Das Füllhorn wird ausgeschüttet: aktuelle Julinotizen

Das Füllhorn wird ausgeschüttet: aktuelle Julinotizen

Hitze, verschwimmende Linien, verschwommene Gedanken: sich durchdringende Spiegelungen am von Weiden umstandenen Egelsee

Jetzt beginnt die Noch-Zeit. Noch blühen Rosen in Garten und Feld. Noch brüten Vögel oder füttern ihre Brut. Noch singen die Zilpzalps ein paar ihrer Zipp-Zapp-Takte und die Mönchsgrasmücken ihre jubelnden Überschläge, noch orgeln hier und da Gartengrasmücken im Gebüsch. Doch der Frühling ist definitiv vorbei, schon läuft der Frühsommer aus, und wie jedes Jahr geht es mir viel zu schnell.
Hochsommer kommt. Hitze, verschwimmende Linien, verschwommene Gedanken. Das Füllhorn wird ausgeschüttet. Alles reift, strotzt, protzt. Nichts Strenges, Klares ist greifbar. Üppigkeit ist angesagt. Blühen, Auswachsen, Anschwellen von schnell vergänglichen Formen. Verschwenden.

10. Juli 2022

Seit über einer Woche ist auch die zweite Brut der Stare ausgeflogen. Jetzt streunt die Starenbande durch die Landschaft, hier bei uns sind sie kaum noch zu sehen. Keine langgezogenen Starenpfiffe mehr. Keine regelmäßige Amselflöte in aller Frühe. Auch wenn die Lerchen noch singend über mir hängen, wenn ich die Feldmark durchradle: mitten in der Fülle beginnt nun allmählich die stade Zeit der langsam verebbenden Vogelgesänge.
Weggewelkt ist das Lichtgelb des Klappertopfs, die Mohnkapseln haben ihre winzigen Samen verstreut. Aber noch blüht es üppig überall: Wegwarte, Malven, Disteln, Nacht- und Königskerzen, Kletten, Engelwurz, Lein.
In den Wildwiesen, und an Wegrändern, die nicht gemäht werden, steht das Mädesüß hoch und flaumflockig wie Wollgras, bildet seine bizarren Formen.

Auch die Lichtnelken werden gern von Zitronenfaltern angeflogen

Überm Gartenzaun hängen die Rosen, blüht die blaue Clematis. Die Taglilien öffnen sich nach und nach, die Himbeeren sind reif und die Kardenköpfe umkränzen sich mit kleinen lila Röhrenblüten, an denen zahlreiche Insekten saugen. Allen voran die leuchtend gelben Zitronenfaltermännchen, die ebenso gern Lichtnelken anfliegen. Ob Rosarot sie besonders anzieht?

Noch mit Flusen am Kopf: Junges Hausrotschwänzchen Anfang Juli

Amseln und Hausrotschwänze tun heimlich. Vorhin, als ich still saß, zeigte sich kurz hintereinander das Rotschwanzweibchen, knickste mit Futter im Schnabel, äugte, knickste, äugte – und verschwand am Nachbarhaus unterm Dachfirst, da, wo ein Balken vorspringt.

♫ Bettelrufe junger Hausrotschwanz-Nestlinge kurz vorm Flüggewerden ♫

Schon gerötet: Flügges Hausrotschwänzchen Anfang Juli

Die Häuser sind der Fels, auf dem sie jedes Jahr brüten, und überall im Dorf wird frühmorgens ihr raues Lied von den Dächern herunter geschmettert.

♫ … noch ist ihr raues Lied von den Dächern herunter zu hören ♫

Auch die Amseln versorgen jetzt ihre zweite Brut. Wieder schlüpfen Amselweibchen und -männchen mit dicken Würmern im Schnabel umher, aufmerksam nach allen Seiten äugend, verschwinden, wenn sie sich unbeobachtet glauben, ganz oben im dunklen Eck, wo unsere beiden Haushälften zusammenstoßen und die wuchernde Jungfernrebe ihrem Nest vollkommenen Sichtschutz bietet.

Die Greifvögel haben ebenfalls erfolgreich Junge großgezogen, allen voran und unüberhörbar die Mäusebussarde.

Vom Waldrand herüber schreien junge Mäusebussarde

Bis vor einigen Jahren brüteten hier im Forst, gleich um die Ecke, Habichte, die an und ab ein Huhn holten, und jedes Jahr mehrere Junge großzogen. Zu sehen waren die Ästlinge kaum, aber ihre Bettelrufe gellten aus verschiedenen Tiefen des Waldes und zitterten noch in den Blättern nach, wenn die nächste Bettelserie losbrach.

♫ … ihre Bettelrufe gellten aus verschiedenen Tiefen des Waldes ♫

Leider sind Habichtästlinge seit einigen Jahren nicht mehr zu hören. Wohl aber die Rufserien der Alten, sie müssen jetzt in einem anderen Teil des Waldes brüten.

11. Juli 2022

Die Staudenwicke hat sich hochgereckt, lehnt weit überm Zaun. Ihre rosaroten Blütenschlünde sind bei Insekten sehr beliebt, die Zitronenfalter besuchen sie scheinbar noch lieber als die Kardenköpfe.
Was da vorhin angeschwärmt kam ist aber dick, fast plump und dennoch zum Staunen schön.
Zuerst ist nur ein tiefes Brummen zu hören. Dann erscheint ein geflügeltes Wesen mit dickem schwarzschillerndem Leib und schimmernden blauen Flügeln. Glasflügler geht mir im ersten Moment durch den Kopf, denn die blauen Flügel sind durchsichtig. Aber Glasflügler, die zu den Schmetterlingen zählen, haben zarte Leiber. Und können Schmetterlinge brummen?

Die blauflügelige Holzbiene an einer Staudenwickenblüte …
… mit Blütenstaub hinterm Kopf …

Dann erinnere ich mich an den Weinberg im Kaserstuhl, wo wir, erfolgreich, nach dem Turteltaubenpaar fahndeten und wo ein ausladender Blasenstrauch von großen schwarzen Insekten umschwärmt wurde. Worauf uns die Winzerin extra hinwies, denn hierzulande sind sie selten: Holzbienen!
Ein besonderer Gast also. Oder ein Neubürger? Eine der südlichen Arten, die mit der Klimaerwärmung langsam nach Norden vordringen und, wie meine Recherche ergibt, unter den Lippen- und Schmetterlingsblütlern Wicken als Nahrungsgeber bevorzugen – vielleicht ist der Wickenschlund für ihren Saugrüssel besonders passgerecht!

… und mit durchsichtigen blauen Flügeln – hier links vom Wickenrosa durchschimmert

Holzbienen brauchen das, was in gewöhnlichen Gärten selten vorkommt: mürbes, morsches Totholz, in das sie mit kräftigen Mandibeln ihre Nestgänge nagen. Jede für sich allein, denn sie leben solitär.
Wie unerschöpflich das Füllhorn ist!
Allmählich begreife ich, dass wir die Natur nicht zerstören können. Wohl aber jene natürlichen Grundlagen, auf denen unsere Existenz auf diesem Planeten beruht.

Jetzt stehe ich am Zaun und staune. So viel blau-schwarze Exotik! Auch wenn man ihn im Gewirr der Blüten nicht immer sehen kann: es ist leicht den Flug des Blaugeflügelten zu verfolgen: Tiefes Brummen und das Wippen der Wickenblüten markieren seinen Zickzackkurs.

14. Juli 2022

Sommer ist. Es ist heiß und zunehmend trocken, die Luft zwischen den Feldern riecht hitzig nach Staub und Getreidebrodem, die Frühlingswürze hat sich verflüchtigt.

Die Hollerbeeren sind schwarz geworden, schwarz mit ein wenig Blauschimmer, die Vogelbeeren leuchten rot. Ganz im Gegensatz zum letzten Jahr gab es heuer auch bei den Ebereschen ein großes Fruchten. Ob die Wacholderdrosseln wiederkommen, um sie zu ernten?

Zeit der jungen Vögel.
Bei der Futterstelle im Hollerbusch, direkt vor unserem Schlafzimmerfenster, hocken erneut aufgeplusterte junge Spatzen, betteln mit bebenden Flügeln, lassen sich von den Eltern die Schnäbel stopfen, obwohl sie selber längst fressen können. Das dürfte jetzt die dritte Brut sein.
Junge Blaumeisen kommen an die Futterstelle gehuscht, klein und zart, noch recht blass auf dem Scheitel, die Wangen gelb. Junge Kohlmeisen sind vor kurzem wieder aufgetaucht, ihrem Bettelgeschrei nach gerade flügge geworden, auch sie noch im blassen Jugendkleid.

Junge Bachstelzen auf dem Dachfirst

Die Bachstelzen, die seit Jahren ihr Nest auf dem Nachbardach hinter den Solarmodulen bauen, spazieren auf dem Dachfirst entlang, singen aber selten. Man hört ihren leisen Gesang ohnehin nur, wenn man ein wenig Glück hat und sehr aufmerksam ist:
♫ Bachstelzengesang, eine Mischung aus Rufen und leisem Schwätzen, schnell dahin plätschernd wie ein kleiner Bach ♫
Jo hat eine der Amseln mit Würmern im Schnabel gesehen, heimlich wie stets. Sie füttern also ihre zweite Brut.

