Apfeldorfer Wassermusiken – da sie sind wieder, die nordischen Posaunisten

GroßeSingschwanansammlung vor Schilfgürtel Apfeldorf, Staustufe Ost

Apfeldorfer Wassermusiken – da sie sind wieder, die nordischen Posaunisten

26. Dezember 2022

Am zweiten Weihnachtsfeiertag ist das Wetter milde. Der Schneeeinbruch am 10. Dezember, ausgerechnet zum Zeitpunkt unseres Weihnachtskonzerts mit Vogelstimmen im Rochlhaus, ist längst vergessen, die Gewässer sind frei – und wir auch.

Höchste Zeit, nach den Singschwänen zu schauen. Wir wissen, dass die Schönen seit November wieder auf dem Lech residieren, insbesondere bei Dornstetten, wollen aber heute wie letztes Jahr unser Glück bei Apeldorf versuchen.

Die Flüchtigkeit der Vögel, die Leichtigkeit, mit der sie ihre Aufenthaltsorte wechseln können, hängt offenbar eng mit ihrer besonderen Art der Zuverlässigkeit zusammen.

Zweiggenau kann eine Nachtigall, die in Südafrika überwintert hat, auf ihren Singeplatz in ihrem Revier im Treptower Park zurückkehren. Und zuverlässig in jedem Spätherbst kehren Singschwäne aus dem hohen Norden in ihre Überwinterungsgebiete auf dem Lech zurück. Sind es immer dieselben samt ihren Nachkommen, oder wie sonst spricht es sich unter Singschwans herum, dass der Lech im fernen Bayern ein guter Ort zum Überwintern ist??

Um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, braucht es, ja – Orts- und Biotopkenntnise und einige Quentchen Wissen um die Gewohnheiten der Vögel. Aber auch eine eine gute Portion Glück und Augenblicksgespür. Und Neugier natürlich.

Kaum sind wir kurz hinter Apfeldorf oben am Hang aus dem Auto gestiegen, wird unsere Aufmerksamkeit in zweierlei Richtung gezogen. Drüben auf der Wiese grasen etwa 300 Graugänse, und ich würde sie gern genauer mit dem Spektiv durchmustern. Gleichzeitig fangen meine Ohren außerordentlich lebhafte Klänge unten vom Lech her ein, denen ich nicht widerstehen kann. Sie ziehen mich magisch an. Und so folge ich dieser luftigen, aber mächtigen Spur. Schon auf dem ersten Absatz, da, wo das Feldgehölz steil zum Ufer hin abfällt und der Fluss zwischen den Bäumen hochschimmert, fließen die Stimmen zu einem Acapella-Chor zusammen, der an- und abschwillt und mich in Bann zieht.
Sie sind wieder da! Und wie es scheint viele!!
Ich befreie meine Füße von einigen Brombeerranken, lege mein Mikro auf den Rucksack, schalte das Aufnahmegerät ein. Lehne mich an einen Baumstamm und lausche dem Chor der Posaunenduette, der sich besonders steigert, als die Gänse über uns hinwegrauschen, schreiend, um auf dem Lech zu wässern.

Ab 01:40 schwillt der Posaunenchor mit den Schreien der Graugänseschar, die zum Lech hinunter rauscht, deutlich an, geht ganz offenbar in Resonanz damit

Singschwäne in der beliebten seichten Zone vorm Schilfgürtel

Endlich unten angekommen, sehe ich, dass sich das Gros der Singschwäne wieder am selben Ort wie im letzten Jahr aufhält: ziemlich weit draußen vor dem Schilfgürtel, kein einziger hier in Ufernähe, also gut zu spektieren bei diesem hellen Weihnachtstaglicht, aber schwierig zu fotografieren.
Und wie viele es sind! Ich bringe das Spektiv in Stellung und lege das Mikro auf ein umgestülptes Boot, das am Ufer liegt.

Ein temperamentvoller Singschwanchor,
der vom Ufer widerhallt und sich mit Windstößen mischt

Die da draußen, das sind knapp über 100 Individuen, zwölf graubraune Diesjährige dazwischen. Wo genau sie wohl aus dem Ei gekrochen sind? Und sie posaunen und duettieren, wollen an diesem Morgen gar nicht aufhören mit ihrem weihnachtlichen Schwanengesängen. So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Eine abwechslungsreiche Wassermusik, die kein Ende nehmen will. Mal nahezu verebbend, mal ekstatisch sich steigernd. Die Weite und Einsamkeit nordischer Tundren und Waldseen schwingt darin und die unmittelbare Freude an Verständigung und Gemeinschaft

Mein Mikro nimmt es zuverlässig auf, dieses prachtvolle Oratorium, in das sich Graugänse, Blässhühner, Stockenten mischen, Schnatterenten mit ihrem seltsamen Geknarre, Flügelschläge und Wasserplatschen und das Echo, das die Lechhänge werfen.

Eine Weihnachtsmusik vom Feinsten …


Beim Duettsingen schwimmen die beiden Schwäne hintereinander und schwingen die Hälse gemessen vor und zurück, offenbar ein taktfestes, uraltes Ritual. Wer nicht singt, gleitet elegant dahin, gründelt, zieht die Federn durch den Schnabel, ruht.

Außer uns gibt es keine menschlichen Besucher. So können wir ungestört unsere Stative hier oder dort aufstellen, verschiedene Perspektiven ausprobieren, ungestört schauen, entdecken, lauschen.

Gegen Mittag. Die Graugänse werden unruhig und mischen sich stärker ein, Wind frischt auf, aber das Konzert wird unverdrossen fortgesetzt, steigert sich immer wieder

Bis zum Konzertende zu bleiben, gelingt uns nicht. Zwar hat mein Mikro jetzt sozusagen „Singschwanstimmen satt“ aufnehmen können. Aber die Schönen sind nach wie vor ungebrochen mitteilungsfreudig, ein Ende der Kommunikation auf Hochnordisch ist kaum so schnell zu erwarten, und das Wetter schlägt spürbar um.
So verstauen wir wieder all unsre Optik und Lauschtechnik und beginnen den Hangweg hinaufzusteigen. Ich etwas wehmütig, wohl wissend, dass wir dies nie wieder so erleben werden.
Auf halber Strecke steigern sich die Duette in meinem Rücken erneut auf so unwiderstehliche Weise, dass ich mich umdrehen muss, um ihnen mit Ohren und Mikro noch einmal die Ehre zu erweisen.

Posaunen und Trompeten á la nature! Sie werden zunehmend von starken Windböen übertönt, die durch die Hangbäume rauschen. Pech und Glück zugleich. Die weihnachtliche Wassermusik, sie ist nun ist definitiv vorbei. Jedenfalls für unsere Ohren.

►Singschwäne auf dem Lech◄

Weihnachten und die Botschaft der Vögel

Weihnachten und die Botschaft der Vögel

Einstimmung zu „Lieb Nachtigall wach auf“, einem Konzert mit Vogelstimmen am 10.12.2022 im alten Rochlhaus Thaining

Kinderzeichnung des Koburger Ensembles Kunterbunt zu „Die frohe Weihnachtsbotschaft der Vögel“

Weihnachten ist – wenn wir uns nicht vom Konsum ersticken lassen – eine Zeit der Hoffnung und der Wunder.
Gerade jetzt, in einer Zeit voller Unruhe, Unsicherheit und Angst, ist es wichtig, sich daran zu erinnern.
Wir feiern mit der Geburt Jesu die Hoffnung darauf, dass es in dieser Welt Erlösung gibt. Wir feiern die Hoffnung auf das Ende der Dunkelheit und auf die Wiederkunft und Wiedererstarkung des Lichts. Mit anderen Worten: Wir feiern die Hoffnung auf ein Wunder.

Die Natur, und nicht zuletzt die Vögel, sind ein Teil dieses Wunders – im Grunde sind sie Wunder pur, wenn wir ihnen mit offenen Sinnen begegnen.

Flügelrauschen im Herbst: Ringeltaubendurchzug in der Feldmark

Vögel bewegen sich mit Leichtigkeit durch die Luft. Sie setzen sich auf irgendeinen Ast und singen los, als wären sie in einem Konzertsaal. Sie sind bei aller Annmut frei und wild, wie es im Lied „Es saß ein klein wild Vögelein“ besungen wird. Sie brauchen keine mit Gold und Silber umwundenen Flügel, und Käfige schon gar nicht. Und die Menschen haben ihnen immer gern zugehört.

Dennoch sind Vögel auch von der sogenannten zivilisierten Menschheit Jahrhunderte lang gejagt und gefangen worden.
Das kleine Volkslied vom Zeiserl, das in einen Käfig gelockt wird, ist ein Hinweis darauf, dass es bei uns lange Zeit in fast allen bürgerlichen Stuben in winzige Käfig gesperrte Singvögel gab, um deren Befinden sich kaum jemand kümmerte: Hauptsache, sie trällerten schön.
Das zumindest ist hier bei uns vorbei – Wildvögel dürfen nicht mehr für private Belange gefangen und gekäfigt werden.
Aber leider, die Verfolgung geht weiter. Mittelbar bei uns durch die intensivierte Landwirtschaft – wer kennt schon noch aus eigener Anschauung Kiebitz, Braunkehlchen, Wiesenpieper? Oder gar eine Uferschnepfe?? Darüber hinaus werden unsere Zugvögel auf ihren Wanderwegen in größerem Maßstab denn je gefangen und vernichtet. Der LBV hat sich deshalb dem Komiteee gegen den Vogelmord angeschlossen.

Aber das ist heute nicht unser Thema.
Unser Thema ist, dass Vögel ein Teil des Wunders sind, das uns umgibt. Sie verbinden sichtbar und hörbar Himmel und Erde, und ihre Gesänge sind im Grunde, wie alle Musik, die nicht nur die Nerven triggert, Licht. Ohrenlicht, das sie vom Himmel herunter holen.
Kein Wunder, dass gerade in Weihnachtsdarstellungen Vögel zusammen mit Engeln singend die Krippe umschwirren!

Besonders imponiert mir an Vögeln – gerade den begabtesten unter unseren Sängern wie Amseln, Rotkehlchen, Nachtigallen – dass ihre Brutreviere genau genommen Klangreviere sind, die sie kraft ihrer Gesänge abstecken und deren Grenzen sie wechselseitig respektieren.

Ein Star singt bei Sonnenaufgang auf einem Stadel im Dorf

Mit ihren Kontergesängen, besser: Wechselgesängen, markieren Singvogelhähne nicht nur ihre Reviere, sondern sie stimulieren sich die gegenseitig und gleichen ihre Lieder sogar einander an. Frieden schaffen ohne Waffen, das ist im Grunde ein Motto der Vögel – und eine echte Weihnachtsbotschaft.

Vögel haben schon vor mehr als 30 Millionen Jahren ihre Schnäbel gewetzt. Ihre vielfältigen Laute, ihre Urmusik haben die Evolution der Menschheit von Anfang an begleitet – während des langen Übergangs vom Affen zum Menschen wie auch im gesamten Verlauf ihrer Kulturgeschichte.
Deshalb gehören Vögel, die Vielfalt ihrer Stimmen und die innere Stille, die sie verbreiten, unlösbar zu jenen Umweltbedingungen, die unsere Gesundheit, unser inneres Gleichgewicht stabilisieren.
Während Lärm und Kriegsgeschrei es nachhaltig zerstören. Ein stummer Frühling, in dem sich kein Vogel mehr rührt, ist deshalb nicht nur für Vogelliebhaber eine erschreckende Vision.

Olivier Messiaen, der große Musiker und Vogelkenner des 20. Jahrhunderts, schrieb:
Was mich am meisten erneuert hat, ist, glaube ich, mein Umgang mit den Vögeln. Das hat viele Leute zum Lachen gebracht … Sie glauben, dass es „niedrige“ Tierarten sind … . Das ist vollkommen idiotisch. … Als ich mich mit den Vögeln befasste, habe ich begriffen, dass der Mensch so viele Dinge nicht erfunden hat, sondern dass so viele Dinge schon vorher um uns herum in der Natur existierten – nur hat man sie nie gehört.
Zum Beispiel hat man von Tonarten und Modi geredet – die Vögel haben Tonarten und Modi. Man hat auch viel … von Viertel- und Dritteltönen gesprochen – die Vögel machen diese kleinen Intervalle. Auch hat man seit Wagner viel von Leitmotiven geredet. Jeder Vogel ist ein lebendiges Leitmotiv, weil er seine eigene Ästhetik und sein eigenes Thema hat. … Sie machen auch viel kollektive Improvisation, auch Glissandi. Die Neumen des Gregorianischen Chorals finden sich in den Gesängen der Vögel. Ich habe den Eindruck, dass sie alles gefunden haben, sogar die Mischungen von Klangfarben, die man heute sucht, und Nachhalleffekte

Hören wir uns ein paar ihrer musikalischen Kunststücke an!

1 Starengesang im Dorf mit Glissandopfiffen und Imitationen:

Auf die Pfiffe folgen Hennengegacker und -lockrufe (0:12) – Pirolgesang à la nature (0:19 f) und modifiziert (0:23 ff) – rauer Pirolruf ( 0:22 ff) – Kuckucksterz, leise (0:30 f)


2 Gelbspötter mit Amselschimpfen

Ein Gelbspötter in einem Hagenheimer Garten am Rande der Feldmark schimpft mitten in seinem Gesangsstrom wie eine Amsel

3 Amsel mit „Tonleiter“

Eine Amsel singt eine „schwarzgedrosselte Tonleiter“ – dies ist keine eigene Tonaufnahme, sondern ein Handyaufnahme, die ich aus Babelsberg, Potsdam bekam

4 Amsel mit Flötenmotiv

Diesem Amselhahn habe ich in unserem Garten einen Frühling lang beim Vervollkommnen seines schönen Flötenmotivs zugehört!

5 Nashornvogellachen im Regenwald

Am letzten Tag unserer wochenlangen Streifzüge durch den malaysischen Regenwald überrascht uns ein Helmeted Hornbill mit seinem verrückten Lachen.

