am Egelsee, einem von großen Weiden umstandenen Anglerteich am Rande eines Seggenrieds, liegt dem Krötenzaun genau gegenüber.

Gaukeln mit runden Flügeln – vom spektakulären Balzflug ein spektakuläres Foto von Andreas Hartl, Dorfen …

Ihr Gaukelflug im Frühjahr hat herrlich clowneske Züge: sich in der Luft hin und her werfen, zur Seite kippen und im Sturzflug nach unten trudeln, sich kurz vorm Aufprall auffangen, weiter gaukeln … Diese „Luftsprünge“ haben den Kiebitzen im Englischen den Namen Lapwings eingebracht. Worte und Fotos sind blass gegenüber der prallen Lebendigkeit, die sich dabei dicht über unsreren Köpfen abspielt, besonders, wenn das Wuchteln der breiten Flügelpaddel uns dabei in die Ohren wummert.


Erstaunlich – und für mich unwiderstehlich – sind die Balzrufe der Lapwings. Die können, obwohl Kiebitze keine Singvögel sind, gut und gern als Gesänge durchgehen. Sogar als Duettgesänge, denn wie oft konnte ich sie im Frühjahr zweisam gaukeln und „chiuwitten“ hören – und aufnehmen. In der folgenden Tonaufnahme ist das Wuchteln gleich zu Beginn zu hören, und in 00:22 ein nahezu synchrones Duett.

♫ Duettgesang im oft synchronen Balzflug am Egelsee ♫

Zunächst waren es zwei Paare, die wir seit unserem Herzug, das war 2003, beobachtet haben. Dann war es nur noch ein Paar, das Jahr für Jahr wiederkam. 2019 haben wir es sogar noch seine Küken führen und bewachen sehen. Das war kurz vor dem großen Hagelunwetter und das letzte Mal, dass auf dem Feld hier Mais angebaut wurde

♫ Kiebitze, die Junge führen, schlagen Alarm ♫

Im Frühjahr 2020 stand der Winterweizen schon in dichten Reihen – und andere Bruthabitate als das ehemalige Maisfeld gab es nicht. Die Kiebitze kamen nur noch kurz vorbei, flogen ein paar Runden, riefen – und verschwanden.
Seitdem, seit 2020, ist die Kiebitzbrut am Egelsee erloschen und 2023 sind in weiten Bereichen des Landkreises nur noch 6 Kiebitzküken flügge geworden, an der Grenze zum Schwäbischen 27.

Dabei sind Vögel so ortstreu! Sogar in ihrem Zugverhalten. In der Schwiftinger Feldmark, durch die ich oft kommeziehen jedes Jahr junge und alte Kiebitze durch ◄ und rasten auf den Feldern immer desselben kleinen Areals.

Ein so auffälliger und ehemals weit verbreiteter Vogel wie der Kiebitz hat, neben seinem lateinischen, viele volkstümliche Namen eingesammelt: Vanellus vanellus, Wiesenpfau, Muttergottestaube, Riedschnepfe, Geißvogel, Kiwitt. Und Kukkukskööster am Niederrhein, weil er – so wie der Küster in der Kirche immer vorm Pastor – bei uns immer vor dem Kuckuck erscheint,
In maximal sechs Wochen beginnt hier wieder die Krötenwanderung. Wider besseres Wissen werden wir, wenn wir suchend am Krötenzaun entlanggehen, unsere Ohren spitzen, hoffend, dass wir es nicht nur als Echo unserer Erinnerung hören, dieses unnachahmliche chiuwitt, sondern dass der Wiesenpfau wieder geflogen kommt, um über uns zu gaukeln, während wir die Kröten aus den Eimern klauben …
Denn wir wollen die Hoffnung noch keinesfalls aufgeben. Renaturierung unserer Landschaft, Wiedervernässung der Wiesen, Wiederkehr der vertriebenen Vögel – warum sollte das nicht möglich sein, allen Widerständen zum Trotz?