In der Kiesgrube sammeln sich die Graugänse, junge und alte, rund 250 habe ich vorgestern gezählt. Ein Zwergtaucher kurvt herum, noch ist auf erfolgreiche Brut zu hoffen – letztes Jahr zeigte sich hier Anfang September ein Zwergtaucher, der sein Küken auf dem Rücken trug.
Die Flussregenpfeifer sind weiter präsent, sie haben erfolgreich gebrütet und fliegen lebhaft rufend hin und her. Und nicht weit von der Kiesgrube, im Bibersumpf, schwer einzusehen, tauchte heute plötztlich eine Kolbenente auf, ein Weibchen, und zog zehn eilig paddelnde und piepsende Küken hinter sich her, darunter zwei fast ganz schwarze, die wie Reiherentenküken aussahen. Während im großen Gebüsch am Rande geradezu ekstatisch eine Gartengrasmücke sang, einer dieser Sänger, die außerordentlich lange Sequenzen orgeln.

Landsberg ist leider keine Stadt, über deren Zentrum im Sommer ständig viele Mauersegler präsent sind und hin- und her schießen, mit diesen hohen schrillen Schreien, die für mich d e n Stadtsommersound schlechthin bilden. Deshalb war es heute heute ein Glücksfall, im Westteil der Stadt wieder einmal einen Trupp von etwa zwanzig Vögeln zu sehen, die im üblich rasanten Tempo über die Straße stürzten. Eine bittersüße Beobachtung, denn in Kürze, Anfang August, wird es die Luftjäger schon wieder forttreiben aus ihrem Sommerrevier, das sie nur für diese kurze Brutperiode besuchen. In Landsberg brüten sie vor allem in der Breslauer Straße, weil hier für sie zahlreiche Brutkästen aufgehängt worden sind, durch deren Schlitze sie zielsicher und mit großer Geschwindigkeit einfahren, mitten aus dem Flug.

♫ Nur einen kurzen Sommer lang zu hören: die schönen schrillen Schreie der Mauersegler über der Stadt ♫

Wir haben das an einem warmen Juliabend von einem der Gärten hinter der Häuserfront bis in die Dämmerung hinein beobachtet. Und gehört, wie ihre Schreie mit dem Späterwerden schriller wurden, wie sie gruppenweise heranjagten und über unsere Köpfe sausten, manchmal so tief, dass der scharfe Laut, mit dem ihre Flügel die Luft durchschnitten, in unseren Ohren gellte, während im Hintergrund eine Stadtamsel und ein Großes Grünes Heupferd ihre geruhsamen Abendlieder sangen.

Kleine Wildnis zwischen Holler und Heckenrosen – Ortstermin mit Neuntötern

Kleine Wildnis zwischen Holler und Heckenrosen – Ortstermin mit Neuntötern

23. Juni 2022

In einer Landschaft, in der nichts unberührt ist und jedes Fleckchen vom Menschen in Angriff genommen wurde, gehören Kiesgruben zu den allerdurchwühltesten Orten. Dennoch macht sich hier, wo kleine Bereiche ungestört bleiben, schnell wieder etwas breit, was ein wenig verächtlich Wildwuchs genannt wird, hochtrabender: Sekundärhabitate, in denen sich Vögel, Amphibien und Insekten ansiedeln, die sonst keine Bleibe mehr haben.
Neuntöter zum Beispiel.

Neuntötermännchen: immer auf auf hohem Ansitz

Nicht weit von unserem Wohnort schlingt sich ein holpriger Weg, meist verlassen, um eine kleine Kiesgrube herum. An der einen Seite eine steile Böschung, die zum Feld hin abfällt. Das wiederum erstreckt sich zwischen Straße und Wald. An der anderen Wegseite ein Maschendrahtzaun. Er grenzt die Kiesgrube ein, die nur gelegentlich von Transportlastern befahren wird. So weit ich das wahrnehme, wird hier nicht mehr abgebaut, nur noch befüllt. Wildwuchs drängt sich vor und hinter dem Zaun. Zur Böschung hin ein ineinander verwachsenes Holler- und Wildrosengebüsch: Ideal für ein Nest im Verborgenen.

Im Schattenriss: Neuntöter mit Insektenfutter im Schnabel

Hier müssen sie gestern ausgeflogen sein. Ständig war das Männchen auf seiner Ansitzwarte präsent und ständig warnte das Weibchen. Im Schattenriss war auch zweimal ein Altvogel mit einem Schnabel voll Insekt zu sehen, einem großem Insekt, mit dem es im Busch verschwand.

Neuntötermännchen in Weide hinterm Zaun

… und ständig warnte das Weibchen

Jetzt ist es hier so still, als wenn gestern nichts gewesen wäre. Nur kurz, denn es ist noch früh, lärmt ein einzelnes Auto vorbei. Und noch einmal lästiges Reifengeräusch. Am Himmel weiße Bauschewolken, bewegen sich kaum. Auf dem langen kahlen Zweig hinterm Zaun, auf dem gestern ständig das Männchen saß: nichts.

Ich spüre, wie die Sonne langsam meinen Rücken wärmt und baue zögernd mein Spektiv, meine Kamera auf. Berge mich, so bewegungslos wie möglich, an der Seite zwischen Wildkräutern und Holler. Deutlich kann ich fühlen, wie mein Eindringen die Stille stört, die hier wie in allen Naturräumen herrscht: dies gärige Knistern und Knispern, dies tonlose Gespräch, das all das Lebendige ringsum stets und ständig miteinander führt und das unseren tauben Ohren zumeist verschlossen bleibt.

Ich versuche mich nicht zu rühren, wie weiland Annie Dillard, wenn sie sich auf Bisamrattenpirsch befand. In ihrem Buch Pilger am Tinker Creek beschreibt sie in dem großartigen Kapitel Pirschen, wie sie sich Bisamratten nähert – auch Zwergbiber genannt -, die keine Ratten und extrem wachsam sind, fast noch wachsamer als Vögel:

Das Pirschen ist eine reine Fertigkeit … . Glück spielt selten eine Rolle. … Noch mehr als Baseball ist Pirschen ein Spiel, das total in der Gegenwart gespielt wird. Zu jeder Sekunde entscheidet mein Geschick, ob die Bisamratte kommt oder bleibt oder flieht. Kann ich mich still verhalten? Wie still? Es ist erstaunlich, wie viele Leute nicht still halten können oder wollen. Ich könnte und wollte im Haus keine dreißig Minuten stillhalten, aber am Fluss werde ich langsam, zentriere mich, werde leer. … In meinem Kopf sage ich nicht: Bisam! Bisam! Da! Sondern ich sage nichts. Wenn ich in einer Stellung verharren muss, mache ich mich nicht steif … sondern werde ruhig. Ich zentriere mich, wo ich gerade bin, ich finde eine Balance und eine Ruhehaltung. Ich ziehe mich nicht zurück in mein Innenleben, sondern aus mir heraus, so dass ich ein Sinnengewebe bin. Ganz gleich, was ich sehe, es ist genug, mehr als genug. Ich bin die Haut auf dem Wasser, auf der der Wind spielt; ich bin Blütenblatt, Feder, Stein.
aus: Pilger am Tinker Creek, Matthes & Seitz, Berlin, Naturkunden No. 28. Im Englischen Original 1974 erschienen

Ja, das ist es, das trifft genau den Punkt: Aus sich selbst heraustreten. Warten, nichts erwarten. Nur ein Ohr, ein Auge, ein Sinnengewebe sein! Jetzt nehme ich die erste flüchtige Bewegung wahr, dort, im Gebüsch weiter unten am Weg, das von Brennesseln umwuchert wird. Langsam gelingt es meinen Augen, licht- und schattenerfüllte Lücken zwischen den Blättern zu unterscheiden. Bin plötzlich sehend und kann sie erspähen: Ja, oja, da hocken sie in einer gut belichteten Lücke zwischen den

Zwei der drei Jungen, halb versteckt im Gebüsch

Zweigen, rücken und ruckeln ein wenig hin und her oder huschen kurz auf und ab, bewegen sich sonst kaum: drei Junge, gerade flügge; offenbar gut genährt und recht still auf Futter wartend. Dass sie so still sind, wundert mich. Denn gelegentlich betteln junge Neuntöter recht laut. Mag sein, dass diese hier zu weit weg sind, zu leise oder jünger als die auf der älteren Tonaufnahme.

♫ … denn gelegentlich betteln Neuntöterjunge recht laut ♫

Wenn sie nicht füttern, hocken Männchen und Weibchen ebenfalls auf diesem Gebüsch, besser sichtbar als die Jungen, auch sie heute recht still. Ich entdecke sie erst nach und nach. Das Männchen sitzt oben auf einem hervorspießenden kahlen Zweig, das Weibchen weiter unten, viel unauffälliger.

Spät sind sie aus dem südlichen Afrika zurückgekommen und schon ab Mitte Juli , spätestens im August wird sich der Familienverband auflösen und aus diesem Brutgebiet verschwinden, die Alten früher als die Jungen. Um, jeweils einzeln, schon früh im Herbst die lange Reise nach Afrika anzutreten, über die Sahara hinaus.

Neuntöter gelten in Deutschland als noch nicht gefährdet, doch ist ihr Lebensraum durch die sogenannte Flurbereinigung stark geschrumpft. Ihre nahen Verwandten, Rotkopfwürger und Schwarzstirnwürger, sind in Bayern längst ausgestorben, seit Ende der 70er Jahre, und der Raubwürger wird auf der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ geführt.