Schildschnabel – Helmeted Hornbill. Ein Foto von René Merimba

Eine seltene Tonaufnahme – reines Voglerglück! – wohl nur noch im tiefsten Dschungel zu hören. Denn der Schildschnabel wird seines großen Schnabelaufsatzes wegen verfolgt – um daraus läppische Schnitzereien anzufertigen, die keinerlei Wert haben, gemessen an der Herrlichkeit dieses Vogels!
Sehen konnten wir ihn kaum, er saß oben in den dichten Baumkronen und war nur schemenhaft zu sehen, als er mit wuchtelnden Flägelschlägen abflog

6 Trillersingdrossel

Triller sind auch in der Vogelmusik sehr beliebt – diese Singdrossel sang ein paar Wochen lang am Krötenweiher Thaining den trillerndsten Triller, den ich je gehört habe


7 Schamadrossel mit Koloratur

Auch eine seltene, glückhafte Tonaufnahme, mitgebracht von einem unserer Streifzüge durch den malaysischen Regenwald. Diese Drossel wird ihres großartigen Gesanges wegen ebenfalls verfolgt und gekäfigt und ist deshalb streng geschützt

8 Berliner Nachtigall, Mitternachtsgesang

In Berlin, der Stadt der Nachtigallen, sitzt im dunklen Volkspark hinter der Mauer zur Straße hin eine Nachtigall und singt, schlägt, schluchzt mir bis weit nach Mitternacht unentwegt ins Mikrofon

9 Ein ROTKEHLCHEN im Garten singt „Stille Nacht“
Und zum Schluss noch einmal das Rotkehlchen, das zu Anfang unseres Konzerts leise zum Lied vom bitteren Winter gesungen hat.
Vögel singen ja so schnell, dass wir mit unserem Gehör gar nicht alles erfassen können, was sie dabei zum Besten geben. In diesem Jahr habe ist mir die Bekanntschaft mit dem Musiker Johannes Quistorp und seinem Klangkosmos Vogelgesang zugeflogen. Ich habe ihm die Rotkehlchen-Aufnahme geschickt, und er hat sie bis zu 16-fach verlangsamt – dabei werden die Klänge naturgemäß nach unten oktaviert.
Und nun hören Sie mal, was zu unserer Überraschung bei der Verlangsamung herausgekommen ist:

00:02 Originalstrophe – 00:07 2fach – 00:17 4fach – 00:34 8fach – 01:04 16fach verlangsamt. Das Stille-Nacht-Motiv wird so schnell gesungen, dass es erst bei 8facher Verlangsamung am Ende der Strophe zu hören ist. Ab 01:54 ist es in viermaliger Wiederholung angehängt

Da kann man sich nur an Olivier Messiaen erinnern: … so viele Dinge (haben) lange vor uns in der Natur existiert – nur hat man sie nicht gehört!

Im Deutschlandfunk gab es Ende letzten Jahres einen Beitrag zur Tierkommunikation, mit der sich ein Wiener Forscherteam beschäftigt: Universelle Melodien – die Sprache der Tiere ist eigentlich Gesang.
„Wir begehen einen Fehler, sagen sie, wenn wir automatisch annehmen, dass Tierkommunikation Sprache ist. Diese Idee hält uns davon ab zu sehen, dass es in vielen Fällen – nicht nur im Vogelgesang, sondern auch bei vielen anderen Tierarten – eher eine Art Musik ist.“
Da geht es weniger um präzise Bedeutungen als vielmehr um emotionale, effektive Gruppenkommunikation. Wir sollten also weniger danach fragen, wie wir mit Tieren sprechen können, sondern es wäre produktiver zu denken: Wie können wir mit Tieren singen? Dann stehen uns Übereinstimmungen zur Verfügung, die uns bei Sprache fehlen.“
Gemeinsam musizieren – vielleicht liegt es daran, dass uns so viele Tiergesänge so tief im Innern berühren. Die Natur ist ein Konzerthaus.

Und die Botschaft der Vogel- und Tiergesänge – nicht nur an Weihnachten – heißt Frieden!

Konzertausklang im Rochlhaus am 10. Dezember 2022


Deshalb haben wir zum Schluss alle zusammen den Friedensgruß des Francesco von Assisi gesungen, auf Italienisch, Arabisch und Hebräisch: Pace e bene, Assalaam´aleikum, Schalom alachem

Konzertausschnitte von Lieb‘ Nachtgall wach auf!, insbesondere die El Cant dels Ocells, werden demnächst unter Vogelstimmen – Musik der Vögel – eingestellt

Kiebitze auf Durchzug: ruhen, rasten, weiterziehen

Kiebitze auf Durchzug: ruhen, rasten, weiterziehen

ziehende Kiebitze über der Feldmark Schwifting

24. September 2022

Gestern war kalendarischer Herbstanfang, Tag- und Nachtgleiche, Äquinoktien. Langsam neigt sich das Jahr der Dunkelheit zu, obwohl noch Sommerzeit herrscht.
Noch ganz in den Sommer eingesunken, habe ich erst kürzlich erstaunt festgestellt, dass sich das Laub mancher Bäume zu verfärben beginnt: Wie stumpf nun das Blattgrün wird, von graubraunen Farbschlieren überkrochen, einzelne Blätter gilben schon. Erste Anzeichen, dass die Hexenküche der Sonne im Blattinnern eingestellt wird – die Sollbruchstellen, an denen die Blätter sich lösen werden, sind ja lange schon angelegt – und wie ein Reflex erwacht in mir die Sehnsucht nach dem fröhlich flatternden Hellgrün des Frühlingsaustriebs …

Aber nichts da. Als ich gestern früh aufs Rad stieg, um mich in der Schwiftinger Feldflur umzusehen, war ich ausgestattet mit warmem Anorak und Handschuhen (!) und der vagen Hoffnung, auf Kiebitze zu treffen, die hier jedes Jahr durchziehen.
Und ob ich sie nun finden werde oder nicht, und obwohl es vielerorts schon betrüblich vogelstill ist – schön ist es, durch die „Pampa“ zu fahren, die ganz gewöhnliche Feldflur, die in unserer Region noch recht kleinteilig strukturiert ist. Schön ist es, zu lauschen und zu spähen, während die Sonne langsam den Nebel wegleckt.

Immerhin jagen über den den Feldern noch Rauchschwalben, hier und da. Immerhin flügelt ein Rotmilan im Suchflug vorbei und singt eine Goldammer, von Licht umflossen.
Vor einem Stadel präsentiert sich – stumm – ein Hausrotschwanzpaar, von der Septembersonne so behutsam in seinen Farben gezeichnet, dass ich es fotografieren muss.
Die ♫ sonoren Rufe von Saatkrähen ♫ dringen herüber: die rücken hier jedes Jahr als Wintergäste ein. Nie allein. Immer in Gruppe. Ein Starenschwarm schwatzt im größten Straßenbaum am Platze, und zwei Kohlmeisen am Ortseingang wechseln ihre herbstlich unruhigen Rufe und Gesänge zwischen Maisfeld und Garten hin und her.

♫ Auf ungewöhliche Weise wechseln in der herbstlichen Sonne zwei Kohlmeisen kleine Gesangsstrophen und Rufe. Die Strophen am Ende überlappen sich ♫

Es wird warm. Längst habe ich Anorak und Handschuhe ausgezogen und umkreise mehrfach die Felder diesseits und jenseits der Straße. Dehne mich in der Sonne. Nichts Schöneres unter der Sonne … Unvermittelt stelle ich fest, dass mein Spektiv fehlt. Panik überflutet mich – was nun, wenn es nicht mehr zu finden ist? Ich sause die letzten Wege zurück – von Weitem sehe ich, da, wo ich Bachstelzen beobachtet habe, etwas einsam und verlassen in die Landschaft ragen. Tatsächlich, es ist das Spektiv! Erleichterte kehre ich zum zweiten Mal um fahre noch einmal die Straße längs: zum letzten Mal für heute, nehme ich mir vor.

Kaum steige ich vom Fahrrad, heben sie ab …
… und kommen zurück mit weichen Flügelschlägen ..

Und plötzlich sind sie da, die schönen Regenpfeifer mit Federholle. Hocken dicht hinter dem Traktor auf einem Feld, das gerade gepflügt wird, und lassen sich nicht stören. Aber kaum steige ich vom Fahrrad, heben sie ab. Kurven hin und her, rücken mit ihren runden Flügelschlägen mal näher heran, mal ferner, so gemächlich, dass ich ihnen mit der Kamera folgen kann. Verschwinden hinter einer Bodenwelle.

Wie schade! Ich bin erfreut und resigniert zugleich. Baue dennoch das Stativ für meinen Fotoapparat auf. Und während ich den Bussard drüben auf dem Leitungsmast, eine sehr dunkle Morphe, fotografiere, kommen sie zurück mit lautlos weichen Flügelschlägen zurück.
Der Bauer lärmt mit seinem Traktor auf dem Feld und ich stehe mitten auf dem Fahrradweg mit meinem Spektiv, weithin sichtbar. Aber sie beachten uns nicht.
Gehen geruhsam auf dem Grünland etwas weiter vorn nieder – und lassen sich von nun an nicht mehr stören. Rasten und putzen sich, picken nach Nahrung. Grün schillert ihr Gefieder in der Sonne, von warmen rotvioletten Farbreflexen überlaufen. Wie auf dem Zug üblich, plaudern sie leise miteinander in ihrer Vogelsprache, so leise, dass es vom Traktorlärm fast übertönt wird.
Das Glück der Geduld! Es sind genau dreißig Kiebitze, und jetzt kann ich sehen, vor allem an den kurzen Federhollen, wie viele Diesjährige darunter sind.
Wo kommen sie her? Wo fliegen sie hin?
Alte, uralte Fragen, die ohne Beringung oder Besenderung nicht zu beantworten sind. Auch wenn einige beringt sein sollten, auszuspähen ist das nicht, dafür versinken sie zu tief im grünen Krusch, die meisten sogar bis zum Bauchgefieder.

Vermutlich werden sie nicht besonders weit reisen. Je nach Wetterlage sind sie Stand- Strich- oder Zugvögel. Ihre Winterquartiere liegen in Frankreich, Spanien, Großbritannien, im März kommen sie in ihre Brutreviere zurück.
Wenn sie kommen! In unsere unmittelbare Umgebung, wo ich sie viele Jahre lang bei Balz und Brut beobachten konnte, kehren sie seit einigen Jahren nicht mehr zurück, und wir vermissen sie sehr.
Jedes Frühjahr zur Zeit der Amphibienwanderung schaukelten und gaukelten sie über den Feldern, vollführten akrobatische Flugmanöver, Sturzflüge inbegriffen, „sangen“ sogar im Duett.

♫ Kiebitzduett im März ♫

Kamen jedem Reviereindringling ganz nah, indem sie ihn von hinten angeflogen, um dicht an ihm vorbeizurauschen – kiebitzen heißt es deshalb, wenn man jemandem von hinten über die Schulter guckt, insbesondere beim Skat.

♫ Kiebitze, Alarmrufe ♫

Und während ich den schönen Durchzüglern zusehe, kitzelt die Sonne, die jetzt sommerlich wärmt, ihre unnachahmlichen Frühlingsstimmen und das Wummern und Wuchteln ihrer Flügel, mit dem die Männchen zur Balzzeit imponieren – lapwings heißen sie deshalb auf Englisch – wieder in mein Ohr.

Weitere Infos zu Kiebitzen und Kiebitzschutz:
LBV- Ratgeber Kiebitz und LBV Starnberg – Kiebitzporträt

Zwischen Tüpfelsumpfhuhn und Dunkelwasserläufer – ein Augustmorgen am Hotspot Ammersee Süd

Zwischen Tüpfelsumpfhuhn und Dunkelwasserläufer – ein Morgen am Hotspot Ammersee Süd

29. August 2022

Nach einem regnerischen Wochenende hat die Sonne Mühe, den zähen Nebel wegzulecken, der seit dem frühen Morgen aufgestiegen ist. Als er sich endlich aufgelöst hat, entrollt sich am Binnensee bei klassischer Augusthitze eine jener Bilderbuchszenen, wie man sie sich kaum zu erträumen wagt.

Der Große Binnensee am Ammersee Südende, Ramsar- und Vogelschutzgebiet, ist einer der bayrischen Hotspots für Wasservögel – insbesondere Limicolen und Schilfbrüter – und der am besten beobachtete und dokumentierte Vogelhotspot des Landkreises. Limicolen sind Watvögel, die Nahrung suchend in seichtem Wasser und am Wassersaum entlang eilen oder schreiten, manche hochbeinig elegant mit langen Stocherschnäbeln, andere klein, hastig pickend und auf unnachahmliche Weise mit dem Hinterteil wippend. Die meisten erscheinen plötzlich, bleiben ein paar Tage, verschwinden. Denn die Vogelwelt ist jetzt im Spätsommer schon wieder in Wechsel und Bewegung: der Vogelzug hat, wenn auch noch zögerlich, begonnen.

Blick von der Beobachterbank nach Westen auf Brutfloß und Schilfgürtel, Binnensee

Hier im Binnensee gibt es in Dammnähe eine aufgeschüttetet Kiesinsel und mitten im See ein Brutfloß, auf dem Flussseeschwalben und Lachmöwen, manchmal auch Schwarzkopfmöwen brüten. An diesem besonderen Ort kann man im Laufe des Jahres allen möglichen seltsamen und seltenen Vogelgestalten begegnen, hier eröffnet sich ein breites Spektrum zwischen Bart- und Blaumeisen, Tüpfel- und Kleinem Sumpfhuhn, Sumpfseeschwalben und Brachvögeln, Rohrdommeln, Schilfrohrsängern und Schwirlen – um nur einige zu nennen.

Gut 1000 Meter Fußweg von der Straße entfernt, an der höchsten Stelle des westlichen Ammerdammweges, bevor der zwischen Faulbaumgebüsch und kleinerer Bäumen verschwindet, steht eine Beobachterbank: von hier aus hat man den besten Überblick bis zum westlichen Schilfufer und darüber hinaus. Jetzt gegen 10 Uhr liegt nur nur noch ein leichter Dunstschleier über dem Wasser, durcheilt und durchteilt von den Flügeln der Wasservögel, und auch der verflüchtigt sich schnell.

Um die Bank herum ragen schon einige Spektive in die blaue Luft, dahinter, meist stumm versunken durch Okulare spähend, die Vogelbeobacher, Birdwatcher, Twitcher, Hobby- und mehr-als-Hobby-OrnithologInnen – und wie sie sich sonst alle nennen. Bevor man zum begehrten Beobachterplatz gelangt, muss man allerdings über ein paar dicke Felsbrocken klettern. Von wechselnden Hochwasserkräften hier zusammengewälzt, füllen sie eine Dammlücke zwischen Neuer Ammer und Binnensee. Es gelingt mir nicht immer, die Felsbrocken, oft schräg und glitschig und mit Wasserlachen dazwischen, ohne nasse Füße zu überwinden. Verstauchte Knöchel, höre ich, hat es auch schon gegeben.