➡ Was es mit Fußtrillern und anderen Merkwürdigkeiten und mit Kiebitzschutz durch das Artenhilfsprogramm des LBV auf sich hat, siehe unter Kiebitz – Vogel des Jahres 2024

Zwischen Blühfeld und Eistaucher – Impressionen im Frühwinter

Zwischen Blühfeld und Eistaucher – Impressionen im Frühwinter

Spot- und Hotlights im November

Anfang November. Die Kraniche ziehen wieder, hauptsächlich über und entlang unserer großer Wasseradern und Landmarken wie Lech und Ammersee. Unsere Dorfecke scheint der Kranichzug dieses Jahr leider nicht zu berühren. Obwohl ich nicht aufhöre, nach ihren trillernden Trompetenrufen zu horchen, mit denen sie Kontakt untereinander halten und auf die ich meine herbstliche Sehnsuchtsmelancholie projiziere.
Am Ammersee Südende, diesem Hotspot für Seltenheiten, tummeln sich derweil ein Seeadler, Zwergscharben – kleine Kormorane aus Südosteuropa – und, schon seit Juli, eine Pünktchenente.
Diese Ente, Anas hottentotta, in Afrika heimisch, ist offenbar ein Gefangenschaftsflüchtling. Hottentottenente hieß sie bei uns bis 2020. Inzwischen sind schon weit über 1000 deutsche Vogelnamen geändert worden, weil sie als diskriminierend, kolonial oder rassistisch empfunden wurden, darunter eben auch Pünktchenente oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, die Schwarzsteppenlerche, ehemals Mohrenlerche.

In unserer Feldmark geht es nicht ganz so spektakulär zu wie am Ammersee. Schon früh sind die Schwarzmilane zu ihrer weiten Reise nach Afrika aufgebrochen. Auch die Rotmilane haben sich weitgehend aus der Feldmark zurückgezogen, aber weit weg sind sie nicht, denn und hin und wieder lässt einer sich blicken. Auch die ♫ rollenden Rufe ziehender Feldlerchen ♫ sind noch zu hören, die liebe ich sehr. Wenn sie rasten, verbergen sie sich gern zwischen Furchen, Stoppeln und niedrigem Bewuchs.

Hochstiebender Stieglitzschwarm überm Blühfeld

Hoch aufragend dagegen erstreckt sich, zwischen Landstraße und Feldweg, ein großer Acker mit gemischter Zwischensaat, die noch blüht und fruchtet. Sie bildet einen Magnet für viele Kleinvögel, die darin untertauchen. Neben ein paar Buchfinken und einer kleinen Schar Goldammern sammeln sich hier vor allem an die hundert Stieglitze. In einer lockeren Vogelwolke, die unruhig über dem Blühfeld hin und her schwenkt, stieben sie ab und zu hoch, um schnell wieder darin zu verschwinden oder sich vorübergehend in einem kleinen Baum am Rande zu einem Gruppenchwatz zu sammeln.

♫ Stieglitze: lebhafte Gruppenkommunikation im November ♫

Über dem Blühfeld flügeln, wie ich überrascht feststelle, langsam und in niedrigem Suchflug zwei Kornweihen. Jedes Jahr kommen hier ein paar durch und halten nach vielversprechendenen Ackerstrukturen Ausschau …

Saatkrähen als jährliche Wintergäste in der Stoffener Feldmark

Vögel sind, wie ich immer wieder vom Neuem feststelle, ebenso findig wie ortstreu. Nicht nur kehren Zugvögel Jahr für Jahr an ihre alten Brutstätten zurück, sondern auch unsere Durchzugs- und Wintergäste suchen zuverlässig ihre gewohnten Rast- und Überwinterungsorte auf.
Das gilt für die Kornweihen ebenso wie für die Saatkrähen, die jährlich im Spätherbst in der Feldmark um Stoffen herum in großem Trupp erscheinen und sie mit ihren ♫ rauen Stimmen, tiefer als die der Rabenkrähen , erfüllen.
Das gilt für die nordischen Pfeifenten, die sich ab Frühwinter in zunehmender Zahl auf den Lechstauseen sammeln.
Und das gilt für die skurril-schönen Spießenten genauso wie für die Singschwäne, die sich, samt diesjährigen Jungen, pünktlich auf dem Lech bei Apfeldorf eingefunden haben. Was Überraschungen nicht ausschließt!