Wie gut, dass sie hier vor Ort Erfolg hatten, die schönen Vögel mit den hässlichen Namen. Neuntöter, Rotrückenwürger, Dickkopp, Dorndreher – weil sie erbeutete große Insekten manchmal als Vorrat oder Zerkleinerungshilfe auf Dornen aufspießen, eine Kunst, die die Jungen von ihren Eltern erst lernen müssen.
Heckenschmätzer wurden sie früher ihres Rufs wegen genannt. In dieser Aufnahme, die ich erst gestern gemacht habe, sind die schmätzenden Laute von Weibchen und Männchen besonders deutlich zu hören. Zwischendurch, ab 0:16, Bettelrufe der Jungen, die sich nun doch ein wenig Gehör verschaffen. Im Hintergrund singt, ab 0:07, besonders beharrlichlich eine Goldammer.:

„Heckenschmätzerrufe“

Der kuriose Neuntötergesang ist dagegen selten zu hören, und nur zu Beginn der Brutsaison
Anfang Mai, als ich in den Raistinger Wiesen Tonaufnahmen von Braunkehlchen machte, ist mir zufällig so ein langer Gesang ins Mikro geraten. Er hat mich zunächst irritiert, dann zunehmend fasziniert. Weil ich ihn hörte, ganz unvermittelt, während ich ein Braunkehlchen im Visier hatte: ein leises, eigenartig krauses Geschwätz mit vielen Imitationen und manchmal schönen Tönen dazwischen.

Neuntötergesang mit Feldlerchenbegleitung in den Raistinger Wiesen am Ammersee

Jetzt ist die Jahreszeit längst über Neuntötergesänge hinweggegangen. Sie werden erst wieder, mit Glück, im nächsten Mai zu hören sein. Und, wie sehr zu hoffen ist, auch an diesem wildwüsten dornigen Ort!

Nach der Fütterung: Weibchen (oben) und Junges

Schwirlen und Schwirren: Seltsame Sommervögel

Schwirlen und Schwirren: Seltsame Sommervögel

Taubenschwänzchen im Anflug auf Indianernessel

18. Juni 2022

Sonne, Regen, Schwüle, Gewitter, dabei immer noch Morgenkühle. Tropisches Wuchern von Blauregen, Schnecken, Fliegen, hier im Voralpenraum gibt es heuer Wasser genug.
Nun treibt alles auf den Höhepunkt zu: Der längste Tag, die kürzeste Nacht. Klimax des Wachstums, des Blühens, Brütens und Fütterns. Jungvogelzeit.

Ein Insekt und kein Vogel: Taubenschwänzchen

Seit einer Woche sind sie wieder im Garten zu Gast, diese Sommervögel, die statt Schnäbeln so feine Gebilde tragen, dass das Wort Rüssel viel zu grob dafür ist. Zarte lange Röhren, die sie auf- und ausrollen, um Nektar zu saugen. Wie Kolibris können sie auf der Stelle schwirren – so schnell, dass auf dem Foto verschwimmende Farbreflexe entstehen. Wobei sie, ohne die Pflanzen zu berühren, ihre langen Saugrüssel in die Schlünde der Sommerblüten stecken, auch in die besonders tiefen der wilden Prachtnelke.

Sommervogel ist ein bei uns veraltetes Wort für Schmetterling, im Dänischen jedoch als Sommerfugle lebendig, und Taubenschwänzchen ein gebräuchlicher, aber irreführender Name für einen der merkwürdigsten Schmetterlinge, die ab Juni, Juli zu uns kommen. Wenn wir Gärten haben oder Balkone. Wenn wir ihnen die richtigen, das heißt für sie lebenswichtigen, Nektar trächtigen Blüten zu bieten haben. Sommerblütenvögel, ich liebe sie sehr.

Wilde Prachtnelke im Moor: so viel- und flatterzipflig wie möglich

Vor Jahren, als ich zum ersten Mal meine volle Aufmerksamkeit auf eine Kamera statt auf meine Ohren richtete, verfolgte ich fasziniert die Flugbahnen eines Taubenschwänzchens, das immer wieder die Blüten einer Gruppe hoher purpurfarbener Indianernesseln anflog: und da gelang mir, mit typischen Anfängerglück, mein ausdrucksstärkstes Sommervogelfoto. Es spiegelt wie keines sonst das wider, was Inger Christensen die dichte Purpurfarbe des Lebens1) nennt. Diese Blühfarbe, diese Gemütsfarbe des Sommers, grundiert von der Trauer um ihre Vergänglichkeit, die uns Schmetterlinge in aller Fantastik vor Augen führen, hat niemand besser als Inger Christensen in ihrem Großgedicht Sommerfugledalen (Das Schmetterlingstal), beschrieben, formal ein Sonettenkranz, ich zitiere hier die beiden ersten Strophen des IV. Sonetts2):

Wie das Berggebüsch mit seinem Duft verdeckt,
dass das Blühen in all dem Vermoderten wurzelt,
dem Schattigen, Filzigen, Pelzigen,
einer wilden und labyrinthischen Unvernunft,

so kann der Schmetterling mit seinem Flattern verdecken,
dass er an den Körper des Insekts gebunden ist,
man glaubt, eine Blume fliege auf
und nicht dieser aufgereihte Bildersturm …

Eine fliegende Blume, gebunden an den Körper eines tagaktiven Nachtschwärmers, der am Körperende wie ein Taubenschwanz gezeichnet ist und mit seinem Schwirrflug so sehr an einen Kolibri erinnert, dass er auch Kolibrischwärmer genannt wird: was für eine Fantastik! Zahlreiche vermeintliche Kolibri-Sichtungen in Europa gehen auf Beobachtungen an dieser Schmetterlingsart zurück.

Federn besitzt er natürlich keine – wohl aber ein weiche Behaarung, ein regelrechtes Pelzchen. Kann dennoch Frost nicht vertragen, und da die Würfel der Evolution so gefallen sind, dass er als ausgewachsener Schmetterling überwintern muss, hat er wie Distelfalter und großer Fuchs ein Wanderleben entwickelt: er weicht zum Überwintern in den Süden aus und kann im Hin und Zurück sogar die Alpen überqueren. Als Folge des Klimawandels überwintern einige Taubenschwänzchen in neuerer Zeit aber auch in milden Regionen Süddeutschlands und legen im März die Eier für die nächste Generation.

Taubenschwänzchen an Borretschblüte – schon ramponiert vom Sommer, aber Pelzchen und Rüssel sind deutlich zu sehen

Und woher kommen die schönen wuschelköpfigen Sommerfugle, die wir hier seit einer Woche beobachten? Sind sie frisch geschlüpfte Nachkommen der Überwinterer, also hier in Bayern aus dem Ei gekrochen, oder über die Alpen zu uns geflogen? Vieles scheint noch nicht klar zu sein, wahrscheinlich mischen sich die Populationen und Generationen.

Eine Blüte anfliegen, sehr schnell – und rasend schnell schwirren – und kurz vorm Blütenschlund in der Luft stehen bleiben – so kurz, dass ich bei meinen ersten ahnungslosen Beobachtungen glaubte, er hätte die falsche, nektarlose Blüte angeflogen, und jetzt müsse er weiter suchen, und weiter … In Wirklichkeit hat der Schöne in Sekundenbruchteilen ausgerollt, gesaugt wieder eingerollt – wie schafft er das bloß – für meine grobschlächtige Wahrnehmung ein unvorstellbares Kunststück. Ich sehe von der Terrasse aus seinem Zickzackkurs von Blüte zu Blüte zu: Bartblume, Beinwell, Katzenminze, Bartnelke – Blau, Blaulila, Purpur: das lockt ihn an. Den leuchtenden Goldfelberich lässt er dagegen aus: diese Farbe scheint ihn buchstäblich nicht anzumachen.

In fünf Minuten kann ein Taubenschwänzchen mehr als hundert Blüten besuchen. Aber warum diese unermüdliche Geschwindigkeit? Sicher ist: die Flugmuskalatur, die für ein so kleines Geschöpf Gewaltiges leistet, kann dabei nicht auskühlen, bleibt auf Hochtouren, und lauernden Krabbenspinnen bietet er keinerlei Angriffsfläche. Alles andere bleibt verborgen im rätselhaften Gang der Evolution.

1) 2) aus Inger Christensen, Das Schmetterlingstal / Sommerfugledalen. Suhrkamp 1998, S. 9 und 13

Ein Vogel und kein Insekt: Feldschwirl

Wer kennt schon das Geschöpf, dessen Name sich auf Quirl reimt und das alles andere als quirlig ist? Ehrlich gesagt, ich habe es noch nie fliegen sehen. Auch einer, der den Sommer bei uns verbringt auf seine heimliche Weise.
Feldschwirl ist sein Name. Er ist kein Gewinner des Klimawandels. In ausgeräumten Agrarlandschaften fehlt er ganz, weil hier Feuchtgebiete zerstückelt und Hochstaudenfluren und Ufervegetation zerstört worden sind: deshalb steht er bei uns als stark gefährdet auf der Roten Liste.
Wie froh bin ich, wenn ich ihn im späten Frühjahr – denn vorher kommt es nicht aus Afrika zurück – endlich wieder, wie in dieser Aufnahme, zu hören bekomme.
Zu hören, wohlgemerkt – irgenwo aus dem Verborgenen heraus, einer Krautschicht oder einem Busch, auf jeden Fall aus niedriger Höhe. Leicht und sirrend und schwirrend wie der Sommergesang des Großen Grünen Heupferds kommt sein seltsames Lied daher. Ein wenig monoton, ja, das schon, aber dennoch dynamisch, wie das dem Lebendigen grundsätzlich eigen ist.
Der Feldschwirl ist aber kein Insekt, sondern ein Vogel, der heuschreckenähnlich zirpen kann. Locustella heißt er auf lateinisch: Kleine Heuschrecke. Auf Englisch: Common Grashopper Warbler. Zu sehen ist er fast nie, obwohl er zum Singen gelegentlich kleine Warten bevorzugt.

