Posaunenklänge am Lech: Singschwäne

Singschwäne und Graugäne

Posaunenklänge am Lech: Singschwäne

Singschwäne und Graugäne
In der Wintersonne: Singschwäne zwischen Graugänsen auf dem Lech bei Apfeldorf

12. Dezember 2021

Sehr früh bin ich aus einem leichten Traumgespinst aufgewacht und habe nach dem kleinformatigen, dicken, in grünes Leinen gebundenen Rilkeband gegriffen, der neben meinem Bett steht. Habe die Neunte Elegie aufgeschlagen und wieder ein Stückchen tiefer verstanden. Der Schluss so schön und ein guter Start in den sonnigen Tag – den lichtesten seit langem:
Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft
werden weniger … Überzähliges Dasein
entspringt mir im Herzen.

Die Linde vorm Haus hat alle Schneelast abgeschüttelt und ist wieder lichtdurchfällig. Die monatliche Wasservogelzählung steht an. Aber Kiesgrube, Weiher, Windachspeicher, alle kleinen Gewässer sind zugefroren, nur Schattenpfützen und schnurgerade Spuren – Feldhasen, Füchse? – die sind hier jedenfalls oft unterwegs. Alle Vögel scheinen ausgeflogen, bis auf eine kleinen Goldammertrupp und den unentwegten Rabenkrähen.
Aber der Lech mit seinen Staustufen, insbesonderder Lech bei Apfeldorf, da müssten sie doch zu finden sein, die wir seit langem erwarten …

Schon oben auf der Straße sind ihre Posaunenklänge zu hören, nähern und steigern sich, als wir durch den Schnee nach unten stapfen. Jetzt können wir sie endlich ins Auge fassen, besser noch ins Spektiv-Okular, die eleganten Schönen aus dem hohen Norden, denen der Stausee am Lech das bedeutet, was für unsere Zugvögel Afrika ist: ihr weit im Süden gelegenes Winterquartier, das sie Jahr für Jahr wieder aufsuchen. Ob diese hier dieselben sind, die wir letztes Jahr sahen und hörten, genauer gesagt: Anfang des Jahres? Denn der Jahreskreis zwischen Winter und Winter hat sich so schnell geschlossen.

Die Bucht vor der Schilfzunge ist zugefroren. Im Januar war sie frei. Zwischen den Singschwänen mit ihrem erhabenen Geschau wimmelte das kleinere Wasservolk, darunter eifrig gründelnde Spießenten, die ihrem Namen getreu mit spitzen Schwanzenden die Luft durchspießten.

Heute eine ganz andere Szenerie: der federblaue Himmel hält alles in sein Licht getaucht, ganz besonders die großen Vögel da draußen, weit außerhalb der Fluchtdistanz, die sich ungestört präsentieren können. Ein paar der sechzehn, die zu sehen sind, gründeln am Ufer gegenüber, die meisten stehn oder ruhen in kleinen Gruppen auf dem Rand des Eises, Weiß über Weiß, darüber der sonnengelbe Schnabel, die Spitze schwarz abgesetzt, darüber die glitzende Wintersonne – so viel Licht über Licht, das vertreibt fürs erste die Wintergespinste und lästigen Coronagrillen. Ob sie überhaupt etwas von uns wahrnehmen? Vielleicht ein schwächliches Ufergewusel, das sie getrost außer Acht lassen können?

Singschwäne bei Apfeldorf

Welcher Anlass auch immer ihre Stimme lockert: von Zeit zu Zeit ein Ruf, dem ein anderer antwortet, von nah, von fern, denn flussauffwärts sitzen noch mehr – dann zu zweit ein kleines Duett – und wenn’s passt fließen mehrere Duette zu einem Posaunenchor zusammen, das kann auch im Flug passieren: Schwanengesänge, die den Schönen ihren Namen gegeben haben. Im Gegensatz dazu wurden Höckerschwäne denen dieser Posaunenklang mangelt, früher „Stumme Schwäne“ genannt. Was durchaus ungerecht ist, denn wer hat nicht schon das spektakuläre Singen ihrer Flügel gehört und bestaunt?

♫ Höckerschwäne „singen“ im Flug mit ihren Flügeln ♫

Wie meistens gibt es, will man Tonaufnahmen machen, diese und jene Widrigkeit – die ärgerlichste ist plötzlich einsetzendes Schweigen, wenn endlich alles für die Aufnahme bereit ist. Als ich unten angelangt bin und meine Geräte aufgebaut sind, ist die Rufoffensive erstmal vorbei, und ich muss geduldig warten, bis die Rufe wieder hochbranden und ich sie dokumentieren kann – ihr archaischer Hall rührt mich immer wieder an.

„Posaunenchor“ eines großen Singschwänetrupps Neujahr 2017 bei Dornstetten ♫

Während die Singschwäne pausieren, lasse ich meinen Blick durchs Spektiv über die Pulks anderer Wasserervögel schweifen, die weiter weg hin und her und durcheinander schwimmen. Zu meinem Bedauern taucht auch heute zwischen Schnatter-Stock-Krick-Tafel-Reiher-Spieß-Schellenten das weiße Blässhuhn nicht auf, ein sehr seltene genetische Abweichung. Als ich es letztes Jahr zu meiner Verblüffung entdeckte, ist mir versichert worden, dass es hier jahrelang immer wieder gesehen wurde. Ob es noch lebt? Wie es wohl so lange überleben konnte, so auffällig wie es war, ein kleines weißes Segel, weithin leuchtend zwischen all seinen schwarzen Artgenossen.

Singschwäne rufen und duettieren am Lech bei Apfeldorf

Dann beginnnen die Singschwäne erneut zu rufen. Auf ihrem Eisrand stehend. Hoch steht die Sonne. Ich stehe mit kalten Füßen, Kopfhörer und heißen Ohren am Uferhang, ein Zaunkönig huscht vorbei, und ich bin so vergnügt, wie man an einem solchem Tag nur vergnügt sein kann. Am liebsten würde ich mitsingen – eine wilde Wassermelodie, des Winters wegen ein wenig auf Moll gestimmt, aber leider, es mangelt meiner kleinen Stimme an jeglichem Posaunenhallklang – und ich ziehe zusammen mit meinem Gefährten ungesungen, aber glücklich nach Hause.

Singschwäne auf dem Lech

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