Star Nummer eins – ein Dunkler Wasserläufer

Heute haben wir Glück, mein Gefährte Jochim und ich. Wir kommen erst einmal gar nicht dazu, die gesamte Felsformation zu überklettern, weil sich eine ungeahnte Szenerie gleich neben den Felsen eröffnet. Es gibt hier eine schmale Bucht, die sich um eine Kiesinsel windet, ganz ufernah und von Schilf, Gras und Seggen begleitet, bevor sie in den Binnensee mündet. Wir klemmen uns und unsere Stative zwischen Felslücken fest, schauen, warten, staunen.
Es gibt keine ausreichende Erklärung dafür, warum sich sonst scheue Wasservögel gerade hier und jetzt vom großen Equipment samt dazugehörigen Beobachtern, die dieses Equipment eifrig betätigen, nicht stören lassen. Jung und unerfahren, mag sein. Aber dennoch ist es Magie, wie jetzt im schönsten Licht ein Dunkler Wasserläufer hervortritt und rotbeinig und langschnäblig gemessenen Schrittes herumstolziert. Seinen Schnabel im Schlamm versenkt. Auch mal flötend auffliegt, ungewöhnlich nah kommt, einfach nicht scheu ist.

Dunkle Wasserläufer sind Brutvögel des hohen Nordens. Im Prachtkleid sind beide Geschlechter nahezu schwarz, einschließlich der Beine, nur oberseits die Federn sind weiß gesprenkelt: in diesem Brutkleid habe ich sie noch nie gesehen. Die Männchen, heißt es, ziehen ihre Jungen allein groß, während die Weibchen schon im Juni aus den Brutgebieten abziehen – die Natur spielt offenbar alles durch, was möglich ist.

Dunkler Wasserläufer bei der Gefiederpflege, Ammerssee Süd am 29.08.2022

Dieser zutrauliche Vogel mit seinen roten Beinen, dunkel gefärbt, doch nicht schwarz, vielgefleckt und-gestreift auch auf Hals, Brust und Bauch (die adulten Vögel im Schlichtkleid, in das sie nach der Brutzeit wechseln, sehen viel heller aus), ist vermutlich ein Jungvogel, der sich auf die Reise gen Süden gemacht hat. Er lässt uns geradezu geruhsam – geruhsam auf beiden Seiten – zusehen, wie sein Tagwerk so abrollt, das wie überall im Reich des Lebendigen zuerst und zunächst dem Überleben dient: Hier findet er reichlich Nahrung, hier kann er sich für den Weiterflug rüsten und ein wenig mästen. Überwintern wird er irgendwo im tropischen Afrika oder im südlichen Mittelmeerraum.

♫ Dunkler Wasserläufer, Flötentöne im Flug, „zufällig“ einen Tag später am Zellsee aufgenommen ♫

Star Nummer 2 – ein Tüpfelsumpfhuhn

Tüpfelsumpfhuhn, 29. August 2022, Ammersee Süd

Wenn der Dunkle Wasserläufer zwischendurch flötend ein Stückchen weiter weg fliegt, tritt wie aus einem Bühnenhintergrund ein Tüpfelsumpfhuhn hervor. Sonst scheu im grünen Nass lebend, wo sein Streifen-und Tüpfelmuster vom Gewirr der Seggen und Gräser und deren Schattenwürfen nahezu aufgelöst wird, schreitet es jetzt gemächlich und spektakulär unscheu mitten im schönsten Sonnenlicht einher.

Präsentiert sein hochgerecktes helles Schwanzdreieck und tritt mit seinen breiten grünen Rallenfüßen den Schlamm. Um manchmal ohne ersichtlichem Grund loszurennen und sich in Deckung zu bringen, aus der es kurz darauf wieder vertraulich hervortritt …

In Bayern zählen Tüpfelsumpfhühner zu den sehr seltenen Brutvögeln, zeigen sich aber im Frühjahr und Herbst regelmäßig, meist vereinzelt, an Binnengewässern wie dem Ammersee, denn auch diese schönen Rallen sind Langstreckenzieher, ihr Überwinterungsgebiet ist groß, erstreckt sich von Südeuropa bis ins tropische Afrika.

Die Brutgebiete der wenigen bayrischen Paare liegen im voralpinen oberbayrischen Hügel-und Moorland, wozu auch der Raum zwischen Landsberg, Ammersee und Zellsee zählt. In der Arteninformation des Bayrischen Landesamtes für Umweltschutz (LFU) heißt es: Das Tüpfelsumpfhuhn brütet in Bayern vor allem in Teichgebieten, an künstlichen und natürlichen Seen und Altwässern mit ausgedehnten Seggenzonen oder vergleichbaren feuchten bis nassen Grasgesellschaften
So erklärt sich, dass ich seinen Balzruf zum ersten Mal im sumpfigen Gelände gleich hinter unserem kleinen Egelsee bei Hofstetten gehört habe: Ein merkwürdiger Quakk-Laut, der kaum nach Vogel klingt und dessen Urheber sich in dem vielschattigen Grün zwischen Weiden und Seggen nicht sehen ließ. Zunächst verblüfft, dann voller Neugier habe ich ihn aufgezeichnet und ihm hingegeben gelauscht.

♫ Schon mal gehört? Ein Tüpfelsumpfhuhn „singt“ ♫

Wirklich aufregend ist jedoch eine Tonaufnahme vom Zellsee bei Wessobrunn, einer ausgedehnten Fischteichanlage, im 15. Jahrhundert von Mönchen angelegt, die hier die Rott aufstauten. Seit 2006 ist es zum Europäischen Vogelschutzgebiet avanciert. Hier brüten (und quieken) die Wasserrallen viel und gern – und ganz offenbar auch das Tüpfelsumpfhuhn. Denn

♫ dies kann nur nur der sogenannte Nestruf eines Weibchens ♫

sein, wie ich nach einiger Recherche herausgefunden habe.

Wer zählt die Arten, nennt die Namen …

Der dritte Star des Tages, nicht ganz so zutraulich, ist ein Stelzenläufer, der zierlich und graziös auf unwahrscheinlichlich hohen und dünnen Beinen herumstakt: wenn er ein Altvogel wäre, müssten die Beine leuchtend rot sein – sie sind aber nur fleischfarben blass und künden davon, dass es sich auch hier um einen Jungvogel handelt. Er bleibt leider recht weit weg.

Während hinter uns in den Bäumen an der Ammer Grauschnäpper hoch und scharf rufen und im Schilf ein Blaukehlchen kruscht, nicht leicht zu fotografieren, treten – wer zählt die Arten, nennt die Namen! – weitere durchziehende Limicolen um die Kiesbänke herum auf: ein Zwerg-, ein Temminck- und ein Sichelstrandläufer, ein Kampfläufer, Sanderling, Flussuferläufer, zwei Bruchwasserläufer. Dazu Flussregenpfeifer, die hier gebrütet haben, junge Bachstelzen. Im Hintergrund rufen melodisch zwei Grünschenkel. Und drüben, zwischen Brutfloß und westlichem Schilfgürtel, flügeln langsam und gewandt drei spektakuläre Raubseeschwalben überm Wasser, den starken roten Schnabel stets senkrecht nach unten gehalten, um plötzlich, wenn sie einen Fisch erspäht haben, steil hinabzuschießen. Was für eine Idylle an Artenfülle!

Auf ornitho dokumentiert: eine Raubseeschwalbe im Sturzflug

Gegen Mittag käschern zwei kleine Jungen Fischchen, die in den warmen Pfützen zwischen den Felsen schwänzeln. Das Wasser flimmert, die Sonne brennt und blendet. Dennoch ist es schwer, sich loszureißen und auf dem Ammerdamm zurück zu gehen. Wo er sich zu den Wiesen hin öffnet, sind seine Böschungen von Herbstzeitlosen übersät. So dass trotz Sonnenseligkeit nicht zu übersehen ist, dass der Sommer zu Ende geht und unweigerlich der Herbst anrückt.

Nachtrag vom 30. August 2022

Gestern habe ich auf Tonaufnahmen verzichtet, die am Ammersee Süd, zumal an einem Montag, kaum ohne den Autolärm, der von der Straße zwischen Dießen und Fischen herüberdröhnt, zu haben sind. Und hatte am nächsten Tag dennoch Glück – das Glück der Geduld, nachdem ich mir abgewöhnt habe, dies oder jenes zwanghaft zu erwarten und stattdessen einsammle, was gerade des meist krummen Weges daher kommt: Das waren heute am Zellsee die vielfältigen Stimmen im sonst recht stillen August

Die Watvögel auf den Sand- und Schlickinseln des Zellsees waren zwar viel zu weit weg, um sie genauer ins Auge fassen zu können, dafür jedoch recht stimmfreudig – insbesondere ein Dunkler Wasserläufer, den ich hier noch nie so gehört habe – siehe oben!
Wie sanft sie sind, die Flötentöne dieses „Nichtsingvogels“- eine Zuordnung, die der Klangfülle seiner Stimme nicht gerecht wird.
Denn obwohl Watvögel keine Singvögel sind, haben sie oft wundervolle Stimmen, in denen die melancholische Weite von Marschland, Watt und Mooren mitschwingt und die mich seit meiner Schülerinnenzeit (die ich, statt Hausaufgaben zu machen, möglichst im Hochmoor verbrachte) in Bann geschlagen haben.

Besonders schön: An meinen erhöhten Beobachtungsplatz am Rande des Eibenwaldes habe ich nicht nur eine weite Sicht über den Zellsee, sondern hier treffen sich die Wasser- und Waldstimmen in meinen Ohren und meinem Mikro in einem außerordentlichen Klangbild:

Rufe und Flugrufe von Dunklem Wasserläufer (ab Beginn) und Grünschenkeln (02:40 ff) und überfliegenden Kolkraben, am Eibenwaldrand. Ab 02:31 ein Graureiherruf. Die Schnatterenten auf dem Wasser sind ab 02:37 besonders deutlich zu hören, ab 03:55 die abfliegenden Rostgänse. Im Waldhintergrund schmatzt ein Mönchsgrasmücke und tickern Rotkehlchen.

Das Füllhorn wird ausgeschüttet: aktuelle Julinotizen

Das Füllhorn wird ausgeschüttet: aktuelle Julinotizen

Hitze, verschwimmende Linien, verschwommene Gedanken: sich durchdringende Spiegelungen am von Weiden umstandenen Egelsee

Jetzt beginnt die Noch-Zeit. Noch blühen Rosen in Garten und Feld. Noch brüten Vögel oder füttern ihre Brut. Noch singen die Zilpzalps ein paar ihrer Zipp-Zapp-Takte und die Mönchsgrasmücken ihre jubelnden Überschläge, noch orgeln hier und da Gartengrasmücken im Gebüsch. Doch der Frühling ist definitiv vorbei, schon läuft der Frühsommer aus, und wie jedes Jahr geht es mir viel zu schnell.
Hochsommer kommt. Hitze, verschwimmende Linien, verschwommene Gedanken. Das Füllhorn wird ausgeschüttet. Alles reift, strotzt, protzt. Nichts Strenges, Klares ist greifbar. Üppigkeit ist angesagt. Blühen, Auswachsen, Anschwellen von schnell vergänglichen Formen. Verschwenden.

10. Juli 2022

Seit über einer Woche ist auch die zweite Brut der Stare ausgeflogen. Jetzt streunt die Starenbande durch die Landschaft, hier bei uns sind sie kaum noch zu sehen. Keine langgezogenen Starenpfiffe mehr. Keine regelmäßige Amselflöte in aller Frühe. Auch wenn die Lerchen noch singend über mir hängen, wenn ich die Feldmark durchradle: mitten in der Fülle beginnt nun allmählich die stade Zeit der langsam verebbenden Vogelgesänge.
Weggewelkt ist das Lichtgelb des Klappertopfs, die Mohnkapseln haben ihre winzigen Samen verstreut. Aber noch blüht es üppig überall: Wegwarte, Malven, Disteln, Nacht- und Königskerzen, Kletten, Engelwurz, Lein.
In den Wildwiesen, und an Wegrändern, die nicht gemäht werden, steht das Mädesüß hoch und flaumflockig wie Wollgras, bildet seine bizarren Formen.

Auch die Lichtnelken werden gern von Zitronenfaltern angeflogen

Überm Gartenzaun hängen die Rosen, blüht die blaue Clematis. Die Taglilien öffnen sich nach und nach, die Himbeeren sind reif und die Kardenköpfe umkränzen sich mit kleinen lila Röhrenblüten, an denen zahlreiche Insekten saugen. Allen voran die leuchtend gelben Zitronenfaltermännchen, die ebenso gern Lichtnelken anfliegen. Ob Rosarot sie besonders anzieht?

Noch mit Flusen am Kopf: Junges Hausrotschwänzchen Anfang Juli

Amseln und Hausrotschwänze tun heimlich. Vorhin, als ich still saß, zeigte sich kurz hintereinander das Rotschwanzweibchen, knickste mit Futter im Schnabel, äugte, knickste, äugte – und verschwand am Nachbarhaus unterm Dachfirst, da, wo ein Balken vorspringt.

♫ Bettelrufe junger Hausrotschwanz-Nestlinge kurz vorm Flüggewerden ♫

Schon gerötet: Flügges Hausrotschwänzchen Anfang Juli

Die Häuser sind der Fels, auf dem sie jedes Jahr brüten, und überall im Dorf wird frühmorgens ihr raues Lied von den Dächern herunter geschmettert.

♫ … noch ist ihr raues Lied von den Dächern herunter zu hören ♫

Auch die Amseln versorgen jetzt ihre zweite Brut. Wieder schlüpfen Amselweibchen und -männchen mit dicken Würmern im Schnabel umher, aufmerksam nach allen Seiten äugend, verschwinden, wenn sie sich unbeobachtet glauben, ganz oben im dunklen Eck, wo unsere beiden Haushälften zusammenstoßen und die wuchernde Jungfernrebe ihrem Nest vollkommenen Sichtschutz bietet.

Die Greifvögel haben ebenfalls erfolgreich Junge großgezogen, allen voran und unüberhörbar die Mäusebussarde.

Vom Waldrand herüber schreien junge Mäusebussarde

Bis vor einigen Jahren brüteten hier im Forst, gleich um die Ecke, Habichte, die an und ab ein Huhn holten, und jedes Jahr mehrere Junge großzogen. Zu sehen waren die Ästlinge kaum, aber ihre Bettelrufe gellten aus verschiedenen Tiefen des Waldes und zitterten noch in den Blättern nach, wenn die nächste Bettelserie losbrach.

♫ … ihre Bettelrufe gellten aus verschiedenen Tiefen des Waldes ♫

Leider sind Habichtästlinge seit einigen Jahren nicht mehr zu hören. Wohl aber die Rufserien der Alten, sie müssen jetzt in einem anderen Teil des Waldes brüten.