Er liebt offene feuchte Landschaften mit Sträuchern und niedrigem Bewuchs. Bevorzugte Brutplätze sind Großseggensümpfe und Pfeifengraswiesen, schütteres, mit Gras durchwachsenes Landschilf, Waldränder, extensiv genutzte Felder, Weiden, Heiden – alles, was stark verkrautet ist und ihm genügend Unterschlupf bietet. Immer in Deckung und meistens am Boden durchschreitet er die Krautschicht langsam, um Nahrung zu finden oder huscht, bei Gefahr, schnell davon wie eine Maus: wie könnte man ihn da finden. Zumal er in seiner Gefiederzeichnung zur großenr kbu-Fraktion gehört: klein, braun, unauffällig …
In einer extensiven Landwirtschaft ist – oder muss ich sagen: wäre er exzellent in seine Nische eingepasst.
Wie auch sein Schwirrgesang sich in das Gesangsensemble im Frühjahrsmoos- und moor nicht nur einpasst, sondern es auf spannende Weise untermalt und bereichert.

Feldschwirlgesang kurz nach Sonnenaufgang Ende Mai, eingebettet in den Chor der Morgenstimmen am Rande eines kleinen Feuchtgebiets. Eine historische Aufnahme, denn seit Jahren ist der Feldschwirl hier ausgeblieben.

Aufschlüsselung Soundscape vom 27. Mai 2012, ab 5:22 Uhr, Egelsee bei Hofstetten.
Gleich am Anfang Sumpfrohrsänger, Buchfink, Kuckuck, etwas später Rabenkrähen, ab 00:58 Singdrossel, bei1:40 setzen Grünfinken ein, ab 3:20 wird ihr „Klingeln“ sehr intensiv. 3:58 Blässhuhn, ab 5:03 wieder der Kuckuck im Hintergrund, ab 6:53 Füchse. Ab 7:03 wird der Gesang des Sumpfrohrsängers wieder deutlicher. Der Feldschwirl setzt gleich zu Anfang ein und ist bis 8:07 immer wieder, mit Pausen, zu hören. Sh. auch in Xeno Canto XC738037.

Ein Vogel, kein Heuschreck! Auch eine der wundersamen Kapriolen der Evolution.

Der Kuckuck und alle „Kehlchen“ sind zurück gekehrt

Der Kuckuck und alle „Kehlchen“ sind zurück gekehrt

20. April 2022

Im kleinen Feldgehölz, wo unter hohen Fichten, Eichen und Buchen schön blau gefärbte Eierschalen liegen, fast hühnereigroß, und wo unter der geschlossenen Decke der Baumwipfel eine eigenartig intime Atmosphäre herrscht, ist schon das seltsam klappernde Bettelgeschrei junger Graureiher zu hören. Es klingt ein wenig wie Storchengeklapper, besonders, wenn es an Lautstärke zunimmt, und wird doch nicht mechanisch, mit Schnäbeln, sondern vokal hervorgebracht.

♫ aus einem der Reiherhorste ertönt schon das klappernde Bettelgeschrei hungiger Graureiherküken ♫

Unter meinen Füßen welliges Gelände. Ich steige vorsichtig über Baumwurzeln und heruntergebrochene Äste, fahnde nach blauen Eierschalen, höre dem Sommergoldhähnchen zu, das verborgen da oben über mir singt. Ein leises Lied, ein hohes Lied, jedenfalls der Tonlage nach.

♫ leiser hochfrequenter Gesang eines Sommergoldhähnchens im „Graureiherwald“ ♫

Die kurzen Strophen beschleunigen sich zum Ende hin, steigen in der Tonhöhe leicht an und enden mit zwei, drei zarten Trillern. Im Hintergrund schackern am Anfang Wacholderdrosseln, sie haben hier eine kleine Brutkolonie. Ab 00:51 läutet eine Kohlmeise, ein Buntspecht klopft, ab 00:52 sind kurz die Flugrufe eines Graureihers zu hören

Er ist wieder zurück!

Ich nehme auf, versinke ins Hören – und fahre hoch. Da ist er, da ruft er zum ersten Mal, mischt seine Terz ins Frühlingsgeschehen: der Kuckuck ist wieder da!
Glücklich ist er über die Sahara gelangt, allein!, und jetzt, überpünktlich, zwei Tage vor dem traditionellen“Kuckuckstag“ – das ist nämlich der 15. April – in sein Sommerrevier zurück gekehrt. Aber er ruft nur einmal, ist offenbar weiter gestreunt.
Mit diesem Kuckucksruf, der den kommenden Hochfrühling ankündigt, geht die erste große Singestart- und Rückkehrwelle der Vögel zu Ende.
Denn auch alle „ … kehlchen“ haben sich singend zurück gemeldet. Ob blau, braun, rot oder schwarz, sie gehören sämtlich zur großen Familie der Fliegenschnäpper, diesen einfallsreichen Sängern und Insektenfängern, die den Drosseln nahe stehen.

Rotkehlchen

Als Erste hatten natürlich die Rotkehlchen ihren Auftritt. Vertraute Gestalten, die bei uns überwintern, meist verstärkt durch nordische Gäste, und als Herbst- und Wintersänger – und -sängerinnen! – bekannt sind.
Zur Zeit trällern sie aus voller Kehle.
Hier singt an einem frostigen Morgen vor Sonnenaufgang – ich habe minus 6°C notiert – ein Rotkehlchen seine besondere Liedversion. Diese Version gehört dem frühen Frühling an, mit langen Intervallen und ausgefallenen Motiven, bewegend und glasklar:

Rotkehlchemn, Dawn-Gesang
Glasklarer Gesang in der Morgendämmerung

ein Rotkehlchenlied in der Morgendämmerung, mit langen Intervallen und ausgefallenen Motiven

Und hier singt – obwohl ebenfalls an einem frostigen Morgen – eines im Vollgefühl des Frühlings, mit langen Trillern und triumphalen Kaskaden:

♫ ein Rotkehlchenlied mit langen Trillern und triumphalen Kaskaden ♫.

Schwarzkehlchen

Als Nächste setzten die Schwarzkehlchen ein. Sie sind keine Langstreckenzieher, sondern überwintern im Mittelmeerraum und kommen oft schon Mitte März zurück, um in ihre Brutreviere einzurücken.
Zum Beispiel in den Raistinger Wiesen.
Auch dies eine gezähmte Landschaft mit Weidezäunen und Pferdekoppeln und einem breiten Weg mittendurch. Doch mittendrin liegt ein kleines Wiesenbrüterschutzgebiet, in dem Schwarz- und Braunkehlchen, Wiesenpieper und Feldlerchen ihre Jungen großziehen.

Kurz nach Frühlingsbeginn, Ende März. Es ist sehr kühl, die Luft ist diesig, der Himmel trübe, als ich auf den kleinen Bach und die blattkahle Hecke zugehe, die das Schutzgebiet hier begrenzen.
Nichts los, denke ich. Aber dann, ein paar Schritte weiter, höre ich sie schon, und meine skeptische Anfangsenttäuschung schlägt in aufgeregte Freude um. Tatsächlich, sie sind nicht nur da, sondern trotz der Kälte in großer Singelaune: zwei Männchen sitzen in Busch und Baum, wechseln hierhin und dahin und scheinen einander zu antworten.

ein Schwarzkehlchen singt Ende März in den Raistinger Wiesen

Es kostet Zeit und viel Geduld, bis eines so günstig nahe kommt, dass ich den Gesang gut aufnehmen kann. Günstig heißt vor allem, dass ich das Mikro nicht in Richtung Straße richten muss – das Geräusch rollender Reifen ist trotz der Entfernung schon zu groß und würde alles verderben.
Ja, wie soll man dieses Lied beschreiben? Hoch angesetzt, etwas klirrend, nicht so einfallsreich wie das der Braunkehlchen, auf rührende Weise innig. Wie gut es in die halmenstarre, doch erwartungsvolle Dürre dieser Märzlandschaft passt!

