kleine lichthymne

kleine lichthymne

unerträgliches licht
muss gebrochen werden
um sichtbar zu sein
und schmerzlos meine augen zu füllen:

mit farbe
schatten schönheit und schein
und allem was hoffnung verspricht
oder täuschung
oder lichtfallengrün
im jungen laub der linde:
den vögeln ein nest im schatten
meinen schattensinnen ein fest:

gesottene sonne singendes licht
ich höre es mit den augen
ich lese es mit den ohren
und ich begreife es nicht

mai 2026

mai 2026

jeder baum nun ein großer klang:
die sonne hat sich in grüne
notenblätter verwandelt
von denen die vögel singen:

nichts schöneres unter der sonne
als unter der sonne zu sein

wenn im herzen der finsternis
die amseln sonne getrunken haben
keiner es nötig hat
die nachtigall zu stören
oder to kill a mockingbird …


und wir endlich wieder lernen
mit geduld einem vogel die hand hinzuhalten
mit lerchenliedern zu spekulieren
und auf den märkten der welt
statt drohnen
mit honig zu handeln

kleines dschungeltagebuch

KLEINES DSCHUNGELTAGEBUCH
Eine dankbare Eloge an Taman Negara, das letzte große unberührte Regenwaldgebiet in Zentralmalaysia, das ich zusammen mit meinem Mann viele Wochen lang durchstreift habe

in erwartung
dschungel – im herzen der
finsternis sprudelt
die quelle: licht

erstes trekking
füße rascheln durch welkes
laub umdschungelt von grün über
grün

dschungelgefühl 1
blätter spiel schatten spiel
blättter: tausend
blicke beäugen uns die wir nicht
sehen können

wegsuche 1
der wasserfall verstummt im
geschrei der zikaden. spinnennetze
um knie knöchel fuß – wir gingen
den weg zurück bevor er mit uns im
dickicht verschwand

mittagsruhe
wie die wasserbüffel im
fluss: nur noch der kopf
guckt raus. rotkehlige
schwalben drüber hin. kleine
fische knabbern zärtlich am zeh.
eine wolke. kein schrei.
kingfisherblitze

dschungelfarben
oktoberrot maiengrün märzviolett
winterkahl sommersattgluh
alles zugleich und zusammengenetzt
vom ruf des cuckoo des cuckoo

erster regen
die himmlische quelle
geöffnet. springende tropfen von blatt zu
blatt. alles grün
schwillt und strotzt. ekstatischer
schrei der zikaden

dschungelgefühl 2
durch die zeit gefallen
versunken im grün.
selbst das giftige rot der korallen-
schlange lockert den zeitpfeil
nicht

zikaden
zwanzig jahre lang
erde fressen. einen tag
singen und lieben. dann
sterben: riang riang

dschungelgefühl 3
umarmt umgarnt von
hundertunddreißigmilionen
jahren
löst ich sich auf

wegsuche 2
gibbongesänge am mittag.
nashornvogelgelächter.
glück wäre der weg
endet wo er
begann

schwache stunde
der tiger der nicht
erscheint verbeißt sich in meinem schwindenden
mut

dschungeldüfte
keine gelegenheit
die fahne des gestanks zu
entrollen: jeder baum eine
duftende spezerei, jeder tote
körper ein festlicher
schmaus

zikadengesänge
zikaden zersägen das sonnen-
grün in zehntausend
späne licht

dschungelgeschenk
im grünen herzen des waldes
reift die gabe: gift
das den lauf der uhren
lähmt

der tiger
da grollt er, da unten im grund.
wir allein unterwegs, nur mit
rucksack und mut bewaffnet.
jetzt wieder. klingt nah. das
herz verrutscht – und
weiter mit klopfenden knien

sunbear-begegnung
plötzlich der bär: riesig
pechschwarz – trabt auf uns zu –
schnauze weiß – ganz nah
jetzt
der anfang vom ende

und dreht ab
trollt sich stachelpalmenwärts

der fluss
grüner dschungelfluss: jede
welle ein schöpfungsakt und
unermüdlicher spiegel.
ihn kümmert nicht was da
kommt und geht: mensch
vogel tiger zikade …

palette der jahreszeiten
während knospen springen aus
baumblüten schwere düfte rieseln
rascheln die füße durch dürres
laub worin sich die schlange
entrollt – ringsum
mittagsgeschrei de
zikaden

vor sonnenaufgang
aus bäumen tropft der
tau der nacht und klopft
die sonne wach

dschungelgott, abendbilanz
sein antlitz zusammenge-
puzzelt aus der wilden
vielfalt des tages: da ist
alles
nichts über nichts

morgenvorsatz
in den tag hinein wie die
zikaden
keiner berufung folgen.
die arme öffnen
in die er uns nimmt

der gibbon
einhändig hängend in
hoher krone äugt er auf uns
herunter

dschungelschweigen
plötzlich wenn es die augen
zuklappt das große
dschungelgetier
bricht hinter all dem
bunten lärmen endloses
schweigen auf

abschied
grüner dschungel aus dem ich
kam: im herzen
wuchert er weiter
wenn ich nun in die
wüste geh

abgesang: dem dschungelgott
zu armselig meine worte zu
besingen den trickbluffundspielereichen
knallbunt verfratzten verschlüpften verschmatzten
grunzenden flötenden wuchernden schleichenden
springenden knurrenden kletternden gärenden
endlos in neuem duft sich gebärenden
zauber seiner einmaligkeit