Singschwäne kommunizieren auch im Winter 2023/24 wieder lautstark auf dem Lech bei Apfeldorf

Ende November beginnt es zu schneien. Es schneit und schneit, bis Anfang Dezember Büsche und Bäume sich unter der Last dicker Schneeschichten biegen und der Verkehr auf Straßen, Schienen und Flugplätzen zuammenbricht. Nichts geht mehr. Ringsum wird es still.
Die Doppellinde gegenüber unserem Haus ist nun über und über mit Schnee bepackt und bis in die letzten dünnen Zweigspitzen von weißen Kristallen ummantelt. Dazwischen hier und da dickere Äste in kontrastierender Schwärze. Im Garten Spatzen, Amseln und Elstern – eine Welt in schwarz und weiß. Auch der heftige Wind klingt dunkel und bar jeder Farbe.
Beim Kolkrabenpaar, das vorüberfliegt, verliert sich jeder Schiller im Schneegestöber, und nur ihre Rufe machen sie uns kenntlich.

♫ Kolkrabenpaar, überfliegend ♫

Wenn der Futterplatz ungewöhlich lange leer bleibt, halten wir Ausschau nach dem Sperber. Meist ist es uns nicht möglich, ihn zu erspähen. Manchmal sehen wir ihn als geschwinden Schatten um die Ecke jagen. Manchmal erhaschen wir für Augenblicke das Männchen oder das Weibchen. Aber dann …
Dann sitzt er in der Quitte vor unserem Küchenfenster, lange, und wir können seine gluhen Augen bewundern.

Ein Sperber in der Apfelquitte

Die Raunächte nahen – die Dunkelheit nimmt zu

Im Dezember geht’s weiter mit Schneemassen, Tauwetter, Glatteis, Regen. Mit Hochwasser und Sturmböen, die mich fast vom Rad fegen, so dass ich das Umherfahren aufgebe. Aber: das Grundwasser ist endlich wieder aufgefüllt, wir hoffen auf eine Amphibienwanderzeit, in der kein Laichgewässer trocken gefallen ist – wie in den letzen Jahren oft passiert.

Zur Wintersonnenwende blakert und jault der Sturm ums Haus. Die Dunkelheit ist groß. Schluckt das Licht, kaum dass es in den Tag gesickert ist. Und die Kriege hören nicht auf, das unerbittliche Morden.
Die Zweige der Doppellinde schwanken pechschwarz im Gegenlicht. Jetzt sind die meisten Flügelblättchen, die zitternd bei jedem Luftzug bis zum Schneeeinbruch durchgehalten hatten, davongeflogen. Der Himmel hängt nicht wie sonst zwischen den Zweigen, in plastische Pastellfarben getaucht, sondern steht wie eine Wand dahinter, in kränklichem Weißlichgrau, das den Tag nicht erhellen kann.

Die Vögel verbergen sich. Das Rotkehlchen, über dessen Erscheinen wir uns so gefreut hatten, ist wieder verschwunden. Selbst unsere Sperlingsschar ist nicht mehr recht munter. Vor kurzem tauchten sie stundenlang gar nicht mehr auf, da muss der Sperber wieder zugeschlagen haben.
Die Natur – was genau ist das? – ist weder grausam, noch moralisch, noch romantisch. Sie i s t einfach. Geht ihren geheimnisvollen Gang. Mitleid ist eine menschliche Privatangelegenheit und spielt keine Rolle im Naturgeschehen. Grausamkeit dito. Licht und Dunkelheit durchdringen sich auf undurchschaubare Weise im Wurzelgrund unseres Daseins. In den sich das Leben unserer Bäume ganz konkret im Winter zurück zieht. Es bleibt der Sturm, das Aufgewühlte. Rüttelt an den Häusern. Heult.

Eistaucher und andere Dezemberüberraschungen

Am Ammersee ist mitten in Eis und Schnee, am 1. Dezember, ein seltener hochnordischer Vogel aufgetaucht, ein Eistaucher – heimisch in Taiga und Tundra von in Grönland, Island undNordamerika bis hoch hinauf in die Arktis. Er ist geblieben, wird mal hier, mal dort am Ammersee gesichtet, sogar am Dampfersteg Dießen.
Spektakulär ist seine Stimme, die allerdings nur zur Balzzeit einsame nordische Seen beschallt. Oder Kino- und Fernsehfilmen unterlegt wird, um, wo auch immer die Handlung spielt, das Gefühl von Wildnis beim Betrachter hervorzukitzeln.
Ich höre den Balzruf – von einem kanadischen Kollegen aus Xeno-Canto geborgt – nicht ohne dieses gewisse Schuddern auf meiner Haut, das mich in Wildnisse zurückbeamt, die ich einmal gekannt haben muss.