11. Juli 2022

Die Staudenwicke hat sich hochgereckt, lehnt weit überm Zaun. Ihre rosaroten Blütenschlünde sind bei Insekten sehr beliebt, die Zitronenfalter besuchen sie scheinbar noch lieber als die Kardenköpfe.
Was da vorhin angeschwärmt kam ist aber dick, fast plump und dennoch zum Staunen schön.
Zuerst ist nur ein tiefes Brummen zu hören. Dann erscheint ein geflügeltes Wesen mit dickem schwarzschillerndem Leib und schimmernden blauen Flügeln. Glasflügler geht mir im ersten Moment durch den Kopf, denn die blauen Flügel sind durchsichtig. Aber Glasflügler, die zu den Schmetterlingen zählen, haben zarte Leiber. Und können Schmetterlinge brummen?

Die blauflügelige Holzbiene an einer Staudenwickenblüte …
… mit Blütenstaub hinterm Kopf …

Dann erinnere ich mich an den Weinberg im Kaserstuhl, wo wir, erfolgreich, nach dem Turteltaubenpaar fahndeten und wo ein ausladender Blasenstrauch von großen schwarzen Insekten umschwärmt wurde. Worauf uns die Winzerin extra hinwies, denn hierzulande sind sie selten: Holzbienen!
Ein besonderer Gast also. Oder ein Neubürger? Eine der südlichen Arten, die mit der Klimaerwärmung langsam nach Norden vordringen und, wie meine Recherche ergibt, unter den Lippen- und Schmetterlingsblütlern Wicken als Nahrungsgeber bevorzugen – vielleicht ist der Wickenschlund für ihren Saugrüssel besonders passgerecht!

… und mit durchsichtigen blauen Flügeln – hier links vom Wickenrosa durchschimmert

Holzbienen brauchen das, was in gewöhnlichen Gärten selten vorkommt: mürbes, morsches Totholz, in das sie mit kräftigen Mandibeln ihre Nestgänge nagen. Jede für sich allein, denn sie leben solitär.
Wie unerschöpflich das Füllhorn ist!
Allmählich begreife ich, dass wir die Natur nicht zerstören können. Wohl aber jene natürlichen Grundlagen, auf denen unsere Existenz auf diesem Planeten beruht.

Jetzt stehe ich am Zaun und staune. So viel blau-schwarze Exotik! Auch wenn man ihn im Gewirr der Blüten nicht immer sehen kann: es ist leicht den Flug des Blaugeflügelten zu verfolgen: Tiefes Brummen und das Wippen der Wickenblüten markieren seinen Zickzackkurs.

14. Juli 2022

Sommer ist. Es ist heiß und zunehmend trocken, die Luft zwischen den Feldern riecht hitzig nach Staub und Getreidebrodem, die Frühlingswürze hat sich verflüchtigt.

Die Hollerbeeren sind schwarz geworden, schwarz mit ein wenig Blauschimmer, die Vogelbeeren leuchten rot. Ganz im Gegensatz zum letzten Jahr gab es heuer auch bei den Ebereschen ein großes Fruchten. Ob die Wacholderdrosseln wiederkommen, um sie zu ernten?

Zeit der jungen Vögel.
Bei der Futterstelle im Hollerbusch, direkt vor unserem Schlafzimmerfenster, hocken erneut aufgeplusterte junge Spatzen, betteln mit bebenden Flügeln, lassen sich von den Eltern die Schnäbel stopfen, obwohl sie selber längst fressen können. Das dürfte jetzt die dritte Brut sein.
Junge Blaumeisen kommen an die Futterstelle gehuscht, klein und zart, noch recht blass auf dem Scheitel, die Wangen gelb. Junge Kohlmeisen sind vor kurzem wieder aufgetaucht, ihrem Bettelgeschrei nach gerade flügge geworden, auch sie noch im blassen Jugendkleid.

Junge Bachstelzen auf dem Dachfirst

Die Bachstelzen, die seit Jahren ihr Nest auf dem Nachbardach hinter den Solarmodulen bauen, spazieren auf dem Dachfirst entlang, singen aber selten. Man hört ihren leisen Gesang ohnehin nur, wenn man ein wenig Glück hat und sehr aufmerksam ist:
♫ Bachstelzengesang, eine Mischung aus Rufen und leisem Schwätzen, schnell dahin plätschernd wie ein kleiner Bach ♫
Jo hat eine der Amseln mit Würmern im Schnabel gesehen, heimlich wie stets. Sie füttern also ihre zweite Brut.

In der Kiesgrube sammeln sich die Graugänse, junge und alte, rund 250 habe ich vorgestern gezählt. Ein Zwergtaucher kurvt herum, noch ist auf erfolgreiche Brut zu hoffen – letztes Jahr zeigte sich hier Anfang September ein Zwergtaucher, der sein Küken auf dem Rücken trug.
Die Flussregenpfeifer sind weiter präsent, sie haben erfolgreich gebrütet und fliegen lebhaft rufend hin und her. Und nicht weit von der Kiesgrube, im Bibersumpf, schwer einzusehen, tauchte heute plötztlich eine Kolbenente auf, ein Weibchen, und zog zehn eilig paddelnde und piepsende Küken hinter sich her, darunter zwei fast ganz schwarze, die wie Reiherentenküken aussahen. Während im großen Gebüsch am Rande geradezu ekstatisch eine Gartengrasmücke sang, einer dieser Sänger, die außerordentlich lange Sequenzen orgeln.

Landsberg ist leider keine Stadt, über deren Zentrum im Sommer ständig viele Mauersegler präsent sind und hin- und her schießen, mit diesen hohen schrillen Schreien, die für mich d e n Stadtsommersound schlechthin bilden. Deshalb war es heute heute ein Glücksfall, im Westteil der Stadt wieder einmal einen Trupp von etwa zwanzig Vögeln zu sehen, die im üblich rasanten Tempo über die Straße stürzten. Eine bittersüße Beobachtung, denn in Kürze, Anfang August, wird es die Luftjäger schon wieder forttreiben aus ihrem Sommerrevier, das sie nur für diese kurze Brutperiode besuchen. In Landsberg brüten sie vor allem in der Breslauer Straße, weil hier für sie zahlreiche Brutkästen aufgehängt worden sind, durch deren Schlitze sie zielsicher und mit großer Geschwindigkeit einfahren, mitten aus dem Flug.

♫ Nur einen kurzen Sommer lang zu hören: die schönen schrillen Schreie der Mauersegler über der Stadt ♫

Wir haben das an einem warmen Juliabend von einem der Gärten hinter der Häuserfront bis in die Dämmerung hinein beobachtet. Und gehört, wie ihre Schreie mit dem Späterwerden schriller wurden, wie sie gruppenweise heranjagten und über unsere Köpfe sausten, manchmal so tief, dass der scharfe Laut, mit dem ihre Flügel die Luft durchschnitten, in unseren Ohren gellte, während im Hintergrund eine Stadtamsel und ein Großes Grünes Heupferd ihre geruhsamen Abendlieder sangen.

Kleine Wildnis zwischen Holler und Heckenrosen – Ortstermin mit Neuntötern

Kleine Wildnis zwischen Holler und Heckenrosen – Ortstermin mit Neuntötern

23. Juni 2022

In einer Landschaft, in der nichts unberührt ist und jedes Fleckchen vom Menschen in Angriff genommen wurde, gehören Kiesgruben zu den allerdurchwühltesten Orten. Dennoch macht sich hier, wo kleine Bereiche ungestört bleiben, schnell wieder etwas breit, was ein wenig verächtlich Wildwuchs genannt wird, hochtrabender: Sekundärhabitate, in denen sich Vögel, Amphibien und Insekten ansiedeln, die sonst keine Bleibe mehr haben.
Neuntöter zum Beispiel.

Neuntötermännchen: immer auf auf hohem Ansitz

Nicht weit von unserem Wohnort schlingt sich ein holpriger Weg, meist verlassen, um eine kleine Kiesgrube herum. An der einen Seite eine steile Böschung, die zum Feld hin abfällt. Das wiederum erstreckt sich zwischen Straße und Wald. An der anderen Wegseite ein Maschendrahtzaun. Er grenzt die Kiesgrube ein, die nur gelegentlich von Transportlastern befahren wird. So weit ich das wahrnehme, wird hier nicht mehr abgebaut, nur noch befüllt. Wildwuchs drängt sich vor und hinter dem Zaun. Zur Böschung hin ein ineinander verwachsenes Holler- und Wildrosengebüsch: Ideal für ein Nest im Verborgenen.

Im Schattenriss: Neuntöter mit Insektenfutter im Schnabel

Hier müssen sie gestern ausgeflogen sein. Ständig war das Männchen auf seiner Ansitzwarte präsent und ständig warnte das Weibchen. Im Schattenriss war auch zweimal ein Altvogel mit einem Schnabel voll Insekt zu sehen, einem großem Insekt, mit dem es im Busch verschwand.

Neuntötermännchen in Weide hinterm Zaun

… und ständig warnte das Weibchen

Jetzt ist es hier so still, als wenn gestern nichts gewesen wäre. Nur kurz, denn es ist noch früh, lärmt ein einzelnes Auto vorbei. Und noch einmal lästiges Reifengeräusch. Am Himmel weiße Bauschewolken, bewegen sich kaum. Auf dem langen kahlen Zweig hinterm Zaun, auf dem gestern ständig das Männchen saß: nichts.

Ich spüre, wie die Sonne langsam meinen Rücken wärmt und baue zögernd mein Spektiv, meine Kamera auf. Berge mich, so bewegungslos wie möglich, an der Seite zwischen Wildkräutern und Holler. Deutlich kann ich fühlen, wie mein Eindringen die Stille stört, die hier wie in allen Naturräumen herrscht: dies gärige Knistern und Knispern, dies tonlose Gespräch, das all das Lebendige ringsum stets und ständig miteinander führt und das unseren tauben Ohren zumeist verschlossen bleibt.

Ich versuche mich nicht zu rühren, wie weiland Annie Dillard, wenn sie sich auf Bisamrattenpirsch befand. In ihrem Buch Pilger am Tinker Creek beschreibt sie in dem großartigen Kapitel Pirschen, wie sie sich Bisamratten nähert – auch Zwergbiber genannt -, die keine Ratten und extrem wachsam sind, fast noch wachsamer als Vögel:

Das Pirschen ist eine reine Fertigkeit … . Glück spielt selten eine Rolle. … Noch mehr als Baseball ist Pirschen ein Spiel, das total in der Gegenwart gespielt wird. Zu jeder Sekunde entscheidet mein Geschick, ob die Bisamratte kommt oder bleibt oder flieht. Kann ich mich still verhalten? Wie still? Es ist erstaunlich, wie viele Leute nicht still halten können oder wollen. Ich könnte und wollte im Haus keine dreißig Minuten stillhalten, aber am Fluss werde ich langsam, zentriere mich, werde leer. … In meinem Kopf sage ich nicht: Bisam! Bisam! Da! Sondern ich sage nichts. Wenn ich in einer Stellung verharren muss, mache ich mich nicht steif … sondern werde ruhig. Ich zentriere mich, wo ich gerade bin, ich finde eine Balance und eine Ruhehaltung. Ich ziehe mich nicht zurück in mein Innenleben, sondern aus mir heraus, so dass ich ein Sinnengewebe bin. Ganz gleich, was ich sehe, es ist genug, mehr als genug. Ich bin die Haut auf dem Wasser, auf der der Wind spielt; ich bin Blütenblatt, Feder, Stein.
aus: Pilger am Tinker Creek, Matthes & Seitz, Berlin, Naturkunden No. 28. Im Englischen Original 1974 erschienen

Ja, das ist es, das trifft genau den Punkt: Aus sich selbst heraustreten. Warten, nichts erwarten. Nur ein Ohr, ein Auge, ein Sinnengewebe sein! Jetzt nehme ich die erste flüchtige Bewegung wahr, dort, im Gebüsch weiter unten am Weg, das von Brennesseln umwuchert wird. Langsam gelingt es meinen Augen, licht- und schattenerfüllte Lücken zwischen den Blättern zu unterscheiden. Bin plötzlich sehend und kann sie erspähen: Ja, oja, da hocken sie in einer gut belichteten Lücke zwischen den

Zwei der drei Jungen, halb versteckt im Gebüsch

Zweigen, rücken und ruckeln ein wenig hin und her oder huschen kurz auf und ab, bewegen sich sonst kaum: drei Junge, gerade flügge; offenbar gut genährt und recht still auf Futter wartend. Dass sie so still sind, wundert mich. Denn gelegentlich betteln junge Neuntöter recht laut. Mag sein, dass diese hier zu weit weg sind, zu leise oder jünger als die auf der älteren Tonaufnahme.

♫ … denn gelegentlich betteln Neuntöterjunge recht laut ♫

Wenn sie nicht füttern, hocken Männchen und Weibchen ebenfalls auf diesem Gebüsch, besser sichtbar als die Jungen, auch sie heute recht still. Ich entdecke sie erst nach und nach. Das Männchen sitzt oben auf einem hervorspießenden kahlen Zweig, das Weibchen weiter unten, viel unauffälliger.

Spät sind sie aus dem südlichen Afrika zurückgekommen und schon ab Mitte Juli , spätestens im August wird sich der Familienverband auflösen und aus diesem Brutgebiet verschwinden, die Alten früher als die Jungen. Um, jeweils einzeln, schon früh im Herbst die lange Reise nach Afrika anzutreten, über die Sahara hinaus.

Neuntöter gelten in Deutschland als noch nicht gefährdet, doch ist ihr Lebensraum durch die sogenannte Flurbereinigung stark geschrumpft. Ihre nahen Verwandten, Rotkopfwürger und Schwarzstirnwürger, sind in Bayern längst ausgestorben, seit Ende der 70er Jahre, und der Raubwürger wird auf der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ geführt.

Wie gut, dass sie hier vor Ort Erfolg hatten, die schönen Vögel mit den hässlichen Namen. Neuntöter, Rotrückenwürger, Dickkopp, Dorndreher – weil sie erbeutete große Insekten manchmal als Vorrat oder Zerkleinerungshilfe auf Dornen aufspießen, eine Kunst, die die Jungen von ihren Eltern erst lernen müssen.
Heckenschmätzer wurden sie früher ihres Rufs wegen genannt. In dieser Aufnahme, die ich erst gestern gemacht habe, sind die schmätzenden Laute von Weibchen und Männchen besonders deutlich zu hören. Zwischendurch, ab 0:16, Bettelrufe der Jungen, die sich nun doch ein wenig Gehör verschaffen. Im Hintergrund singt, ab 0:07, besonders beharrlichlich eine Goldammer.:

„Heckenschmätzerrufe“

Der kuriose Neuntötergesang ist dagegen selten zu hören, und nur zu Beginn der Brutsaison
Anfang Mai, als ich in den Raistinger Wiesen Tonaufnahmen von Braunkehlchen machte, ist mir zufällig so ein langer Gesang ins Mikro geraten. Er hat mich zunächst irritiert, dann zunehmend fasziniert. Weil ich ihn hörte, ganz unvermittelt, während ich ein Braunkehlchen im Visier hatte: ein leises, eigenartig krauses Geschwätz mit vielen Imitationen und manchmal schönen Tönen dazwischen.