Blaukehlchen

Ende März rückt auch die „nordische Nachtigall“ wieder in unsere Schilfgebiete ein. Einige haben im Mittelmeergebiet überwintert, andere in Afrika und dafür zweimal die Sahara überflogen.
Für mich – und für viele andere, wie ich bei meinen Vogelführungen erfahren habe – ist und bleibt der Anblick des Männchens mit seiner blitzblauem Brust ein spektakuläres Ereignis. Noch dazu, wenn es beim Singen seinen weißen „Stern“ demonstriert und ihn im Takt der Strophe kleiner und größer werden lässt!

ein langer Blaukehlchengesang von der Greunen Stee in Borkum

Blaukehlchen gelten zur Zeit als nicht gefährdet, denn als Anpassungskünstler haben sie sich neue Lebens- und Überlebensräume inmitten intensiver Landnutzung erschlossen: Baggerseen zum Beispiel, Schilfgräben, Raps- und Getreidefelder.
Dennoch sind sie nicht häufig zu sehen. Am Ammersee oder Zellsee, die zu ihren Brutarealen gehören, verlieren sich Gestalt und Gesang leicht in den Weiten der Schilfbestände.
Optimal ist dagegen ein Gang durchs Grabenstätter Moos, das dem Chiemsee vorgelagert ist. Hier sind die Blaubrüstchen Anfang April diesen Jahres vom Schnee überrascht worden. Und hier habe ich sie in den letzten Jahren Ende März/Anfang April oft mitten auf dem Weg gesehen und konnte mit Augen, Ohren und Mikro ganz aus der Nähe ihrem Fluggesang folgen:

ein Blaukehlchen-Fluggesang im Grabenstätter Moos am Chiemsee

Typisch ist der schleppende Beginn der Strophen, die allmählich beschleunigt werden, um in lange variable Passagen mit Imitationen, melodischen Klängen und scharfen Tönen einzumünden. Nachtigallenähnlich? Wohl kaum. Aber schön, auf Blaukehlchenart!

Braunkehlchen

Als Letzte sind nun die Braunkehlchen erschienen. Noch überwintern unsere Whinchats alle in Afrika und müssen Jahr für Jahr wie der Kuckuck die Sahara überqueren. Um in ein Brutgebiet zurück zu kommen, das ihnen mehr und mehr die Lebensgrundlage entzieht. Denn sie sind auf extensiv genutztes, mäßig feuchtes Grünland angewiesen. Und wo findet sich das noch? Folglich stehen sie, die ehemals so weit verbreiteten, bei uns auf der Roten Liste und sind vom Aussterben bedroht.

Aber noch lassen sie sich finden, die Hübschen mit dem langen Überaugenstreif. Sitzen in den Raistinger Wiesen wieder auf Weidezäunen oder an dünnen Halmen, singen und singen.
Ihr Lied ist sehr abwechslungsreich.
Vor Jahren hat sich ein Männchen zwei Wochen lang hier bei uns am Egelsee niedergelassen und täglich lang, intensiv und kunstvoll gesungen, auf einem Teppich von Feldgrillenzirpen – schöner, dachte ich, kann man nicht werben. Dennoch hat sich kein Weibchen eingestellt. Kein Braunkehlchenweibchen jedenfalls. Nur ich habe ihm zugehört, die Krähen vielleicht, die Lerchen, die Wiesen, der Wind. So ist es am Ende weiter gezogen.

♫ klangvolle, imitationsreiche Strophen eines einsamen Braunkehlchenmännchens am Egelsee ♫

Sehr deutlich sind zum Beispiel Hausrotschwanzimitationen (0:40.1:00, 1:27, 1:36, 1:53) und Zilpzalpimitationen (0:42, 0:47, 2:30) integriert. In 3:30 eine besonders klare Imitation des Buchfinkenschlags

Jetzt ruft zu all diesen Frühlingsliedern auch wieder der Kuckuck. Was ihm – denn die Weibchen können’s auch! – sogar ♫ im Duett ♫ gelingt.

brachvogeltriller

brachvogeltriller


sehnsucht nach brachvogel-
trillern
vom wind ins ohr gestrichen
vibrierend im rückenmark
auf dass es gestillt wird
das stammeln
das falsche zeugnis der zungen-
schläge
das echogebrause der worte

STOP!

triller als glücksspirale
um meinen hals geschlungen
flieg ich ins damals des jetzt:
zeit voran und voraus
bläst im schachtelhalmwald
ein gnom oder wassermann
sein lied auf
archeopteryxknochen
synkopiert den brachvogel-
triller
bis es die zeiten durchrauscht:
ein wortvergessenes
weltgewandtes
ensemble modern duett

Störche, Raben und Rilke-Amseln

Störche, Raben und Rilke-Amseln

4. März 2022

Jetzt hängt schon um sechs Uhr morgens Licht zwischen den kahlen Zweigen der Linde, eine milchige Helle, von fernem Blau durchschimmert. Ein Vogelschemen gleitet hinter dem großen Baum über die Wiese. Das stumpfe Wiesengrün ist von frostigem Grau überzogen – je höher die Minusgrade, umso grindiger das Grau. Während die erste Sonnenröte über den Horizont tastet, wachen nach und nach die Sperlinge auf und huschen, noch recht kleinlaut, an die Futtersäule.

Amseln und Stare

Am 2. März haben hier die ersten Amseln und Drosseln in Dorf und Wald gleichtzeitig zu singen begonnen. Tags darauf hat auch im Garten die erste Amsel ihr Lied geprobt. Mitten hinein in den Frost, der vor allem die Nächte umklammert hält. Was für schöne Strophen! Und wieder ganz neu, wie unsere Begeisterung. Auch wenn sie Rilke nicht kennen kann: Rilke seinerseits hat, wie es scheint, der Amsel nicht nur aufmerksam gelauscht, sondern ihre Botschaft am Ende seiner Neunten Elegie recht genau überliefert: Erde, du liebe, ich will. … Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her. … Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft werden weniger. Überzähliges Dasein entspringt mir im Herzen.

Lang war der erste Amselgesang noch nicht, dafür ist es offenbar zu kalt. Oder was sonst sollte sie abhalten? Aber das wird schon! Bald, davon bin ich überzeugt, wird sie uns wieder jeden dämmrigen Morgen die Rückkunft des Lichts vom Dachfirst herunter verkünden.
Das Rotkehlchen ist erst einmal verschwunden und auch bei der Nachbarin noch nicht wieder aufgetaucht. Das zerrt an mir, denn hier lauert ständig ein schwarzer Kater, und auch die Katzendame Batsy ist eine Jägerin.

Starenpaar
Glanzstare im Februar

Die Stare hingegen, die sind jetzt ständig präsent. Sitzen im Fliederbusch. Schaukeln an den Futtersäulen. Vertragen sich mit den Spatzen, die um sie her wimmeln. Ab und an ein Schnabelhieb in die Luft, unplatziert, der Platz schafft, auch gegenüber drängelnden Artgenossen. Quarren ein bisschen dabei. Inspizieren die Starenkästen, setzen sich auf einem kahlen Ast zurecht, kakeln, schwatzen, imitieren. Lassen diesen lang nach unten gezogenen Glissandopfiff hören, der ihre Population kennzeichnet und trotz Frost schon die halbe Frühjahrsmiete ist – für mich jedenfalls. Glanzstare heißen sie jetzt, weil ihr Gefieder schillert und glänzt. Verbreiten das Glück des Augenblicks.

♫ Stare am Nistplatz: Kakeln, Schwatzen, Imitieren – und Pfeifen ♫

Aufschlüsselung: Glissandopfiff 00:13, Imitation Mäusebussardruf 00:24, Im. Schwarzmilantrillern 00:29, Im. Mäusebussardruf 00:33, Im. Amselphrase 00:44, Im. Rauchschwalbe 01:00, Im. Turmfalkenruf 01:04, Im. Amselphrase 01:09, Glissandopfiff 01:24, Im. Turmfalkenruf 01:44, Im. Kiebitz 02:01, Im. Rauchschwalbe 02:29, Im. Amselprase 02:31, Im. Rauchschwalbe 03:23, Im. Amselphrase 03:24, Im. Kiebitz 03:58, Im. Mäusebussardruf 04:08, Im. Amsel„ducken“ 04:49 …

Die ersten Märzenbecher schieben sich aus dem Laub. Seeholz, 14. Februar 2022

Im Seeholz am Ammersee steht das Meer der Märzenbecher nun in voller Blüte. Schon Mitte Februar hatten die ersten Blütenstengel die Laubdecke durchbrochen. Die Winterlinge im Garten, zwei große leuchtende Flecken, knallen aus dürren, aus sehr dürren Staudenbeeten.

Und in der Ukraine herrscht Krieg. Wieder sind Flüchtlingsströme unterwegs. Krieg, das hört nicht auf, der eigentliche Fortschritt findet nicht statt. Mir fällt wieder ein Gedicht ein, das ich 2001 geschrieben habe, als mit der von den USA geführten Operation Enduring Freedom – was für ein Name! – der Krieg in Afghanistan begann. Es wird wieder mal einmarschiert …
Galgenhumor am Frühstückstisch. Der Mensch hat zuviel Hirn, sage ich. Und zu wenig Verstand, fügt mein Gefährte hinzu. Dann lassen wir die Schatten hinter uns, für eine kleine Weile, fahren nach Raisting.

Im Storchendorf

Über Raisting kreist der Rote Milan, umgeben von Bavarian Blue. Die Sonne strahlt. Um den Kirchturm herum flattern Dohlen, hocken paarweise auf Vorsprüngen und Simsen, bewachen mit seltsamen hellblauen Augen ihre Brutkästen. Ein Turmfalke schießt vorbei. Buchfinken schmettern. Idylle pur!

Hoch oben im Kirchturm und nur schwer zu fotografieren: Dohlenpaare

Schon von Weitem war ein Langbein auf dem Dachfirst der Kirche zu sehen. Und ja: da sind sie. Auf den Häusern ringsum stehen drei weitere Langbeine auf ihren Horsten, einzeln, einbeinig, von Blau umflossen. Einer hat gerade die Alarmglocke besetzt: wie man sieht, nicht zum ersten Mal.
Die schönen Weißstörche sind wieder da!