♫ Eistaucher, „Gesang“, Kenai Peninsula Borough, Alaska ♫

Ende Dezember hat sich der Sturm gelegt. Auf dem Lech bei Apfeldorf, Stauwurzel Ost, geht es gemächlicher, aber nicht weniger spektakulär zu. Zu den Singschwänen, jetzt über 100, hat sich ein bei uns so seltener Zwergschwan gesellt. Ich erwische ihn am Silvestermorgen sogar mit der Kamera, als er endlich seinen Kopf aus den Federn zieht: kleiner als die Singschwäne, aber ebenso schön, mit etwas weniger Gelb am Schnabel. Gewöhnlich überwintern Zwergschwäne in Nordwesteuropa zu Hunderten!

Zwischen den Schwänen tummelt sich, und das ist hier tief im südlichen Binnenland besonders sensationell, ein Säbelschnäbler. Einer dieser langbeinigen schwarz-weißen Watvögel, der von wer weiß wodurch und woher an den Lech verdriftet worden ist.

Ein Säbelschnäbler in Borkum am Rande des Watts, wo er in kleinen Kolonien brütet und seine ♫ Stimme hören lässt ♫

Wir haben diese Art vor allem in Borkum kennen gelernt. Wo er, oft im Gleichtakt mit anderen Artgenossen, seinen langen, dünnen Schnabel, leicht geöffnet, durch Schlick oder Niedrigwasser hin und her pendelt, um kleine Krebstiere und Insektenlarven zu fangen. Ein ganz unwahrscheinlicher Anblick. Vor dem Schilfgürtel ist das Wasser jedoch nicht seicht genug. Also hat sich der seltsame Vogel auf eine andere Fangmethode verlegt: er gründelt wie eine Ente, den Steiß steil in die Höhe gereckt! Deshalb ist er von Weitem lange Zeit nur als schwarz-weißes Federbündel auszumachen. Als er endlich einmal pausiert und auf dem Wasser herumschwimmt, kann ich seinen so kühn gebogenen Schnabel sehen … sh. auch ornitho vom 1. Januar.

Dann kommt Wind auf. Langsam sickert schon wieder die Dunkelheit in den Tag. Das Jahr geht unweigerlich zu Ende. Ich habe hin und her geschwankt, ob ich hier zum Schluss den Eistaucher heulen oder die Singschwäne noch einmal posaunen lasse und mich für die Singschwäne entschieden.

♫ Singschwäne auf dem Eis bei Dornstetten, Duette und Chorgesang, Neujahr 2017 ♫

Der große Neujahrsposaunenchor, vor Jahren am Lech bei Dornstetten aufgezeichnet, gehört für mich nach wie vor zu meinen schönsten Schwanenaufnahmen. Seine wild lebendige Kraft eignet sich ganz besonders, um das alte Jahr zu verabschieden und gebührend zu begrüßen, was da kommt: das ganz und gar unbekannte Neue Jahr.

Die Weihnachtsbotschaft der Vögel

„Die frohe Weihnachtsbotschaft der Vögel“ – Ensemble Kunterbunt, Loburg

Die Weihnachtsbotschaft der Vögel

Kurzvortrag anlässlich des El Cant d’Ocells-Konzerts „Lieb Nachtigall wach auf“ am 8. Dezember 2023

In zwei Wochen ist Wintersonnenwende, und dann feiern wir wieder mit Weihnachten die Geburt Jesu vor 2000 Jahren. Die Geburt Jesu in einem Land, das derzeit in Krieg, Elend und Blut versinkt, in dem so viele Kinder getötet worden sind und weiter getötet werden. Dennoch: Gerade jetzt, in dieser Zeit voller Unsicherheit, Angst und Gewalt sollten wir uns daran erinnern, dass Weihnachten eine Zeit des Wunders und der Hoffnung ist – oder zumindest sein sollte.
Wir feiern, wenn wir uns nicht vom Konsum ersticken lasssen, oder von Trauer, die Hoffnung darauf, dass es in dieser Welt Erlösung gibt. Wir feiern die Hoffnung auf das Ende der Dunkelheit und auf die Wiederkunft und Wiedererstarkung des Lichts. Mit anderen Worten: Wir feiern die Hoffnung auf ein Wunder.