Neuntötergesang mit Feldlerchenbegleitung in den Raistinger Wiesen am Ammersee

Jetzt ist die Jahreszeit längst über Neuntötergesänge hinweggegangen. Sie werden erst wieder, mit Glück, im nächsten Mai zu hören sein. Und, wie sehr zu hoffen ist, auch an diesem wildwüsten dornigen Ort!

Nach der Fütterung: Weibchen (oben) und Junges

Schwirlen und Schwirren: Seltsame Sommervögel

Schwirlen und Schwirren: Seltsame Sommervögel

Taubenschwänzchen im Anflug auf Indianernessel

18. Juni 2022

Sonne, Regen, Schwüle, Gewitter, dabei immer noch Morgenkühle. Tropisches Wuchern von Blauregen, Schnecken, Fliegen, hier im Voralpenraum gibt es heuer Wasser genug.
Nun treibt alles auf den Höhepunkt zu: Der längste Tag, die kürzeste Nacht. Klimax des Wachstums, des Blühens, Brütens und Fütterns. Jungvogelzeit.

Ein Insekt und kein Vogel: Taubenschwänzchen

Seit einer Woche sind sie wieder im Garten zu Gast, diese Sommervögel, die statt Schnäbeln so feine Gebilde tragen, dass das Wort Rüssel viel zu grob dafür ist. Zarte lange Röhren, die sie auf- und ausrollen, um Nektar zu saugen. Wie Kolibris können sie auf der Stelle schwirren – so schnell, dass auf dem Foto verschwimmende Farbreflexe entstehen. Wobei sie, ohne die Pflanzen zu berühren, ihre langen Saugrüssel in die Schlünde der Sommerblüten stecken, auch in die besonders tiefen der wilden Prachtnelke.

Sommervogel ist ein bei uns veraltetes Wort für Schmetterling, im Dänischen jedoch als Sommerfugle lebendig, und Taubenschwänzchen ein gebräuchlicher, aber irreführender Name für einen der merkwürdigsten Schmetterlinge, die ab Juni, Juli zu uns kommen. Wenn wir Gärten haben oder Balkone. Wenn wir ihnen die richtigen, das heißt für sie lebenswichtigen, Nektar trächtigen Blüten zu bieten haben. Sommerblütenvögel, ich liebe sie sehr.

Wilde Prachtnelke im Moor: so viel- und flatterzipflig wie möglich

Vor Jahren, als ich zum ersten Mal meine volle Aufmerksamkeit auf eine Kamera statt auf meine Ohren richtete, verfolgte ich fasziniert die Flugbahnen eines Taubenschwänzchens, das immer wieder die Blüten einer Gruppe hoher purpurfarbener Indianernesseln anflog: und da gelang mir, mit typischen Anfängerglück, mein ausdrucksstärkstes Sommervogelfoto. Es spiegelt wie keines sonst das wider, was Inger Christensen die dichte Purpurfarbe des Lebens1) nennt. Diese Blühfarbe, diese Gemütsfarbe des Sommers, grundiert von der Trauer um ihre Vergänglichkeit, die uns Schmetterlinge in aller Fantastik vor Augen führen, hat niemand besser als Inger Christensen in ihrem Großgedicht Sommerfugledalen (Das Schmetterlingstal), beschrieben, formal ein Sonettenkranz, ich zitiere hier die beiden ersten Strophen des IV. Sonetts2):

Wie das Berggebüsch mit seinem Duft verdeckt,
dass das Blühen in all dem Vermoderten wurzelt,
dem Schattigen, Filzigen, Pelzigen,
einer wilden und labyrinthischen Unvernunft,

so kann der Schmetterling mit seinem Flattern verdecken,
dass er an den Körper des Insekts gebunden ist,
man glaubt, eine Blume fliege auf
und nicht dieser aufgereihte Bildersturm …

Eine fliegende Blume, gebunden an den Körper eines tagaktiven Nachtschwärmers, der am Körperende wie ein Taubenschwanz gezeichnet ist und mit seinem Schwirrflug so sehr an einen Kolibri erinnert, dass er auch Kolibrischwärmer genannt wird: was für eine Fantastik! Zahlreiche vermeintliche Kolibri-Sichtungen in Europa gehen auf Beobachtungen an dieser Schmetterlingsart zurück.

Federn besitzt er natürlich keine – wohl aber ein weiche Behaarung, ein regelrechtes Pelzchen. Kann dennoch Frost nicht vertragen, und da die Würfel der Evolution so gefallen sind, dass er als ausgewachsener Schmetterling überwintern muss, hat er wie Distelfalter und großer Fuchs ein Wanderleben entwickelt: er weicht zum Überwintern in den Süden aus und kann im Hin und Zurück sogar die Alpen überqueren. Als Folge des Klimawandels überwintern einige Taubenschwänzchen in neuerer Zeit aber auch in milden Regionen Süddeutschlands und legen im März die Eier für die nächste Generation.

Taubenschwänzchen an Borretschblüte – schon ramponiert vom Sommer, aber Pelzchen und Rüssel sind deutlich zu sehen

Und woher kommen die schönen wuschelköpfigen Sommerfugle, die wir hier seit einer Woche beobachten? Sind sie frisch geschlüpfte Nachkommen der Überwinterer, also hier in Bayern aus dem Ei gekrochen, oder über die Alpen zu uns geflogen? Vieles scheint noch nicht klar zu sein, wahrscheinlich mischen sich die Populationen und Generationen.

Eine Blüte anfliegen, sehr schnell – und rasend schnell schwirren – und kurz vorm Blütenschlund in der Luft stehen bleiben – so kurz, dass ich bei meinen ersten ahnungslosen Beobachtungen glaubte, er hätte die falsche, nektarlose Blüte angeflogen, und jetzt müsse er weiter suchen, und weiter … In Wirklichkeit hat der Schöne in Sekundenbruchteilen ausgerollt, gesaugt wieder eingerollt – wie schafft er das bloß – für meine grobschlächtige Wahrnehmung ein unvorstellbares Kunststück. Ich sehe von der Terrasse aus seinem Zickzackkurs von Blüte zu Blüte zu: Bartblume, Beinwell, Katzenminze, Bartnelke – Blau, Blaulila, Purpur: das lockt ihn an. Den leuchtenden Goldfelberich lässt er dagegen aus: diese Farbe scheint ihn buchstäblich nicht anzumachen.

In fünf Minuten kann ein Taubenschwänzchen mehr als hundert Blüten besuchen. Aber warum diese unermüdliche Geschwindigkeit? Sicher ist: die Flugmuskalatur, die für ein so kleines Geschöpf Gewaltiges leistet, kann dabei nicht auskühlen, bleibt auf Hochtouren, und lauernden Krabbenspinnen bietet er keinerlei Angriffsfläche. Alles andere bleibt verborgen im rätselhaften Gang der Evolution.

1) 2) aus Inger Christensen, Das Schmetterlingstal / Sommerfugledalen. Suhrkamp 1998, S. 9 und 13

Ein Vogel und kein Insekt: Feldschwirl

Wer kennt schon das Geschöpf, dessen Name sich auf Quirl reimt und das alles andere als quirlig ist? Ehrlich gesagt, ich habe es noch nie fliegen sehen. Auch einer, der den Sommer bei uns verbringt auf seine heimliche Weise.
Feldschwirl ist sein Name. Er ist kein Gewinner des Klimawandels. In ausgeräumten Agrarlandschaften fehlt er ganz, weil hier Feuchtgebiete zerstückelt und Hochstaudenfluren und Ufervegetation zerstört worden sind: deshalb steht er bei uns als stark gefährdet auf der Roten Liste.
Wie froh bin ich, wenn ich ihn im späten Frühjahr – denn vorher kommt es nicht aus Afrika zurück – endlich wieder, wie in dieser Aufnahme, zu hören bekomme.
Zu hören, wohlgemerkt – irgenwo aus dem Verborgenen heraus, einer Krautschicht oder einem Busch, auf jeden Fall aus niedriger Höhe. Leicht und sirrend und schwirrend wie der Sommergesang des Großen Grünen Heupferds kommt sein seltsames Lied daher. Ein wenig monoton, ja, das schon, aber dennoch dynamisch, wie das dem Lebendigen grundsätzlich eigen ist.
Der Feldschwirl ist aber kein Insekt, sondern ein Vogel, der heuschreckenähnlich zirpen kann. Locustella heißt er auf lateinisch: Kleine Heuschrecke. Auf Englisch: Common Grashopper Warbler. Zu sehen ist er fast nie, obwohl er zum Singen gelegentlich kleine Warten bevorzugt.

Er liebt offene feuchte Landschaften mit Sträuchern und niedrigem Bewuchs. Bevorzugte Brutplätze sind Großseggensümpfe und Pfeifengraswiesen, schütteres, mit Gras durchwachsenes Landschilf, Waldränder, extensiv genutzte Felder, Weiden, Heiden – alles, was stark verkrautet ist und ihm genügend Unterschlupf bietet. Immer in Deckung und meistens am Boden durchschreitet er die Krautschicht langsam, um Nahrung zu finden oder huscht, bei Gefahr, schnell davon wie eine Maus: wie könnte man ihn da finden. Zumal er in seiner Gefiederzeichnung zur großenr kbu-Fraktion gehört: klein, braun, unauffällig …
In einer extensiven Landwirtschaft ist – oder muss ich sagen: wäre er exzellent in seine Nische eingepasst.
Wie auch sein Schwirrgesang sich in das Gesangsensemble im Frühjahrsmoos- und moor nicht nur einpasst, sondern es auf spannende Weise untermalt und bereichert.

Feldschwirlgesang kurz nach Sonnenaufgang Ende Mai, eingebettet in den Chor der Morgenstimmen am Rande eines kleinen Feuchtgebiets. Eine historische Aufnahme, denn seit Jahren ist der Feldschwirl hier ausgeblieben.

Aufschlüsselung Soundscape vom 27. Mai 2012, ab 5:22 Uhr, Egelsee bei Hofstetten.
Gleich am Anfang Sumpfrohrsänger, Buchfink, Kuckuck, etwas später Rabenkrähen, ab 00:58 Singdrossel, bei1:40 setzen Grünfinken ein, ab 3:20 wird ihr „Klingeln“ sehr intensiv. 3:58 Blässhuhn, ab 5:03 wieder der Kuckuck im Hintergrund, ab 6:53 Füchse. Ab 7:03 wird der Gesang des Sumpfrohrsängers wieder deutlicher. Der Feldschwirl setzt gleich zu Anfang ein und ist bis 8:07 immer wieder, mit Pausen, zu hören. Sh. auch in Xeno Canto XC738037.

Ein Vogel, kein Heuschreck! Auch eine der wundersamen Kapriolen der Evolution.

Der Kuckuck und alle „Kehlchen“ sind zurück gekehrt

Der Kuckuck und alle „Kehlchen“ sind zurück gekehrt

20. April 2022

Im kleinen Feldgehölz, wo unter hohen Fichten, Eichen und Buchen schön blau gefärbte Eierschalen liegen, fast hühnereigroß, und wo unter der geschlossenen Decke der Baumwipfel eine eigenartig intime Atmosphäre herrscht, ist schon das seltsam klappernde Bettelgeschrei junger Graureiher zu hören. Es klingt ein wenig wie Storchengeklapper, besonders, wenn es an Lautstärke zunimmt, und wird doch nicht mechanisch, mit Schnäbeln, sondern vokal hervorgebracht.

♫ aus einem der Reiherhorste ertönt schon das klappernde Bettelgeschrei hungiger Graureiherküken ♫

Unter meinen Füßen welliges Gelände. Ich steige vorsichtig über Baumwurzeln und heruntergebrochene Äste, fahnde nach blauen Eierschalen, höre dem Sommergoldhähnchen zu, das verborgen da oben über mir singt. Ein leises Lied, ein hohes Lied, jedenfalls der Tonlage nach.

♫ leiser hochfrequenter Gesang eines Sommergoldhähnchens im „Graureiherwald“ ♫

Die kurzen Strophen beschleunigen sich zum Ende hin, steigen in der Tonhöhe leicht an und enden mit zwei, drei zarten Trillern. Im Hintergrund schackern am Anfang Wacholderdrosseln, sie haben hier eine kleine Brutkolonie. Ab 00:51 läutet eine Kohlmeise, ein Buntspecht klopft, ab 00:52 sind kurz die Flugrufe eines Graureihers zu hören

Er ist wieder zurück!

Ich nehme auf, versinke ins Hören – und fahre hoch. Da ist er, da ruft er zum ersten Mal, mischt seine Terz ins Frühlingsgeschehen: der Kuckuck ist wieder da!
Glücklich ist er über die Sahara gelangt, allein!, und jetzt, überpünktlich, zwei Tage vor dem traditionellen“Kuckuckstag“ – das ist nämlich der 15. April – in sein Sommerrevier zurück gekehrt. Aber er ruft nur einmal, ist offenbar weiter gestreunt.
Mit diesem Kuckucksruf, der den kommenden Hochfrühling ankündigt, geht die erste große Singestart- und Rückkehrwelle der Vögel zu Ende.
Denn auch alle „ … kehlchen“ haben sich singend zurück gemeldet. Ob blau, braun, rot oder schwarz, sie gehören sämtlich zur großen Familie der Fliegenschnäpper, diesen einfallsreichen Sängern und Insektenfängern, die den Drosseln nahe stehen.

Rotkehlchen

Als Erste hatten natürlich die Rotkehlchen ihren Auftritt. Vertraute Gestalten, die bei uns überwintern, meist verstärkt durch nordische Gäste, und als Herbst- und Wintersänger – und -sängerinnen! – bekannt sind.
Zur Zeit trällern sie aus voller Kehle.
Hier singt an einem frostigen Morgen vor Sonnenaufgang – ich habe minus 6°C notiert – ein Rotkehlchen seine besondere Liedversion. Diese Version gehört dem frühen Frühling an, mit langen Intervallen und ausgefallenen Motiven, bewegend und glasklar:

Rotkehlchemn, Dawn-Gesang
Glasklarer Gesang in der Morgendämmerung

ein Rotkehlchenlied in der Morgendämmerung, mit langen Intervallen und ausgefallenen Motiven

Und hier singt – obwohl ebenfalls an einem frostigen Morgen – eines im Vollgefühl des Frühlings, mit langen Trillern und triumphalen Kaskaden:

♫ ein Rotkehlchenlied mit langen Trillern und triumphalen Kaskaden ♫.