Es wird sehr gelasssen gestanden, mit langem Schnabel im Nest gestochert, geruht. Hin und wieder geklappert. Dies ist, neben ein wenig Zischen, Stöhnen, Ächzen und, bei den Nestlingen, ein paar miauenden und quietschenden Bettelrufen, der einzige Laut, den sie gut beherrschen. Denn die Syrinx der Störche ist nicht voll ausgebildet – oder vielleicht auch zurück entwickelt. Fakt ist, dass Störche über eine so schwache Stimmmuskulatur verfügen, dass auch ihre Stimme nur schwach sein kann. Um so lauter ist das Schnabelkappern der Alten und Jungen, ein mechanischer, ein Instrumentallaut.

♫ Begrüßungsklappern eines Storchenpaars auf dem legendären Storchenkran in Kirchheim ♫

Um den 19. Februar herum sind schon viele Weißstörche zeitiger als sonst zurückgekommen und haben hier, jeweils einzeln, 16 Nester besetzt – die Männchen finden früher zurück als die Weibchen. Vermutlich haben sie den stürmischen Rückenwind genutzt, um sich in Rekordzeit zu ihren heimischen Nestern tragen zu lassen. Meist besetzen sie den vorjährigen Horst und harren dort aus, bis die Weibchen kommen. Ihre Bindung an das Nest ist stark, stärker als an ein Weibchen. So führen sie eine saisonale Ehe, und vermutlich suchen sich die Weibchen ihrerseits die Männchen nach den besten Horsten aus.

Jetzt sind fast alle Störche zurück. 22 besetzte Horste gab es im letzten Jahr, heuer sind es 23. Die Schutzgemeinschaft Ammersee hält ein wachsames Auge auf das Geschehen über den Dächern von Raisting, denn die Aufzucht der Jungen ist wetter- und vor allem nahrungsabhängig und oft von Dramatik umwittert.

Längst ziehen nicht mehr alle Weißstörche nach Afrika. Diese hier dürften in Südeuropa überwintert haben – insgesamt 500 Störche bleiben sogar winterüber in Bayern.
Da stehen sie also, stochern im Nistmateriel, im Gefieder. Auch wenn es unter den Männchen gelegentlich heftige Kämpfe um einzelne Horste gibt: was sie vor allem verbreiten ist Frieden. Frieden und Geduld. Nicht die Geduld des Wartens. Sondern die gelassene Geduld dessen, der einsinkt in den Augenblick, um zu tun oder zu lasssen, was im Augenblick getan oder gelassen werden muss. Fraglos. Wir schauen, fotografieren, freuen uns. Überlassen uns gern dieser Atmosphäre, die gerade in Kriegszeiten mehr als willkommen ist. Einer legt den Kopf auf den Rücken, den Schnabel gen Himmel weit aufgesperrt.

Kopf weit zurück in den Nacken gelegt und Schnabel weit aufgesperrt: Dies ist mein Horst!

Diesen Moment hat mein Gefährte fotografiert Die Vögel, sagt Messiaen, sind das Gegenteil von Zeit, sie sind unser Verlangen nach dem Licht, nach den Sternen, nach den Regenbögen
Das gilt nicht nur für Singvögel. Sondern auch für die Störche, die Stummen.
Und kein Gedanke an Krieg!

Gefährdung und Schutz

Dass auch in Bayern wieder Weißstörche brüten, war und ist nicht selbstverständlich.
Weißstörche waren – wie es die scheuen Schwarzstörche immer noch sind – ursprünglich Baumbrüter, bevor sie, sehr erfolgreich, Kulturfolger wurden. In den Dörfern meiner Kindheit, in Niedersachsen, gehörten auf Haus- und Scheunendächern thronende Storchennester ganz selbstverständlich zum Dorfbild. Fasziniert habe ich beobachtet, wie sich über den Dächern der zahmen Dorfgemeinschaft jeden Sommer wieder die Wildnis ausbreitete und sich das ungezähmte Leben der Störche ebenso grandios wie erbarmungslos vollzog! Frei und wild – und allen Naturgewalten ungeschützt ausgesetzt. In krassem Gegensatz zu dem Volk der Hühner im Hühnerhof, das nicht einmal mehr fliegen konnte und sich Nachts in einem Wiem verbergen musste!

Die Waldstücke rings um das Dorf meiner Großeltern kannte ich genau. Wenn ich meine Sommerferien auf ihrem Hof verbrachte, versäumte ich es nie, mit einem alten Klapperrad hinauszufahren. Denn überm Waldrand, dort, wo der Schwarzspecht rief und die Luft mit Insektengesumm und dem trocken heißen Harzduft der Kiefern erfüllt war, übten die Storcheneltern mit ihren Jungen das Fliegen. Bevor sie, noch vor den Jungen, im August zu ihren Winterquartiren aufbrachen.

In den 1970er Jahren, mit dem Fortschreiten der Intensivierung der Landwirtschaft, drohten die Weißstörche langsam auszusterben. Durch Stromtod. Mangels feuchtem Grünland – Sümpfen, Wiesen, Auen, die trocken gelegt wurden – also mangels ausreichender Nahrung. Und das, obwohl der Storch ein Nahrungsopportunist ist und sich je nach Situation vor Ort von Kleintieren wie Regenwürmern, Großinsekten, Egeln, Schnecken, Maulwürfen, Mäusen, Ratten, Froschlurchen, Fischen, Molchen, Schlangen und sogar Aas ernähren kann.

In Bayern wurde deshalb ab 1984 ein Artenschutzprogramm für den Weißstorch begonnen – mit den Schwerpunkten Beseitigung des Nahrungsmangels und Betreuung der Nester inklusive Datensammlung. Es konnte 2017, nach mehr als 30 Jahren, aus Erfolgsgründen (!) eingestellt werden.

Als wir später aus Raisting hinaus fahren, finden wir endlich, auf einem Bäumchen am Rand eines Gartens, ein Storchenpaar. Es lässt sich von uns und unserer Kamera nicht stören; und das zweite Storchenpaar, das wir kurz darauf über den Raistiger Wiesen segeln sehen, schon gar nicht!

Zum guten Tagesschluss: Kolkraben

Kaum in unserem Dorf zurück, hören wir die Kolkraben. Sie fliegen rufend überm Haus hin und her, verschwinden im Wald, krakeelen: ein Paar, das hier herum schon seit Jahren lebt. Im Gegensatz zu den Störchen sind sie monogam. Für sie ist jetzt, Anfang März, hoher Rabenfrühling. Die Balzzeit hat schon im Januar begonnen. Jetzt dürften sie ihr Nest fertig haben und demnächst mit dem Legen ihrer Eier beginnen. Kein Wunder, dass sie an- und aufgeregt sind.

Am Waldrand lässt sich einer der Raben auf der Spitze einer großen Fichte nieder, schreit und schreit – aus dem Waldinnern antwortet der zweite.
Was für eine schöne raue Gestalt! Was für ein schöner mächtiger Ruf!

♫ Ein Kolkrabenpaar im Wald, einander rufend und über meinen Standort hinweg fliegend ♫

Wenn man ihnen länger zusieht und -hört, diesen erfindungsreichen Intelligenzlern, wundert es nicht, dass sie, so außerordentlich stimmbegabt, wie sie sind, zu unseren Singvögeln gehören – und zwar, mit einer Flügelspannweite von 1,20 m, zu den größten in Mitteleuropa (oder sogar weltweit).
Mit seinem Hans Huckebein hat ihnen Wilhelm Busch ein unvergessliches Denkmal gesetzt.

Sie wurden verehrt, verkannt, verfemt, verfolgt.
Als Hugin („Gedanke“) und Mugin („Erinnerung“) waren sie die ständigen Begleiter von Odin, dem einäugigen nordischen Gott, und haben ihm klug berichtet, was in seiner nordischen Mythenwelt geschah. Im Mittelalter als „Galgenvögel“ diskriminiert und anschließend als angebliche Schädlinge der Jagd und der Landwirtschaft („Lämmerkiller“) verschrien, wurden sie so gnadenlos mt Netzen, Fallen, Tellereisen, Schusswaffen und Gift (Strychnin und Glucochloral) verfolgt, dass sie um 1940 nahezu ausgerottet waren, bis auf kleine Restbestände im Alpenraum, in Scheswig-Holstein/Süddänemark und in Ostpolen. Dann begann mit der „Jagdruhe“ im Krieg und Schutzbemühungen ab 1960 eine langsame Bestandserholung. Aber obwohl der Kolkrabe nach dem Bundesnaturschutzgesetz ganzjährig als besonders geschützte Art gilt, steht er im Bundesjagdgesetz als einziger Rabenvogel immer noch auf der Liste des jagdbaren Federwilds – mit allerdings ganzjähriger Schonzeit!