Immer noch, auch in diesen zerstörerischen Zeiten, sind die Natur, und darin nicht zuletzt die Vögel im Grunde Wunder pur, wenn wir ihnen mit offenen Sinnen begegnen.
Vögel bewegen sich mit Leichtigkeit durch die Luft. Sie setzen sich auf irgendeinen Ast – manchmal punktgenau auf den, den sie ein halbes Jahr zuvor bei ihrem Start nach Afrika verlassen haben – und singen los, als wären sie in einem Konzertsaal. Sie sind frei und wild, wie es im Lied „Es saß ein klein wild Vögelein“ gerade besungen wurde, und sie brauchen keine mit Gold und Silber umwundenen Flügel, und Käfige schon gar nicht. Und die Menschen haben ihnen immer gern zugehört.

Eine Dorngrasmücke singt „on the top“ am Rande der Thaininger Kiesgrube

An Vögeln imponiert mir besonders, dass gerade die begabtesten unter ihnen, große Solosänger wie Amseln, Grasmücken, Rotkehlchen, Nachtigallen ihre Brutreviere kraft ihrer Gesänge abgrenzen. Auf diese Weise schaffen sie Klangreviere, die sie in der Regel gegenseitig respektieren, so dass sie darum gar nicht erst harte Auseinandersetzungen führen müssen.
Im Gegenteil: wenn zwei oder drei Sänger entspannt innerhalb ihrer jeweiligen Klangreviere singen, hören sie einander zu, regen sich gegenseitig an und konzertieren oft im Wechsel miteinander, gleichen ihre Motive sogar an.
Mit anderen Worte: Frieden schaffen ohne Waffen, dieser alte Slogan aus der Friedensbewegung, der heutzutage bei vielen Politikern gerdezu verpönt zu sein scheint – dieses Frieden schaffen ohne Waffen ist im Grunde ein Motto der Vögel und eine echte Weihnachtsbotschaft.

Vögel sind ja immer noch kleine, überaus flugfähige und hochmusikalische Dinos – Dinodiven sozusagen. Sie haben schon vor vielen Millionen von Jahren ihre Schnäbel gewetzt, lange vor unserer Zeit, und ihre Urmusik, ihre vielfältigen Laute und Weisen haben die Evolution der Menschheit von Anfang an begleitet.
Deshalb gehören Vögel, die Vielfalt ihrer Stimmen und die innere Stille, die sie verbreiten, unlösbar zu jenen grundlegenden Umweltbedingungen, die unser inneres Gleichgewicht stabilisieren.
Während Lärm und Kriegsgeschrei es nachhaltig zerstören. Dies, ebenso wie ein stummer Frühling, in dem sich kein Vogel mehr rührt, ist nicht nur für Vogelliebhaber eine erschreckende Vision!

Singendes Blaukehlchen, von Herbert Hendekes

Was hat Olivier Messiaen, der große Musiker und Vogelkenner des 20. Jahrhunderts, geschrieben: Was mich am meisten erneuert hat, ist, glaube ich, mein Umgang mit den Vögeln. Das hat viele Leute zum Lachen gebracht … Sie glauben, dass es „niedrige“ Tierarten sind … . Das ist vollkommen idiotisch. … Als ich mich mit den Vögeln befasste, habe ich begriffen, dass der Mensch so viele Dinge nicht erfunden hat, sondern dass so viele Dinge schon vorher um uns herum in der Natur existierten – nur hat man sie nie gehört.
Jeder Vogel ist ein lebendiges Leitmotiv, weil er seine eigene Ästhetik und sein eigenes Thema hat. … Ich habe den Eindruck, dass sie alles gefunden haben …, sogar die Mischungen von Klangfarben, die man heute sucht, und Nachhalleffekte.

Vögel haben ein absolutes Gehör. Sind fähig zu intonieren und zu transponieren. Sie können modifizieren, variieren und, wie unsere Amseln, in jeder Saison Neues erfinden und in ihr Repertoire einbauen. Das alles sind vokale Fähigkeiten, die hörbar weit über ihre Funktion, Brutreviere zu markieren und Weibchen anzulocken, hinausgehen. Ganz abgesehen davon, dass, wie man inzwischen weiß, viele Vogelweibchen singen, sogar zu den Jungen in ihren Eiern.
Für mich ganz persönlich ist gerade der Morgenchorus der Vögel im Frühling, der sogenannte Dawn Chorus, der lange vor Sonnenaufgang einsetzt, ein großartiger Schöpferlobgesang, der seine biologischen Funktionen weit übersteigt. Dies ist natürlich keine offizielle wissenschaftliche Verlautbarung!
Hören wir den Vögeln und ihren musikalischen Kunststücken doch einfach mal zu!