Schwarzkehlchen

Als Nächste setzten die Schwarzkehlchen ein. Sie sind keine Langstreckenzieher, sondern überwintern im Mittelmeerraum und kommen oft schon Mitte März zurück, um in ihre Brutreviere einzurücken.
Zum Beispiel in den Raistinger Wiesen.
Auch dies eine gezähmte Landschaft mit Weidezäunen und Pferdekoppeln und einem breiten Weg mittendurch. Doch mittendrin liegt ein kleines Wiesenbrüterschutzgebiet, in dem Schwarz- und Braunkehlchen, Wiesenpieper und Feldlerchen ihre Jungen großziehen.

Kurz nach Frühlingsbeginn, Ende März. Es ist sehr kühl, die Luft ist diesig, der Himmel trübe, als ich auf den kleinen Bach und die blattkahle Hecke zugehe, die das Schutzgebiet hier begrenzen.
Nichts los, denke ich. Aber dann, ein paar Schritte weiter, höre ich sie schon, und meine skeptische Anfangsenttäuschung schlägt in aufgeregte Freude um. Tatsächlich, sie sind nicht nur da, sondern trotz der Kälte in großer Singelaune: zwei Männchen sitzen in Busch und Baum, wechseln hierhin und dahin und scheinen einander zu antworten.

ein Schwarzkehlchen singt Ende März in den Raistinger Wiesen

Es kostet Zeit und viel Geduld, bis eines so günstig nahe kommt, dass ich den Gesang gut aufnehmen kann. Günstig heißt vor allem, dass ich das Mikro nicht in Richtung Straße richten muss – das Geräusch rollender Reifen ist trotz der Entfernung schon zu groß und würde alles verderben.
Ja, wie soll man dieses Lied beschreiben? Hoch angesetzt, etwas klirrend, nicht so einfallsreich wie das der Braunkehlchen, auf rührende Weise innig. Wie gut es in die halmenstarre, doch erwartungsvolle Dürre dieser Märzlandschaft passt!

Blaukehlchen

Ende März rückt auch die „nordische Nachtigall“ wieder in unsere Schilfgebiete ein. Einige haben im Mittelmeergebiet überwintert, andere in Afrika und dafür zweimal die Sahara überflogen.
Für mich – und für viele andere, wie ich bei meinen Vogelführungen erfahren habe – ist und bleibt der Anblick des Männchens mit seiner blitzblauem Brust ein spektakuläres Ereignis. Noch dazu, wenn es beim Singen seinen weißen „Stern“ demonstriert und ihn im Takt der Strophe kleiner und größer werden lässt!

ein langer Blaukehlchengesang von der Greunen Stee in Borkum

Blaukehlchen gelten zur Zeit als nicht gefährdet, denn als Anpassungskünstler haben sie sich neue Lebens- und Überlebensräume inmitten intensiver Landnutzung erschlossen: Baggerseen zum Beispiel, Schilfgräben, Raps- und Getreidefelder.
Dennoch sind sie nicht häufig zu sehen. Am Ammersee oder Zellsee, die zu ihren Brutarealen gehören, verlieren sich Gestalt und Gesang leicht in den Weiten der Schilfbestände.
Optimal ist dagegen ein Gang durchs Grabenstätter Moos, das dem Chiemsee vorgelagert ist. Hier sind die Blaubrüstchen Anfang April diesen Jahres vom Schnee überrascht worden. Und hier habe ich sie in den letzten Jahren Ende März/Anfang April oft mitten auf dem Weg gesehen und konnte mit Augen, Ohren und Mikro ganz aus der Nähe ihrem Fluggesang folgen:

ein Blaukehlchen-Fluggesang im Grabenstätter Moos am Chiemsee

Typisch ist der schleppende Beginn der Strophen, die allmählich beschleunigt werden, um in lange variable Passagen mit Imitationen, melodischen Klängen und scharfen Tönen einzumünden. Nachtigallenähnlich? Wohl kaum. Aber schön, auf Blaukehlchenart!

Braunkehlchen

Als Letzte sind nun die Braunkehlchen erschienen. Noch überwintern unsere Whinchats alle in Afrika und müssen Jahr für Jahr wie der Kuckuck die Sahara überqueren. Um in ein Brutgebiet zurück zu kommen, das ihnen mehr und mehr die Lebensgrundlage entzieht. Denn sie sind auf extensiv genutztes, mäßig feuchtes Grünland angewiesen. Und wo findet sich das noch? Folglich stehen sie, die ehemals so weit verbreiteten, bei uns auf der Roten Liste und sind vom Aussterben bedroht.

Aber noch lassen sie sich finden, die Hübschen mit dem langen Überaugenstreif. Sitzen in den Raistinger Wiesen wieder auf Weidezäunen oder an dünnen Halmen, singen und singen.
Ihr Lied ist sehr abwechslungsreich.
Vor Jahren hat sich ein Männchen zwei Wochen lang hier bei uns am Egelsee niedergelassen und täglich lang, intensiv und kunstvoll gesungen, auf einem Teppich von Feldgrillenzirpen – schöner, dachte ich, kann man nicht werben. Dennoch hat sich kein Weibchen eingestellt. Kein Braunkehlchenweibchen jedenfalls. Nur ich habe ihm zugehört, die Krähen vielleicht, die Lerchen, die Wiesen, der Wind. So ist es am Ende weiter gezogen.

♫ klangvolle, imitationsreiche Strophen eines einsamen Braunkehlchenmännchens am Egelsee ♫

Sehr deutlich sind zum Beispiel Hausrotschwanzimitationen (0:40.1:00, 1:27, 1:36, 1:53) und Zilpzalpimitationen (0:42, 0:47, 2:30) integriert. In 3:30 eine besonders klare Imitation des Buchfinkenschlags

Jetzt ruft zu all diesen Frühlingsliedern auch wieder der Kuckuck. Was ihm – denn die Weibchen können’s auch! – sogar ♫ im Duett ♫ gelingt.

Störche, Raben und Rilke-Amseln

Störche, Raben und Rilke-Amseln

4. März 2022

Jetzt hängt schon um sechs Uhr morgens Licht zwischen den kahlen Zweigen der Linde, eine milchige Helle, von fernem Blau durchschimmert. Ein Vogelschemen gleitet hinter dem großen Baum über die Wiese. Das stumpfe Wiesengrün ist von frostigem Grau überzogen – je höher die Minusgrade, umso grindiger das Grau. Während die erste Sonnenröte über den Horizont tastet, wachen nach und nach die Sperlinge auf und huschen, noch recht kleinlaut, an die Futtersäule.

Amseln und Stare

Am 2. März haben hier die ersten Amseln und Drosseln in Dorf und Wald gleichtzeitig zu singen begonnen. Tags darauf hat auch im Garten die erste Amsel ihr Lied geprobt. Mitten hinein in den Frost, der vor allem die Nächte umklammert hält. Was für schöne Strophen! Und wieder ganz neu, wie unsere Begeisterung. Auch wenn sie Rilke nicht kennen kann: Rilke seinerseits hat, wie es scheint, der Amsel nicht nur aufmerksam gelauscht, sondern ihre Botschaft am Ende seiner Neunten Elegie recht genau überliefert: Erde, du liebe, ich will. … Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her. … Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft werden weniger. Überzähliges Dasein entspringt mir im Herzen.

Lang war der erste Amselgesang noch nicht, dafür ist es offenbar zu kalt. Oder was sonst sollte sie abhalten? Aber das wird schon! Bald, davon bin ich überzeugt, wird sie uns wieder jeden dämmrigen Morgen die Rückkunft des Lichts vom Dachfirst herunter verkünden.
Das Rotkehlchen ist erst einmal verschwunden und auch bei der Nachbarin noch nicht wieder aufgetaucht. Das zerrt an mir, denn hier lauert ständig ein schwarzer Kater, und auch die Katzendame Batsy ist eine Jägerin.

Starenpaar
Glanzstare im Februar

Die Stare hingegen, die sind jetzt ständig präsent. Sitzen im Fliederbusch. Schaukeln an den Futtersäulen. Vertragen sich mit den Spatzen, die um sie her wimmeln. Ab und an ein Schnabelhieb in die Luft, unplatziert, der Platz schafft, auch gegenüber drängelnden Artgenossen. Quarren ein bisschen dabei. Inspizieren die Starenkästen, setzen sich auf einem kahlen Ast zurecht, kakeln, schwatzen, imitieren. Lassen diesen lang nach unten gezogenen Glissandopfiff hören, der ihre Population kennzeichnet und trotz Frost schon die halbe Frühjahrsmiete ist – für mich jedenfalls. Glanzstare heißen sie jetzt, weil ihr Gefieder schillert und glänzt. Verbreiten das Glück des Augenblicks.

♫ Stare am Nistplatz: Kakeln, Schwatzen, Imitieren – und Pfeifen ♫

Aufschlüsselung: Glissandopfiff 00:13, Imitation Mäusebussardruf 00:24, Im. Schwarzmilantrillern 00:29, Im. Mäusebussardruf 00:33, Im. Amselphrase 00:44, Im. Rauchschwalbe 01:00, Im. Turmfalkenruf 01:04, Im. Amselphrase 01:09, Glissandopfiff 01:24, Im. Turmfalkenruf 01:44, Im. Kiebitz 02:01, Im. Rauchschwalbe 02:29, Im. Amselprase 02:31, Im. Rauchschwalbe 03:23, Im. Amselphrase 03:24, Im. Kiebitz 03:58, Im. Mäusebussardruf 04:08, Im. Amsel„ducken“ 04:49 …

Die ersten Märzenbecher schieben sich aus dem Laub. Seeholz, 14. Februar 2022

Im Seeholz am Ammersee steht das Meer der Märzenbecher nun in voller Blüte. Schon Mitte Februar hatten die ersten Blütenstengel die Laubdecke durchbrochen. Die Winterlinge im Garten, zwei große leuchtende Flecken, knallen aus dürren, aus sehr dürren Staudenbeeten.

Und in der Ukraine herrscht Krieg. Wieder sind Flüchtlingsströme unterwegs. Krieg, das hört nicht auf, der eigentliche Fortschritt findet nicht statt. Mir fällt wieder ein Gedicht ein, das ich 2001 geschrieben habe, als mit der von den USA geführten Operation Enduring Freedom – was für ein Name! – der Krieg in Afghanistan begann. Es wird wieder mal einmarschiert …
Galgenhumor am Frühstückstisch. Der Mensch hat zuviel Hirn, sage ich. Und zu wenig Verstand, fügt mein Gefährte hinzu. Dann lassen wir die Schatten hinter uns, für eine kleine Weile, fahren nach Raisting.

Im Storchendorf

Über Raisting kreist der Rote Milan, umgeben von Bavarian Blue. Die Sonne strahlt. Um den Kirchturm herum flattern Dohlen, hocken paarweise auf Vorsprüngen und Simsen, bewachen mit seltsamen hellblauen Augen ihre Brutkästen. Ein Turmfalke schießt vorbei. Buchfinken schmettern. Idylle pur!

Hoch oben im Kirchturm und nur schwer zu fotografieren: Dohlenpaare

Schon von Weitem war ein Langbein auf dem Dachfirst der Kirche zu sehen. Und ja: da sind sie. Auf den Häusern ringsum stehen drei weitere Langbeine auf ihren Horsten, einzeln, einbeinig, von Blau umflossen. Einer hat gerade die Alarmglocke besetzt: wie man sieht, nicht zum ersten Mal.
Die schönen Weißstörche sind wieder da!

Es wird sehr gelasssen gestanden, mit langem Schnabel im Nest gestochert, geruht. Hin und wieder geklappert. Dies ist, neben ein wenig Zischen, Stöhnen, Ächzen und, bei den Nestlingen, ein paar miauenden und quietschenden Bettelrufen, der einzige Laut, den sie gut beherrschen. Denn die Syrinx der Störche ist nicht voll ausgebildet – oder vielleicht auch zurück entwickelt. Fakt ist, dass Störche über eine so schwache Stimmmuskulatur verfügen, dass auch ihre Stimme nur schwach sein kann. Um so lauter ist das Schnabelkappern der Alten und Jungen, ein mechanischer, ein Instrumentallaut.

♫ Begrüßungsklappern eines Storchenpaars auf dem legendären Storchenkran in Kirchheim ♫

Um den 19. Februar herum sind schon viele Weißstörche zeitiger als sonst zurückgekommen und haben hier, jeweils einzeln, 16 Nester besetzt – die Männchen finden früher zurück als die Weibchen. Vermutlich haben sie den stürmischen Rückenwind genutzt, um sich in Rekordzeit zu ihren heimischen Nestern tragen zu lassen. Meist besetzen sie den vorjährigen Horst und harren dort aus, bis die Weibchen kommen. Ihre Bindung an das Nest ist stark, stärker als an ein Weibchen. So führen sie eine saisonale Ehe, und vermutlich suchen sich die Weibchen ihrerseits die Männchen nach den besten Horsten aus.

Jetzt sind fast alle Störche zurück. 22 besetzte Horste gab es im letzten Jahr, heuer sind es 23. Die Schutzgemeinschaft Ammersee hält ein wachsames Auge auf das Geschehen über den Dächern von Raisting, denn die Aufzucht der Jungen ist wetter- und vor allem nahrungsabhängig und oft von Dramatik umwittert.

Längst ziehen nicht mehr alle Weißstörche nach Afrika. Diese hier dürften in Südeuropa überwintert haben – insgesamt 500 Störche bleiben sogar winterüber in Bayern.
Da stehen sie also, stochern im Nistmateriel, im Gefieder. Auch wenn es unter den Männchen gelegentlich heftige Kämpfe um einzelne Horste gibt: was sie vor allem verbreiten ist Frieden. Frieden und Geduld. Nicht die Geduld des Wartens. Sondern die gelassene Geduld dessen, der einsinkt in den Augenblick, um zu tun oder zu lasssen, was im Augenblick getan oder gelassen werden muss. Fraglos. Wir schauen, fotografieren, freuen uns. Überlassen uns gern dieser Atmosphäre, die gerade in Kriegszeiten mehr als willkommen ist. Einer legt den Kopf auf den Rücken, den Schnabel gen Himmel weit aufgesperrt.

Kopf weit zurück in den Nacken gelegt und Schnabel weit aufgesperrt: Dies ist mein Horst!

Diesen Moment hat mein Gefährte fotografiert Die Vögel, sagt Messiaen, sind das Gegenteil von Zeit, sie sind unser Verlangen nach dem Licht, nach den Sternen, nach den Regenbögen
Das gilt nicht nur für Singvögel. Sondern auch für die Störche, die Stummen.
Und kein Gedanke an Krieg!

