von der kunst einen schweren stein zu heben

von der kunst einen schweren stein zu heben


ganz einfach soll es sein einen riesigen stein zu heben
einen findling aus urvorzeiten er sollte grünmoderig sein.

zuerst musst du mit dem mittelfinger
(hast du ihn noch dann dem rechten)
nach einer kleinen delle tasten da
wo er sich gerade vom boden wegwölbt
in den seine schwere ihn drückt.

dann die spitze des kleinen fingers links
leicht in die delle legen
und ausatmend schräg nach unten
blasen dass der luftstrom
(er braucht gar nicht kräftig zu sein)
die steinwölbung gut von oben her trifft.

denn so wie vögel nur gegen den wind
landen und auffliegen können
so kann sich ein alter schwerer
stein nur gegen den atemstrom heben
den du auf ihn gerichtet hältst
geduldig und zeitvergesslich.

nun sanften druck ausüben mit der
kuppe des kleinfingers links –
und den ausatemstrom nicht vergessen.
am besten die augen kurz schließen
um das leise ruckeln zu spüren das
den stein langsam aus seiner schwere löst.
weiter atmen und halten doch nicht
forcieren das würde der lösung nur
hinderlich sein.

mit einem satten schmatz gibt die
erde schließlich die haftung frei
und torkelnd wie ein junger kreisel
noch völlig unkundig seines geschicks
hebt sich der stein in die luft.

dies die zeit um den finger den kleinen
ohne hast aus der mulde zu nehmen und die
augen aufzusperren:
alle steinhuckel sind jetzt mit federn
bestückt schwarz grau und blau manche grün
die sich zu flügeln zusammenfügen.

und hohlzüngig aus tausend schrunden
grinsend schwingt sich der alte aufs dach
wirft dir ein knickfederchen vor die füße und steigt
(jetzt lass deinen linken arm fallen)
kerzenrauchgerade hoch
zieht wo der aufwind ihm günstig ist
kräftige geierspiralen
verschwindet schließlich mit reiher-
gekrächz über dem wolkentuff rechts
der eilig den himmel befährt.

zurück bleiben nur das federspiel und
käfer- und ameisenvolk das über den freien
boden herfällt um gänge und gruben zu buddeln.

der stein wird nicht wiederkommen.
vielleicht aber steckt bald im briefkasten-
schlitz eine karte vom uruguruatoll
ohne poststempel absender unterschrift
darauf steht nur: mir geht es gut ich hoffe
ihnen desgleichen!
auf der bildseite ist nichts zu sehen als
wasser von einem zum andern ende und
mittendrin ein punkt.

das wasser sieht aus wie luft in der sich ein
vogel himmelwärts schraubt.
der punkt ist wenn du die lupe
nimmst links unten leicht eingedellt
und besonders schattengeschwärzt
und wackelt dir zu wie ein lämmerschwanz:
grinsend.

und daran erkennst du ihn

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