Ein Vogel ist …

ein vogel ist …

ein vogel ist ein vogel ist
ein vogel
singt im herzen der welt was gottes
und unergründlich ist

sein corpus voll luftiger räume
hohlknochen blasebälger
so dass er steigen und steigen kann
ohne vom himmel zu fallen –
seine syrinx liedergerschwängert
federleichte gefiederträume
im strom der lüfte schwingend

unlösbar das alles ein rätsel
wie herz wie gott wie welt wie
tod – geschweige denn leben!

bleibt nur loslassen
oder singen
oder
einem vogel zuhören
der leichthin im singen das rätsel löst
das er selber ist

Ätna

Ätna

endlos im aufstieg begriffen
immer den rauchzeichen nach
ankunft
niemals und doch
den flammen näher denn je

ätna glatzköpfiger alter
gorgon voller flugaschenglut
esskastanienumkräzter
feuermoloch der sich wälzt im
eignen geschmolzenen
fleisch
worin das zyklopenaug kocht

larvenhaut: lavaverbrannte:

was sich entzündet an dir
nie kehrt es zurück zur
verlorenen
form



das geheimnis

das geheimnis

lange gespäht
gebohrt geforscht:
es bleibt
unentschlüsselbar

so offenbar verborgen
so hochmohnrot leuchtend
und lodernd
dass der blick unversehens
den schleier nimmt

alle schlüssel die ich
in händen hielt
lösten sich auf in dunst
und flogen als
distelsamen davon

mir bleiben nur die lieder
der bäume und wilden vögel
und die wissenden
stimmen der kinder
fremdzüngig allesamt
die es mir in die ohren rauschen
so verborgen so offenbar
dass ich nichts anderes kann
als lauschen lauschen
und lauschen

rattenpfiff

rattenpfiff

container halten mauloffen feil
tag unter: die nachtschwadron
rückt an das
nacktgeschwänzte regiment
seine langen barthaare hissend
besteigt es tausend containerthrone
wo fäulnis die knöchelchen
schwingt und nacht ihr loddergelumpe
lüpft aus plaste elaste kadavermüll
und das heer an den abfallbusen drückt
den überfließenden fetten – das
nagt und schmatzt und vergoustiert und
hört den spielmann nicht
der lockend die fängerflöte bläst –
ihm folgen nur die kinder der welt
ins sesam öffne dich nicht …
die grauen
pfeifen sich eins
nicht jede wenn der morgen blaut
schlüpft in ihr kloakennest zurück
sondern
hockt sich auf ihre hinterbeine am
sockel des obelisken
die vorderpfötchen zur brust
gefaltet
pfeift allem was da vorübertreibt
die pestilenz an den hals



junijuchzer

junijuchzer

im grün über grün der quell
der sich nicht finden lässt
ist immer da samt quellnymph
tarnt sich mit schillernden
schleiern aus wind
kichert
verlacht meine mühseligkeiten

ich sollte das stöbern lassen

weiß ja man kann das wunder
nur ohne frommen firlefanz
wie die kinder verpurzelbäumen
oder im trampolin
mit hochgezogenen springfüßen treten
wie den wind die luft das garnichts
bis es wippt und mit sorglosen juchzern
über alles taube geschneck hinweg
mich tiefer verstört und betört

herzwurzeln pflanzen

herzwurzeln pflanzen

in feuerstürmen verschwinden?
in schmelzwassern untergehn?
no!

lass uns lieber herzwurzeln pflanzen
dicht unterm bogen des
sonnenstrichs
da wo sich wildnis und ödnis
begegnen

herzwurzeln
unsere keimmütter
ich lege die blaue feder
des spähervogels dazu:
er wird’s uns
mit sicherheit künden
wann denn?
irgendgewiss!

wenn die ersten herzblätter sprießen
das kann lange dauern?
ja!

so lange bis sich der sonnenbogen
wieder um unsere herzkeime
schließt
so dass sie ins kraut schießen können
und keiner sie mehr
vergisst

wünsche und träume bevölkern die luft

wünsche und träume bevölkern die luft

unsichtbar
unausrottbar
immer präsent

die der vögel sind federleicht versteht sich
und meistens von winden zerzaust,
die der menschen erdenkloßschwer
und klebrig,
die der schlangen zusammengerollt,
verknäult die von hunden und katzen.
insekten träumen schillernd bunt
und ihre winzigen wünsche
können nicht mal ein lüftchen kräuseln.
plump kommen die saurierträume daher
die uns nie verlassen haben
zackig wunschlos leer

der wind bläst durch alle hindurch
spielt damit
reibt und stößt sich daran
gibt ihnen laut
macht wetter aus träumen und wünschen
das niemand erklären kann

schließ die augen
lass sie alle
mit deinen flatternden lidern spielen
hör ihnen zu
sag nichts
sag nichts
und sing mit ihnen dein lied