Gefährdung und Schutz

Dass auch in Bayern wieder Weißstörche brüten, war und ist nicht selbstverständlich.
Weißstörche waren – wie es die scheuen Schwarzstörche immer noch sind – ursprünglich Baumbrüter, bevor sie, sehr erfolgreich, Kulturfolger wurden. In den Dörfern meiner Kindheit, in Niedersachsen, gehörten auf Haus- und Scheunendächern thronende Storchennester ganz selbstverständlich zum Dorfbild. Fasziniert habe ich beobachtet, wie sich über den Dächern der zahmen Dorfgemeinschaft jeden Sommer wieder die Wildnis ausbreitete und sich das ungezähmte Leben der Störche ebenso grandios wie erbarmungslos vollzog! Frei und wild – und allen Naturgewalten ungeschützt ausgesetzt. In krassem Gegensatz zu dem Volk der Hühner im Hühnerhof, das nicht einmal mehr fliegen konnte und sich Nachts in einem Wiem verbergen musste!

Die Waldstücke rings um das Dorf meiner Großeltern kannte ich genau. Wenn ich meine Sommerferien auf ihrem Hof verbrachte, versäumte ich es nie, mit einem alten Klapperrad hinauszufahren. Denn überm Waldrand, dort, wo der Schwarzspecht rief und die Luft mit Insektengesumm und dem trocken heißen Harzduft der Kiefern erfüllt war, übten die Storcheneltern mit ihren Jungen das Fliegen. Bevor sie, noch vor den Jungen, im August zu ihren Winterquartiren aufbrachen.

In den 1970er Jahren, mit dem Fortschreiten der Intensivierung der Landwirtschaft, drohten die Weißstörche langsam auszusterben. Durch Stromtod. Mangels feuchtem Grünland – Sümpfen, Wiesen, Auen, die trocken gelegt wurden – also mangels ausreichender Nahrung. Und das, obwohl der Storch ein Nahrungsopportunist ist und sich je nach Situation vor Ort von Kleintieren wie Regenwürmern, Großinsekten, Egeln, Schnecken, Maulwürfen, Mäusen, Ratten, Froschlurchen, Fischen, Molchen, Schlangen und sogar Aas ernähren kann.

In Bayern wurde deshalb ab 1984 ein Artenschutzprogramm für den Weißstorch begonnen – mit den Schwerpunkten Beseitigung des Nahrungsmangels und Betreuung der Nester inklusive Datensammlung. Es konnte 2017, nach mehr als 30 Jahren, aus Erfolgsgründen (!) eingestellt werden.

Als wir später aus Raisting hinaus fahren, finden wir endlich, auf einem Bäumchen am Rand eines Gartens, ein Storchenpaar. Es lässt sich von uns und unserer Kamera nicht stören; und das zweite Storchenpaar, das wir kurz darauf über den Raistiger Wiesen segeln sehen, schon gar nicht!

Zum guten Tagesschluss: Kolkraben

Kaum in unserem Dorf zurück, hören wir die Kolkraben. Sie fliegen rufend überm Haus hin und her, verschwinden im Wald, krakeelen: ein Paar, das hier herum schon seit Jahren lebt. Im Gegensatz zu den Störchen sind sie monogam. Für sie ist jetzt, Anfang März, hoher Rabenfrühling. Die Balzzeit hat schon im Januar begonnen. Jetzt dürften sie ihr Nest fertig haben und demnächst mit dem Legen ihrer Eier beginnen. Kein Wunder, dass sie an- und aufgeregt sind.

Am Waldrand lässt sich einer der Raben auf der Spitze einer großen Fichte nieder, schreit und schreit – aus dem Waldinnern antwortet der zweite.
Was für eine schöne raue Gestalt! Was für ein schöner mächtiger Ruf!

♫ Ein Kolkrabenpaar im Wald, einander rufend und über meinen Standort hinweg fliegend ♫

Wenn man ihnen länger zusieht und -hört, diesen erfindungsreichen Intelligenzlern, wundert es nicht, dass sie, so außerordentlich stimmbegabt, wie sie sind, zu unseren Singvögeln gehören – und zwar, mit einer Flügelspannweite von 1,20 m, zu den größten in Mitteleuropa (oder sogar weltweit).
Mit seinem Hans Huckebein hat ihnen Wilhelm Busch ein unvergessliches Denkmal gesetzt.

Sie wurden verehrt, verkannt, verfemt, verfolgt.
Als Hugin („Gedanke“) und Mugin („Erinnerung“) waren sie die ständigen Begleiter von Odin, dem einäugigen nordischen Gott, und haben ihm klug berichtet, was in seiner nordischen Mythenwelt geschah. Im Mittelalter als „Galgenvögel“ diskriminiert und anschließend als angebliche Schädlinge der Jagd und der Landwirtschaft („Lämmerkiller“) verschrien, wurden sie so gnadenlos mt Netzen, Fallen, Tellereisen, Schusswaffen und Gift (Strychnin und Glucochloral) verfolgt, dass sie um 1940 nahezu ausgerottet waren, bis auf kleine Restbestände im Alpenraum, in Scheswig-Holstein/Süddänemark und in Ostpolen. Dann begann mit der „Jagdruhe“ im Krieg und Schutzbemühungen ab 1960 eine langsame Bestandserholung. Aber obwohl der Kolkrabe nach dem Bundesnaturschutzgesetz ganzjährig als besonders geschützte Art gilt, steht er im Bundesjagdgesetz als einziger Rabenvogel immer noch auf der Liste des jagdbaren Federwilds – mit allerdings ganzjähriger Schonzeit!


(Sehr ausführlich und informativ: Dr. Frank G. Wörner: Der Kolkrabe – ein Verfemter kehrt zurück)

Ein Kolkrabenpaar

Das Paar hier, das jetzt über dem Waldrand seine Flugspiele treibt, muss in diesem Wald seine Brutstätte haben. Ich habe nie nach ihrem Nest gesucht, wie ich überhaupt nicht gezielt nach Nestern suche, weil ich immer Angst habe, ich könnte die brütenden Vögel vergrämen – sie haben es schon schwer genug. Aber nun wird dieser Wald gerade durch den Bau einer Umgehungsstaße zerstört und zerstückelt. Wie sie wohl darauf reagieren werden? Ich hoffe, weniger empfindlich als ich. Und wünsche inständig, sie werden bleiben.

Langsam beginnen die Vögel zu singen: Frühlingsklänge zum Hochwinterende

Bei Sonnenaufgang
Kulisse für Frühlingsklänge: Sonnenaufgang mit Kondensstreifen, 10. Februar 2022

Langsam beginnen die Vögel zu singen: Frühlingsklänge zum Hochwinterende

10./11. Februar 2022

Heute Nacht pladderte der Regen aufs Dachfenster, jetzt treibt der Wind draußen weißliche Graupel vor sich her, Hybridgebilde zwischen Schneeflocken und Regentropfen.
Aber Nässe, Gräue und Wind zum Trotz: was noch dräut ist der Winter in seinen vorletzten Züge. Was kommt, und zwar unaufhaltsam, ist das spürbar zunehmende Licht. Und zwischen Sonne am Tag, Nachtfrösten und wieder verstärkter Durchkreuzung des Himmels rückt langsam der Vorfrühling an.

Im Wald

Das war gestern besonders deutlich zu spüren. Da hat mich, nach einer nicht besonders strengen Frostnacht, die Unruhe gepackt. Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, als es schon tagt und nur noch die Venus über den Feldern blinkt, gehe ich in den Wald, voller sehnsüchtiger Erinnerung an die Dämmerungs-, die Dawnkonzerte des Frühlings.

Es ist aber, wie zu erwarten, betrüblich vogelstill. Dann zetert eine Amsel. Wieder Stille. Wind. Eispfützen knirschen unter meinen Füßen. Jetzt – da im Fichtenschlag: ein dünnes, zages Liedchen, gesponnen von einem Wintergoldhähnchen. Es bleibt unsichtbar wie meistens hinter dem dunkelgrünen Behang der Zweige, und gleich hat der Wind die kleine Strophe wieder davongetragen. Am Rande des Hochwalds ein paar vereinzelte Gimpel-, Finken- und Meisenrufe – das ist alles.

Bei Birdern, die vorrangig auf Vielfalt und den Thrill des Aufspürens seltener Arten setzen, steht der Wald als Beobachtungsort in der Beliebtheitsskala weit hintenan: zu artenarm, zu wenig zu sehen.
Für mich ist er eine Urheimat. Allem voran natürlich der wild gelassene Wald, allem voran der tropische Regenwald, Gipfel der Seligkeit meiner Voglerinnenseele.

Unvergessen: Rote Aras und andere Papageien in Brutbäumen am Rio Tarcoles in Costa Rica

Aus unsichtbaren grünen Tiefen dringend herrscht dort, Tag wie Nacht, die unentwegte Vielfalt der Stimmen und Gesänge, ein faszinierender Klangteppich, über den hinweg sich die Regenwaldgeschöpfe mit immer neuen Ruf- und Klangvariationen verständigen. Das übertrifft für mich selbst die aufregendste Limicolenansammlung an Fluss oder Binnensee, wie wir sie hier mit Lech und Ammersee ganz in der Nähe haben.

Immerhin ruft, als ich dem Wald schon den Rücken gekehrt habe, ein Sperber seine kurze Rufreihe. Die Sonne geht auf und glänzt hinter den Bäumen. Hoch darüber die Venus, und dazwischen ein schräges sternartiges Gebilde aus Kondensstreifen, das den Himmel durchkreuzt, Menetekel unserer Zeit, das meine Stimmung nicht gerade hebt.

Im Dorf: Gimpelgesänge und erste Starenpfiffe

Gimpelmännchen
Gimpelmännchen im Hochwinter (Dompfaff)

Kaum habe ich mich jedoch dem Dorf genähert, wird mein Winterblues von Vogelstimmen davongeblasen. Grünfinken knätschen, Kohlmeisen läuten, und ein stimmfreudiges Gimpelpärchen singt und ruft unermüdlich im Duett, obwohl der Wind ihnen kräftig durch die Federn streicht.

Ihr ♫ schlichter Gesangsteil ist recht leise: charakteristisch sind die schrägen, nasal klingenden Laute, oft auf kleine Tonsprünge folgend, die viele Obertöne haben. Ob die anschließende Reihe der Rufe, im Duett und zum Teil sogar synchron vorgetragen, auch zu ihrer Gesangssession gehört? Was Ruf ist, was Gesang, was ein Übergang zwischen beiden ist nicht immer genau zu unterscheiden.

Gimpelmännchen und -weibchen an winterlicher Futterstelle

Aber solche menschlichen Klassifizierungsfragen gehen die zwei nichts an. Sie befinden sich ganz offenbar in Harmonie miteinander und singen beide, Männchen wie Weibchen, animiert von der milden Witterung. Nicht nur stehen ihre leisen Laute, manchmal von Windböen weggefegt, im Kontrast zu den kräftigen Körpern – bullfinches heißen sie im Englischen! Sondern auch ihre vokalen Fähigkeiten gehen weit über das hinaus, was man gewöhnlich von ihnen zu hören bekommt. Denn seit langem ist bekannt, dass sie sogar in der Lage sind, Volkslieder nachzupfeifen, melodienfest und tongenau. Dies hat dazu geführt, dass sie sowohl ihrer bunten Schönheit als auch ihrer Imitationskunst wegen gekäfigt worden sind.

Wer ist der Lehrer, wer der Vogel? Ein von Hand aufgezogener Gimpel imitiert eine Volksmelodie

In einem Vogelstimmenvortag in Seewiesen hat Prof. Gahr einmal Tonaufnahmen zur Imitationskunst der Gimpel zu Gehör gebracht, und ich habe es an meinem Sitzplatz mitgeschnitten. Deutlich wird offenbar, wie groß die Stimmbegabung der Gimpel ist -nicht simpel, eher phänomenal! Letztlich bleibt die Frage offen, warum diese Vögel in Freiheit keinen – oder kaum – Gebrauch davon machen. Oder sollte man lieber umgekehrt fragen: warum singen viele Vögel so komplex?

Was mich jedoch am meisten elektrisiertd, als ich ins Dorf zurück komme, sind vier schwarze Vogelgestalten. Sie schaukeln in einer großen Birke auf dem Spielplatz am Ende der Straße, laut pfeifend und leise schwatzend: die ersten Stare sind wieder da! Stimm-, sing- und imitationsfreudig wie eh und je.

♫ Gruppengesang dreier Stare am 13. Februar, wieder auf dem Kirchturmkreuz ♫

Nachtrag: auch in den Dörfern ringsum sind wie auf Verabredung die ersten Stare am 10. Februar erschienen – der restliche große Schwung lässt noch auf sich warten. Am 13. Februar ist es mir gelungen, die komplexen Gesänge der Frühankömmlinge störungsfrei aufzunehmen.

Wintergoldhähnchen und erste Misteldrossel singen auf den Lechhängen

Wenig später hat sich die Sonne durchgesetzt. Ich fahre zum Lech und gehe in der Kalksteinschlucht hinter der „Teufelsküche“ zum Stauweiher hinauf. Die Steige weiter oben sind noch vereist, und die Wasseramseln, auf die ich gerechnet habe, lassen sich nicht blicken.

In der Kalksteinschlucht bei Pitzling

Wasserrauschen und Windsausen, wenn die Böen die Bäume packen. Oben auf dem Wanderweg tanzen Sonnenflecken und Schatten – soll ich weitergehen oder lieber zurück? Dann meldet sich kurz eine Misteldrossel, hört gleich wieder auf und lädt mich zum Horchen und Warten ein. Plötzlich ist die Vogelstille gebrochen. Zwei Wintergoldhähnchen fangen zu singen an, sehr hoch und sehr deutlich mit hübschen kleinen Schnörkeln am Ende.

♫ Ein Wintergoldhähnchen singt lang und zart mit hübschen Trillern zwischen Windböen in der „Teufelsküche“ am Lech ♫

Buntspechte keckern, Tannenmeisen singen, dazwischen verwehte Erlenzeisigrufe, Kohlmeisenläuten im Hintergrund. Dann:

♫ Die Misteldrossel setzt wieder ein ♫.

Ich bin erleichtert, weil sich Frühlingssimmen in die trübe Stimmung am Ende des Hochwinters mischen. Während ich vorsichtig den Eispfad am Stauweiher hinab trapse, klingen die Vogellieder mir nach. Die schnell verwehten Goldhähnchenstrophen, die den Ausgang des Winters besingen, der kräftige Drosselgesang, der den anrückenden Vorfrühling einlädt, zumindest in mein Gemüt.

Vorfrühlingsgesänge
Höckerschwäne und Pfeifenten

Kaum bin ich wieder unten am Ufer des Lech, flitzt ein Eisvogel vorbei – besser zu hören als zu sehen. Eine Sumpfmeise singt ein paar Klapperstrophen. Kohl- und Blaumeisenlaute. Auf dem Wasser residieren die Höckerschwäne, wie so oft umwimmelt von ihrem „Hofstaat“, zu dem nach wie vor die schönen Pfeifenten gehören – Wintergäste aus dem Norden, die noch lange nicht abgezogen sind.