Nach einem Regenguss singt in unserem Dorf ein Star auf seinem Nistkasten
Helmeted Hornbill, der lachender Nashornvogel, fotografiert von Tim Laman , National Geographic 2018

Und zum Schluss noch mal das Rotkehlchen, das zu Anfang unseres Konzerts leise zum Lied vom bitteren Winter gesungen hat.
Vögel singen ja so schnell, dass wir das gar nicht alles erfassen können. Und das heißt, dass unsere einfallsreichen Vögel noch viel einfallsreicher, differenzierter und kunstvoller singen, als wir überhaupt im Stande sind zu hören.
Im letzten Jahr habe ich einen Musiker kennen gelernt, Johannes Quistorp aus Peißenberg, der auch ein großer Liebhaber der Vogelgesänge ist. Er arbeitet mit einer Software, einem Overtone Equalizer, der vor allem von Sängern und Sprachtherapeuten eingesetzt wird. Man kann damit durch Verlangsamung vor allem Obertöne analysieren.
Ich habe ihm die Rotkehlchenaufnahme geschickt, und er hat sie bis zu 16fach verlangsamt. Dabei werden die Klänge naturgemäß nach unten oktaviert.
Und nun hören Sie mal, was er bei der Verlangsamung von nur einer der Strophen entdeckt hat.

Weibchen oder Männchen? Die Frage muss, wie beim Star, offen bleiben, denn bei beiden Arten singen auch die Weibchen

siehe auch: https://youtu.be/ywxGWZ5jqq8

Melodie erkannt? Ja, die Natur ist ein Konzerthaus – wenn man so will: Gottes Konzerthaus!

Ätna

Ätna

endlos im aufstieg begriffen
immer den rauchzeichen nach
ankunft
niemals und doch
den flammen näher denn je

ätna glatzköpfiger alter
gorgon voller flugaschenglut
esskastanienumkräzter
feuermoloch der sich wälzt im
eignen geschmolzenen
fleisch
worin das zyklopenaug kocht

larvenhaut: lavaverbrannte:

was sich entzündet an dir
nie kehrt es zurück zur
verlorenen
form



das geheimnis

das geheimnis

lange gespäht
gebohrt geforscht:
es bleibt
unentschlüsselbar

so offenbar verborgen
so hochmohnrot leuchtend
und lodernd
dass der blick unversehens
den schleier nimmt

alle schlüssel die ich
in händen hielt
lösten sich auf in dunst
und flogen als
distelsamen davon

mir bleiben nur die lieder
der bäume und wilden vögel
und die wissenden
stimmen der kinder
fremdzüngig allesamt
die es mir in die ohren rauschen
so verborgen so offenbar
dass ich nichts anderes kann
als lauschen lauschen
und lauschen

rattenpfiff

rattenpfiff

container halten mauloffen feil
tag unter: die nachtschwadron
rückt an das
nacktgeschwänzte regiment
seine langen barthaare hissend
besteigt es tausend containerthrone
wo fäulnis die knöchelchen
schwingt und nacht ihr loddergelumpe
lüpft aus plaste elaste kadavermüll
und das heer an den abfallbusen drückt
den überfließenden fetten – das
nagt und schmatzt und vergoustiert und
hört den spielmann nicht
der lockend die fängerflöte bläst –
ihm folgen nur die kinder der welt
ins sesam öffne dich nicht …
die grauen
pfeifen sich eins
nicht jede wenn der morgen blaut
schlüpft in ihr kloakennest zurück
sondern
hockt sich auf ihre hinterbeine am
sockel des obelisken
die vorderpfötchen zur brust
gefaltet
pfeift allem was da vorübertreibt
die pestilenz an den hals



junijuchzer

junijuchzer

im grün über grün der quell
der sich nicht finden lässt
ist immer da samt quellnymph
tarnt sich mit schillernden
schleiern aus wind
kichert
verlacht meine mühseligkeiten

ich sollte das stöbern lassen

weiß ja man kann das wunder
nur ohne frommen firlefanz
wie die kinder verpurzelbäumen
oder im trampolin
mit hochgezogenen springfüßen treten
wie den wind die luft das garnichts
bis es wippt und mit sorglosen juchzern
über alles taube geschneck hinweg
mich tiefer verstört und betört