(Sehr ausführlich und informativ: Dr. Frank G. Wörner: Der Kolkrabe – ein Verfemter kehrt zurück)

Ein Kolkrabenpaar

Das Paar hier, das jetzt über dem Waldrand seine Flugspiele treibt, muss in diesem Wald seine Brutstätte haben. Ich habe nie nach ihrem Nest gesucht, wie ich überhaupt nicht gezielt nach Nestern suche, weil ich immer Angst habe, ich könnte die brütenden Vögel vergrämen – sie haben es schon schwer genug. Aber nun wird dieser Wald gerade durch den Bau einer Umgehungsstaße zerstört und zerstückelt. Wie sie wohl darauf reagieren werden? Ich hoffe, weniger empfindlich als ich. Und wünsche inständig, sie werden bleiben.

wargames

wargames

2001

es wird wieder mal
einmarschiert
hexenjagd?
peanuts!
apokalypse now …

phoenix im sperrfeuer
bruzzelnd
gerupftes huhn, armes
geschmacksfäden in den lefzen ringsum
rudelgesetz

please don’t speak foreign
languages
it might be …

(alle federn verstreut)

might be wrong

und bruzzelt
poor beast
nackt
die asche
lässt auf sich warten


menetekel

menetekel

frühe zeit, ins schwimmbad gelagert
wo friedliches flugzeuggebrumm
mich tiefer eintauchen ließ
in knallblauen sommergenuss.
damals die zeichen nicht erkannt.
heute unter bayrischem himmel
keine sorge dass dem blau
auch wenn es sich wolkenlos wölbt
das weiße ausgehen könnte:
himmelsschreiber und wolken-
schieber malen stündlich aufs neue
das menetekel ins blau, ins grau: netze
die leuchtend den himmel durchkreuzen
mit schmierigem gummi das blau aus-
radieren und spuren um spuren ziehen:
zeichen des großen networks
kleb- und giftfäden die wir spinnen
und kreuz und quer enger spannen
damit er nicht mehr durch die maschen
schlüpfen und weiter mit atemberaubender
weiße genährt und gestopft werden kann:
der tod friedlicher sommerbläue
über uns und allem was kommt

Langsam beginnen die Vögel zu singen: Frühlingsklänge zum Hochwinterende

Bei Sonnenaufgang
Kulisse für Frühlingsklänge: Sonnenaufgang mit Kondensstreifen, 10. Februar 2022

Langsam beginnen die Vögel zu singen: Frühlingsklänge zum Hochwinterende

10./11. Februar 2022

Heute Nacht pladderte der Regen aufs Dachfenster, jetzt treibt der Wind draußen weißliche Graupel vor sich her, Hybridgebilde zwischen Schneeflocken und Regentropfen.
Aber Nässe, Gräue und Wind zum Trotz: was noch dräut ist der Winter in seinen vorletzten Züge. Was kommt, und zwar unaufhaltsam, ist das spürbar zunehmende Licht. Und zwischen Sonne am Tag, Nachtfrösten und wieder verstärkter Durchkreuzung des Himmels rückt langsam der Vorfrühling an.

Im Wald

Das war gestern besonders deutlich zu spüren. Da hat mich, nach einer nicht besonders strengen Frostnacht, die Unruhe gepackt. Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, als es schon tagt und nur noch die Venus über den Feldern blinkt, gehe ich in den Wald, voller sehnsüchtiger Erinnerung an die Dämmerungs-, die Dawnkonzerte des Frühlings.

Es ist aber, wie zu erwarten, betrüblich vogelstill. Dann zetert eine Amsel. Wieder Stille. Wind. Eispfützen knirschen unter meinen Füßen. Jetzt – da im Fichtenschlag: ein dünnes, zages Liedchen, gesponnen von einem Wintergoldhähnchen. Es bleibt unsichtbar wie meistens hinter dem dunkelgrünen Behang der Zweige, und gleich hat der Wind die kleine Strophe wieder davongetragen. Am Rande des Hochwalds ein paar vereinzelte Gimpel-, Finken- und Meisenrufe – das ist alles.

Bei Birdern, die vorrangig auf Vielfalt und den Thrill des Aufspürens seltener Arten setzen, steht der Wald als Beobachtungsort in der Beliebtheitsskala weit hintenan: zu artenarm, zu wenig zu sehen.
Für mich ist er eine Urheimat. Allem voran natürlich der wild gelassene Wald, allem voran der tropische Regenwald, Gipfel der Seligkeit meiner Voglerinnenseele.

Unvergessen: Rote Aras und andere Papageien in Brutbäumen am Rio Tarcoles in Costa Rica

Aus unsichtbaren grünen Tiefen dringend herrscht dort, Tag wie Nacht, die unentwegte Vielfalt der Stimmen und Gesänge, ein faszinierender Klangteppich, über den hinweg sich die Regenwaldgeschöpfe mit immer neuen Ruf- und Klangvariationen verständigen. Das übertrifft für mich selbst die aufregendste Limicolenansammlung an Fluss oder Binnensee, wie wir sie hier mit Lech und Ammersee ganz in der Nähe haben.

Immerhin ruft, als ich dem Wald schon den Rücken gekehrt habe, ein Sperber seine kurze Rufreihe. Die Sonne geht auf und glänzt hinter den Bäumen. Hoch darüber die Venus, und dazwischen ein schräges sternartiges Gebilde aus Kondensstreifen, das den Himmel durchkreuzt, Menetekel unserer Zeit, das meine Stimmung nicht gerade hebt.

Im Dorf: Gimpelgesänge und erste Starenpfiffe

Gimpelmännchen
Gimpelmännchen im Hochwinter (Dompfaff)

Kaum habe ich mich jedoch dem Dorf genähert, wird mein Winterblues von Vogelstimmen davongeblasen. Grünfinken knätschen, Kohlmeisen läuten, und ein stimmfreudiges Gimpelpärchen singt und ruft unermüdlich im Duett, obwohl der Wind ihnen kräftig durch die Federn streicht.

Ihr ♫ schlichter Gesangsteil ist recht leise: charakteristisch sind die schrägen, nasal klingenden Laute, oft auf kleine Tonsprünge folgend, die viele Obertöne haben. Ob die anschließende Reihe der Rufe, im Duett und zum Teil sogar synchron vorgetragen, auch zu ihrer Gesangssession gehört? Was Ruf ist, was Gesang, was ein Übergang zwischen beiden ist nicht immer genau zu unterscheiden.

Gimpelmännchen und -weibchen an winterlicher Futterstelle

Aber solche menschlichen Klassifizierungsfragen gehen die zwei nichts an. Sie befinden sich ganz offenbar in Harmonie miteinander und singen beide, Männchen wie Weibchen, animiert von der milden Witterung. Nicht nur stehen ihre leisen Laute, manchmal von Windböen weggefegt, im Kontrast zu den kräftigen Körpern – bullfinches heißen sie im Englischen! Sondern auch ihre vokalen Fähigkeiten gehen weit über das hinaus, was man gewöhnlich von ihnen zu hören bekommt. Denn seit langem ist bekannt, dass sie sogar in der Lage sind, Volkslieder nachzupfeifen, melodienfest und tongenau. Dies hat dazu geführt, dass sie sowohl ihrer bunten Schönheit als auch ihrer Imitationskunst wegen gekäfigt worden sind.

Wer ist der Lehrer, wer der Vogel? Ein von Hand aufgezogener Gimpel imitiert eine Volksmelodie

In einem Vogelstimmenvortag in Seewiesen hat Prof. Gahr einmal Tonaufnahmen zur Imitationskunst der Gimpel zu Gehör gebracht, und ich habe es an meinem Sitzplatz mitgeschnitten. Deutlich wird offenbar, wie groß die Stimmbegabung der Gimpel ist -nicht simpel, eher phänomenal! Letztlich bleibt die Frage offen, warum diese Vögel in Freiheit keinen – oder kaum – Gebrauch davon machen. Oder sollte man lieber umgekehrt fragen: warum singen viele Vögel so komplex?

Was mich jedoch am meisten elektrisiertd, als ich ins Dorf zurück komme, sind vier schwarze Vogelgestalten. Sie schaukeln in einer großen Birke auf dem Spielplatz am Ende der Straße, laut pfeifend und leise schwatzend: die ersten Stare sind wieder da! Stimm-, sing- und imitationsfreudig wie eh und je.

♫ Gruppengesang dreier Stare am 13. Februar, wieder auf dem Kirchturmkreuz ♫

Nachtrag: auch in den Dörfern ringsum sind wie auf Verabredung die ersten Stare am 10. Februar erschienen – der restliche große Schwung lässt noch auf sich warten. Am 13. Februar ist es mir gelungen, die komplexen Gesänge der Frühankömmlinge störungsfrei aufzunehmen.

Wintergoldhähnchen und erste Misteldrossel singen auf den Lechhängen

Wenig später hat sich die Sonne durchgesetzt. Ich fahre zum Lech und gehe in der Kalksteinschlucht hinter der „Teufelsküche“ zum Stauweiher hinauf. Die Steige weiter oben sind noch vereist, und die Wasseramseln, auf die ich gerechnet habe, lassen sich nicht blicken.

In der Kalksteinschlucht bei Pitzling

Wasserrauschen und Windsausen, wenn die Böen die Bäume packen. Oben auf dem Wanderweg tanzen Sonnenflecken und Schatten – soll ich weitergehen oder lieber zurück? Dann meldet sich kurz eine Misteldrossel, hört gleich wieder auf und lädt mich zum Horchen und Warten ein. Plötzlich ist die Vogelstille gebrochen. Zwei Wintergoldhähnchen fangen zu singen an, sehr hoch und sehr deutlich mit hübschen kleinen Schnörkeln am Ende.

♫ Ein Wintergoldhähnchen singt lang und zart mit hübschen Trillern zwischen Windböen in der „Teufelsküche“ am Lech ♫

Buntspechte keckern, Tannenmeisen singen, dazwischen verwehte Erlenzeisigrufe, Kohlmeisenläuten im Hintergrund. Dann:

♫ Die Misteldrossel setzt wieder ein ♫.