Zwischen Frühlingsakkorden und Entenpiffen: ein Januartag

Zwischen Frühlingsakkorden und Entenpiffen: ein Januartag

18. Januar 2022

Noch ist nicht spürbar, dass die Tage länger, die Nächte kürzer werden. Noch haben Hochwinter und Corona das Land fest im Griff, und es ist jetzt besonders leicht, sich weggesperrt zu fühlen. Nicht so gern wie sonst gehe ich durch die Vogelstille in Wald und Feld, fürchte die Trübnis, die sie bei mir auslösen kann.

Vor knapp zweieinhalb Wochen, am letzten Tag des Jahres, sah ich Nachmittags am Lech hinter Pitzling einen Höckerschwan, der auf seltsam gekrümmte Weise, und lange, seinen Kopf unter Wasser hielt. Ich wartete auf sein Auftauchen, lenkte mehrmals das Fernglas zu ihm hin – bis ich realisierte, dass er tot sein musste. Das Foto zeigt ihn im Wasser liegen, in blendendem Weiß, die Wellen lösen seine Umrisse auf, er versinkt in der Spiegelung, die Spiegelung lässt ihn versinken. Um ihn herum das schimmernde Immergrün der Nadelbäume vom Hang, das sich im Wasser kräuselt. Als ich eine Stunde später von meiner Fahrt den Lech entlang zurückkomme, ist die Feuerwehr da, hat ihn herausgeholt. Der Schwan ist tot, das alte Jahr geht zu Ende, der tote Schwan wurde entsorgt …

Weiter präsent: Singschwäne – sie winken noch lange nicht zum Abschied

In Apfeldorf war schon am 2. Januar, die Zahl der Singschwäne auf über hundert angestiegen. Ich horchte nach ihren Posaunenklängen und sah den schönen Spießenten beim Gründeln, den zwei Zwergsägerweibchen beim unentwegten Tauchen zu. Wunderte mich, dass schon so viele Beobachter am Ufer standen, offenbar wartend – bis mit schweren Flügeln ein Seeadler vorbeiflog, der sei schon, hieß es, seit ein paar Tagen da.

Inzwischen sind Ferien und Feste vorbei gerauscht und der Seeadler ist weiter geflogen. Die Spießenten sind geblieben, es dauert noch, bis die Zugunruhe sie packt. Ich hingegen bin unruhig. Ob es daran liegt, dass heute ein Vollmondtag ist? Das Wetter ist so milde, dass ich mit dem Fahhrad an den Lech fahren kann. Weg mit der Trübnis!

Eine Vollmond-Songline hinunter zum Lech

Verwundert und zunehmend vergnügt stelle ich unterwegs fest, dass die Vogelstille gebrochen ist. Für heute zumindest. Dem Mond sei Dank oder aus anderen Gründen. Alle Kohlmeisen längs meines Weges müssen heute ihre Frühlingsakkorde in die Luft setzen, fühlen sich offenbar gedrängt, in verschiedenen Tempi zu singen, zu wetzen, zu läuten. Jede hat ihren besonden sound, lustvoll und licht. Ich werde meinen Weg zum Lech buchstäblich hinunter geläutet. Spätestens jetzt glaube ich, dass die Tage nun doch länger werden.

Saatkrähe im Augustlaub mit hervorspießendem Schnabel

Vieles hält mich unterwegs auf. Gleich hinter Stoffen schwingt zwischen den Meiselauten ein ♫ Stieglitz ♫ erste Liedgirlanden in die Luft. Heiter. Während ich ihm zuhöre, landet hinter mir ein Schwarm Saatkrähen. Wie jedes Winterhalbjahr ist hier ein kleiner Trupp von etwa dreißig Schwarzen zu Gast. Kräftige knochenweiße Schnäbel, nackt bis zum Grund. Die Stimmen rau und sonor, klingen tiefer als die der Rabenkrähen.

Wie alle Vertreter der klugen geselligen Rabenvögel lieben sie es, gemeinsam umherzustreifen und dabei ausgiebig zu kommunizieren. Dazwischen die zierlichen Dohlen, grauköpfgig, blauäugig, die sich ihnen zugesellt haben.

Sonore Saatkrähenunterhaltung in der Feldmark, dazwischen Dohlen mit ihren hellen Kjaks und härter klingende Rufe von Rabenkrähen (00:15)

Glissandopfiffe, Grunzpfiffe und andere Auffälligkeiten

Über fünfzig Zwergtaucher in einer Fließstrecke am Lech

Dann bin ich unten am Lech, wo sich das Wintervolk tummelt.
Darunter, immer im Pulk, ein halbes Hundert Zwergtaucher, unverkennbar in ihrer rundlichen Hurtigkeit, die Hinterteile hell und hochgepuschelt.
Von ihnen, die im Frühjahr so spektakulär trillern können, ist heute nichts zu hören. Sie wimmeln tauchend umeinander, so schnell, dass es schwer fällt, sie genau zu zählen. Sind so winzig, wenn man sie von Weitem sieht, vom Wasser überglänzt!

Holt die Optik sie näher heran, sieht man deutlich ihre kleinen runden Bauschgestalten.
Rings um sie her das stimmfreudige Gewimmel der Größeren und Großen. Blässrallen, Enten, Gänse, Säger, Schwäne, Wintergäste auch sie hier im Eisvogelrevier.
Stets präsent sind die vielen Höckerschwäne, die sich über das Wasser verteilen, oft einzeln oder zu zweit. Stecken den Kopf unter Wasser, gründeln, gleiten gemächlich dahin.

Höckerschwankommunikation auf dem Lech bei Pitzling, Januar 2022

Gemächlich wie ihr Dahingleiten ist auch ihre Kommunikation. Keine Posaunenklänge, sondern leisere Laute, schnarchelnd, fauchelnd, oft mit langen Pausen dazwischen. Ihre Fluggeräusche dagegen sind spektakulär, ganz im Gegensatz zu denen der Singschwäne, und werden als „singen“ bezeichnet.

♫ Fünf Höckerschwäne mit „singendem“ Flugschall ♫

Ich finde es immer wieder spannend, dass die eine Schwanenart mit der Syrinx, die andere mit ihren Flügeln „singt“.

Pfeifenten im Pulk. Ganz links ein Weibchen

Faszinierend sind auch die Pfeifenten, kleine bunte Schwimmenten mit dem schönen lateinischen Namen Anas penelope, die fernab in Tundra und Taiga brüten und pünktlich jeden Herbst hier eintreffen. Sie werden wie die Spießenten und Singschwäne noch wochenlang bleiben. Oft tummeln sie sich im Pulk, der sich in Fließstrecken bildet, häufig um ein oder zwei Schwanenriesen herum.


Besonders bunt wirken die Männchen, denn sie sind auffällig gelbgestirnt. Zwischen Reiher- und Schnatterenten leuchten sie deutlich hervor. Was sie aber besonders auszeichnet, ist ihr Glissandopfiff.
Wer ihn zum ersten Mal hört, glaubt kaum, dass er von einer Ente herrührt!

Glissandopfiffe eines Pfeifentenmännchens

Ganz andere Pfiffe lassen die Erpel der Stock- und Schnatterenten in ihrer Balzzeit hören. Die beginnt schon Ende September mit der „Verlobungszeit“. Grunzpfiffe werden diese Laute genannt, weil auf den Pfiff ein tiefes Knurren folgt, das aber nur schwer zu hören ist.
Besonders laut und fiepend grunzpfeifen die Schnatterenten. Sie sind in Vielem den Stockenten ähnlich, doch ist ihr Aussehen unauffälliger als das der prachtvollen Stockentenmännchen. Ihr Pfiff dagegen ist umso schriller!

Schnatterenten mit Grunzpfiffen. Eine besonders lebhafte Tonaufnahme vom Balzbeginn Ende Herbst 2021 vom Zellsee. Im Hintergrund gleich nach Beginn (0:20) ein Grünschenkel. Nach 02:00 Graureiher-Flugrufe.

Hinter mir am Lechhang wird es laut, weil die Buntspechte sich wieder melden. Mit erregtem Trommeln und Keckern geben sie diesem Morgen den passenden Abschluss. Und der heißt, ins Hochdeutsche übersetzt: Auch wenn es demnächst wieder stürmt, friert und schneit: es wird doch Frühling werden.

♫ Buntspechte trommeln am Lech, 18. Januar 2022. Um 0:22 Kleiberrufe. Nach 01:00 singt eine Sumpfmeise ihre Klapperstrophen, ab 01:41 ein Gartenbaumläufer



Posaunenklänge am Lech: Singschwäne

Posaunenklänge am Lech: Singschwäne

Singschwäne und Graugäne
In der Wintersonne: Singschwäne zwischen Graugänsen auf dem Lech bei Apfeldorf

12. Dezember 2021

Sehr früh bin ich aus einem leichten Traumgespinst aufgewacht und habe nach dem kleinformatigen, dicken, in grünes Leinen gebundenen Rilkeband gegriffen, der neben meinem Bett steht. Habe die Neunte Elegie aufgeschlagen und wieder ein Stückchen tiefer verstanden. Der Schluss so schön und ein guter Start in den sonnigen Tag – den lichtesten seit langem:
Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft
werden weniger … Überzähliges Dasein
entspringt mir im Herzen.

Die Linde vorm Haus hat alle Schneelast abgeschüttelt und ist wieder lichtdurchfällig. Die monatliche Wasservogelzählung steht an. Aber Kiesgrube, Weiher, Windachspeicher, alle kleinen Gewässer sind zugefroren, nur Schattenpfützen und schnurgerade Spuren – Feldhasen, Füchse? – die sind hier jedenfalls oft unterwegs. Alle Vögel scheinen ausgeflogen, bis auf eine kleinen Goldammertrupp und den unentwegten Rabenkrähen.
Aber der Lech mit seinen Staustufen, insbesonderder Lech bei Apfeldorf, da müssten sie doch zu finden sein, die wir seit langem erwarten …

Schon oben auf der Straße sind ihre Posaunenklänge zu hören, nähern und steigern sich, als wir durch den Schnee nach unten stapfen. Jetzt können wir sie endlich ins Auge fassen, besser noch ins Spektiv-Okular, die eleganten Schönen aus dem hohen Norden, denen der Stausee am Lech das bedeutet, was für unsere Zugvögel Afrika ist: ihr weit im Süden gelegenes Winterquartier, das sie Jahr für Jahr wieder aufsuchen. Ob diese hier dieselben sind, die wir letztes Jahr sahen und hörten, genauer gesagt: Anfang des Jahres? Denn der Jahreskreis zwischen Winter und Winter hat sich so schnell geschlossen.

Die Bucht vor der Schilfzunge ist zugefroren. Im Januar war sie frei. Zwischen den Singschwänen mit ihrem erhabenen Geschau wimmelte das kleinere Wasservolk, darunter eifrig gründelnde Spießenten, die ihrem Namen getreu mit spitzen Schwanzenden die Luft durchspießten.

Heute eine ganz andere Szenerie: der federblaue Himmel hält alles in sein Licht getaucht, ganz besonders die großen Vögel da draußen, weit außerhalb der Fluchtdistanz, die sich ungestört präsentieren können. Ein paar der sechzehn, die zu sehen sind, gründeln am Ufer gegenüber, die meisten stehn oder ruhen in kleinen Gruppen auf dem Rand des Eises, Weiß über Weiß, darüber der sonnengelbe Schnabel, die Spitze schwarz abgesetzt, darüber die glitzende Wintersonne – so viel Licht über Licht, das vertreibt fürs erste die Wintergespinste und lästigen Coronagrillen. Ob sie überhaupt etwas von uns wahrnehmen? Vielleicht ein schwächliches Ufergewusel, das sie getrost außer Acht lassen können?

Singschwäne bei Apfeldorf

Welcher Anlass auch immer ihre Stimme lockert: von Zeit zu Zeit ein Ruf, dem ein anderer antwortet, von nah, von fern, denn flussauffwärts sitzen noch mehr – dann zu zweit ein kleines Duett – und wenn’s passt fließen mehrere Duette zu einem Posaunenchor zusammen, das kann auch im Flug passieren: Schwanengesänge, die den Schönen ihren Namen gegeben haben. Im Gegensatz dazu wurden Höckerschwäne denen dieser Posaunenklang mangelt, früher „Stumme Schwäne“ genannt. Was durchaus ungerecht ist, denn wer hat nicht schon das spektakuläre Singen ihrer Flügel gehört und bestaunt?

♫ Höckerschwäne „singen“ im Flug mit ihren Flügeln ♫

Wie meistens gibt es, will man Tonaufnahmen machen, diese und jene Widrigkeit – die ärgerlichste ist plötzlich einsetzendes Schweigen, wenn endlich alles für die Aufnahme bereit ist. Als ich unten angelangt bin und meine Geräte aufgebaut sind, ist die Rufoffensive erstmal vorbei, und ich muss geduldig warten, bis die Rufe wieder hochbranden und ich sie dokumentieren kann – ihr archaischer Hall rührt mich immer wieder an.

„Posaunenchor“ eines großen Singschwänetrupps Neujahr 2017 bei Dornstetten ♫

Während die Singschwäne pausieren, lasse ich meinen Blick durchs Spektiv über die Pulks anderer Wasserervögel schweifen, die weiter weg hin und her und durcheinander schwimmen. Zu meinem Bedauern taucht auch heute zwischen Schnatter-Stock-Krick-Tafel-Reiher-Spieß-Schellenten das weiße Blässhuhn nicht auf, ein sehr seltene genetische Abweichung. Als ich es letztes Jahr zu meiner Verblüffung entdeckte, ist mir versichert worden, dass es hier jahrelang immer wieder gesehen wurde. Ob es noch lebt? Wie es wohl so lange überleben konnte, so auffällig wie es war, ein kleines weißes Segel, weithin leuchtend zwischen all seinen schwarzen Artgenossen.

Singschwäne rufen und duettieren am Lech bei Apfeldorf

Dann beginnnen die Singschwäne erneut zu rufen. Auf ihrem Eisrand stehend. Hoch steht die Sonne. Ich stehe mit kalten Füßen, Kopfhörer und heißen Ohren am Uferhang, ein Zaunkönig huscht vorbei, und ich bin so vergnügt, wie man an einem solchem Tag nur vergnügt sein kann. Am liebsten würde ich mitsingen – eine wilde Wassermelodie, des Winters wegen ein wenig auf Moll gestimmt, aber leider, es mangelt meiner kleinen Stimme an jeglichem Posaunenhallklang – und ich ziehe zusammen mit meinem Gefährten ungesungen, aber glücklich nach Hause.

Singschwäne auf dem Lech