Ich bin erleichtert, weil sich Frühlingssimmen in die trübe Stimmung am Ende des Hochwinters mischen. Während ich vorsichtig den Eispfad am Stauweiher hinab trapse, klingen die Vogellieder mir nach. Die schnell verwehten Goldhähnchenstrophen, die den Ausgang des Winters besingen, der kräftige Drosselgesang, der den anrückenden Vorfrühling einlädt, zumindest in mein Gemüt.

Vorfrühlingsgesänge
Höckerschwäne und Pfeifenten

Kaum bin ich wieder unten am Ufer des Lech, flitzt ein Eisvogel vorbei – besser zu hören als zu sehen. Eine Sumpfmeise singt ein paar Klapperstrophen. Kohl- und Blaumeisenlaute. Auf dem Wasser residieren die Höckerschwäne, wie so oft umwimmelt von ihrem „Hofstaat“, zu dem nach wie vor die schönen Pfeifenten gehören – Wintergäste aus dem Norden, die noch lange nicht abgezogen sind.

Zwischen Frühlingsakkorden und Entenpiffen: ein Januartag

Zwischen Frühlingsakkorden und Entenpiffen: ein Januartag

18. Januar 2022

Noch ist nicht spürbar, dass die Tage länger, die Nächte kürzer werden. Noch haben Hochwinter und Corona das Land fest im Griff, und es ist jetzt besonders leicht, sich weggesperrt zu fühlen. Nicht so gern wie sonst gehe ich durch die Vogelstille in Wald und Feld, fürchte die Trübnis, die sie bei mir auslösen kann.

Vor knapp zweieinhalb Wochen, am letzten Tag des Jahres, sah ich Nachmittags am Lech hinter Pitzling einen Höckerschwan, der auf seltsam gekrümmte Weise, und lange, seinen Kopf unter Wasser hielt. Ich wartete auf sein Auftauchen, lenkte mehrmals das Fernglas zu ihm hin – bis ich realisierte, dass er tot sein musste. Das Foto zeigt ihn im Wasser liegen, in blendendem Weiß, die Wellen lösen seine Umrisse auf, er versinkt in der Spiegelung, die Spiegelung lässt ihn versinken. Um ihn herum das schimmernde Immergrün der Nadelbäume vom Hang, das sich im Wasser kräuselt. Als ich eine Stunde später von meiner Fahrt den Lech entlang zurückkomme, ist die Feuerwehr da, hat ihn herausgeholt. Der Schwan ist tot, das alte Jahr geht zu Ende, der tote Schwan wurde entsorgt …

Weiter präsent: Singschwäne – sie winken noch lange nicht zum Abschied

In Apfeldorf war schon am 2. Januar, die Zahl der Singschwäne auf über hundert angestiegen. Ich horchte nach ihren Posaunenklängen und sah den schönen Spießenten beim Gründeln, den zwei Zwergsägerweibchen beim unentwegten Tauchen zu. Wunderte mich, dass schon so viele Beobachter am Ufer standen, offenbar wartend – bis mit schweren Flügeln ein Seeadler vorbeiflog, der sei schon, hieß es, seit ein paar Tagen da.

Inzwischen sind Ferien und Feste vorbei gerauscht und der Seeadler ist weiter geflogen. Die Spießenten sind geblieben, es dauert noch, bis die Zugunruhe sie packt. Ich hingegen bin unruhig. Ob es daran liegt, dass heute ein Vollmondtag ist? Das Wetter ist so milde, dass ich mit dem Fahhrad an den Lech fahren kann. Weg mit der Trübnis!

Eine Vollmond-Songline hinunter zum Lech

Verwundert und zunehmend vergnügt stelle ich unterwegs fest, dass die Vogelstille gebrochen ist. Für heute zumindest. Dem Mond sei Dank oder aus anderen Gründen. Alle Kohlmeisen längs meines Weges müssen heute ihre Frühlingsakkorde in die Luft setzen, fühlen sich offenbar gedrängt, in verschiedenen Tempi zu singen, zu wetzen, zu läuten. Jede hat ihren besonden sound, lustvoll und licht. Ich werde meinen Weg zum Lech buchstäblich hinunter geläutet. Spätestens jetzt glaube ich, dass die Tage nun doch länger werden.

Saatkrähe im Augustlaub mit hervorspießendem Schnabel

Vieles hält mich unterwegs auf. Gleich hinter Stoffen schwingt zwischen den Meiselauten ein ♫ Stieglitz ♫ erste Liedgirlanden in die Luft. Heiter. Während ich ihm zuhöre, landet hinter mir ein Schwarm Saatkrähen. Wie jedes Winterhalbjahr ist hier ein kleiner Trupp von etwa dreißig Schwarzen zu Gast. Kräftige knochenweiße Schnäbel, nackt bis zum Grund. Die Stimmen rau und sonor, klingen tiefer als die der Rabenkrähen.

Wie alle Vertreter der klugen geselligen Rabenvögel lieben sie es, gemeinsam umherzustreifen und dabei ausgiebig zu kommunizieren. Dazwischen die zierlichen Dohlen, grauköpfgig, blauäugig, die sich ihnen zugesellt haben.

Sonore Saatkrähenunterhaltung in der Feldmark, dazwischen Dohlen mit ihren hellen Kjaks und härter klingende Rufe von Rabenkrähen (00:15)

Glissandopfiffe, Grunzpfiffe und andere Auffälligkeiten

Über fünfzig Zwergtaucher in einer Fließstrecke am Lech

Dann bin ich unten am Lech, wo sich das Wintervolk tummelt.
Darunter, immer im Pulk, ein halbes Hundert Zwergtaucher, unverkennbar in ihrer rundlichen Hurtigkeit, die Hinterteile hell und hochgepuschelt.
Von ihnen, die im Frühjahr so spektakulär trillern können, ist heute nichts zu hören. Sie wimmeln tauchend umeinander, so schnell, dass es schwer fällt, sie genau zu zählen. Sind so winzig, wenn man sie von Weitem sieht, vom Wasser überglänzt!

Holt die Optik sie näher heran, sieht man deutlich ihre kleinen runden Bauschgestalten.
Rings um sie her das stimmfreudige Gewimmel der Größeren und Großen. Blässrallen, Enten, Gänse, Säger, Schwäne, Wintergäste auch sie hier im Eisvogelrevier.
Stets präsent sind die vielen Höckerschwäne, die sich über das Wasser verteilen, oft einzeln oder zu zweit. Stecken den Kopf unter Wasser, gründeln, gleiten gemächlich dahin.

Höckerschwankommunikation auf dem Lech bei Pitzling, Januar 2022

Gemächlich wie ihr Dahingleiten ist auch ihre Kommunikation. Keine Posaunenklänge, sondern leisere Laute, schnarchelnd, fauchelnd, oft mit langen Pausen dazwischen. Ihre Fluggeräusche dagegen sind spektakulär, ganz im Gegensatz zu denen der Singschwäne, und werden als „singen“ bezeichnet.

♫ Fünf Höckerschwäne mit „singendem“ Flugschall ♫

Ich finde es immer wieder spannend, dass die eine Schwanenart mit der Syrinx, die andere mit ihren Flügeln „singt“.

Pfeifenten im Pulk. Ganz links ein Weibchen

Faszinierend sind auch die Pfeifenten, kleine bunte Schwimmenten mit dem schönen lateinischen Namen Anas penelope, die fernab in Tundra und Taiga brüten und pünktlich jeden Herbst hier eintreffen. Sie werden wie die Spießenten und Singschwäne noch wochenlang bleiben. Oft tummeln sie sich im Pulk, der sich in Fließstrecken bildet, häufig um ein oder zwei Schwanenriesen herum.


Besonders bunt wirken die Männchen, denn sie sind auffällig gelbgestirnt. Zwischen Reiher- und Schnatterenten leuchten sie deutlich hervor. Was sie aber besonders auszeichnet, ist ihr Glissandopfiff.
Wer ihn zum ersten Mal hört, glaubt kaum, dass er von einer Ente herrührt!

Glissandopfiffe eines Pfeifentenmännchens

Ganz andere Pfiffe lassen die Erpel der Stock- und Schnatterenten in ihrer Balzzeit hören. Die beginnt schon Ende September mit der „Verlobungszeit“. Grunzpfiffe werden diese Laute genannt, weil auf den Pfiff ein tiefes Knurren folgt, das aber nur schwer zu hören ist.
Besonders laut und fiepend grunzpfeifen die Schnatterenten. Sie sind in Vielem den Stockenten ähnlich, doch ist ihr Aussehen unauffälliger als das der prachtvollen Stockentenmännchen. Ihr Pfiff dagegen ist umso schriller!

Schnatterenten mit Grunzpfiffen. Eine besonders lebhafte Tonaufnahme vom Balzbeginn Ende Herbst 2021 vom Zellsee. Im Hintergrund gleich nach Beginn (0:20) ein Grünschenkel. Nach 02:00 Graureiher-Flugrufe.

Hinter mir am Lechhang wird es laut, weil die Buntspechte sich wieder melden. Mit erregtem Trommeln und Keckern geben sie diesem Morgen den passenden Abschluss. Und der heißt, ins Hochdeutsche übersetzt: Auch wenn es demnächst wieder stürmt, friert und schneit: es wird doch Frühling werden.

♫ Buntspechte trommeln am Lech, 18. Januar 2022. Um 0:22 Kleiberrufe. Nach 01:00 singt eine Sumpfmeise ihre Klapperstrophen, ab 01:41 ein Gartenbaumläufer