Wiedehopf – Vogel des Jahres 2022

Wiedehopf – Vogel des Jahres 2022

Wiedehopf in einem Thaininger Garten Ende August 2021

20. November 2021

Gerade ist er über die Naturschutzverbände NABU und LBV zum Vogel des Jahres 2022 gekürt worden, dieser Upupa epops, der auch zu jenen gehört, bei denen man nicht glauben kann, dass die Evolution soviel Extravaganz aus reiner Notwendigkeit hervorgebracht hat. Diese Federkrone, diese Farben, dieses Flügelmuster. Dieser Stocherschnabel! Und dieser Ruf!! Auch ich habe ihn, den schmerzlich Vermissten, gern gewählt. Er ist seit langem nicht mehr Brutvogel in unserer Region. Aber einzelne Wiedehopfe ziehen hier jährlich wenn auch spärlich durch, im Frühjahr oder August, denn sie sind Zugvögel, recht wärmeliebend und überwintern im Savannengürtel südlich der Sahara.
Wenn sie plötzlich in einem oberbayrischen Garten erscheinen, vereinzelt meist, dort sogar mehrere Tage im Boden stochern, staunen die Gartenbesitzer nicht schlecht beim Anblick dieser ausgefallenen Erscheinung.

Wiedehopf, Durchzug Th. Ende August, im Boden stochernd
Wiedehopf im Nachbardorf Ende August 2021

Auch dieses Jahr sind in unserem Landkreis fünf einzelne Wiedehopfe gesichtet und über ornitho gemeldet worden: einer Anfang April in einem Garten in Dettenschwang, vier zwischen Mitte und Ende August am Ammersee-Südende, in Landsberg, Unterdießen sowie in unserem Nachbardorf, in Thaining. Und das war alles!

Schon lange wollte ich diesen schönen Exoten beobachten und vor allem: hören, live!, und mochte nicht recht auf den unwahrscheinlichen Zufall warten, dass sich ein solch seltener Gast auch einmal in unserem Garten niederlässt oder mir auf meinen Streifzügen begegnet.
Ihn Exot zu nennen ist genau genommen falsch, denn trotz seiner ausgefallenen Erscheinung ist er alles andere als fremdländisch, gehört seit alters her in unsere Kulturlandschaft und war auch in Bayern bis Mitte des letzten Jahrhunderts weit verbreitet. Das letzte bayrische Brutvorkommen erlosch 1997. Die wenigen Brutvorkommen, die es inzwischen wieder in Mittel- und Unterfranken gibt, kann man an zehn Fingern abzählen, der Schöne ist hier also weiter vom Aussterben bedroht.

Warum? Er ist Höhlenbrüter, braucht alten Baumbestand in halboffenem Gelände mit nur kurzer Vegetation und als Nahrung Großinsekten, insbesondere Maulwurfsgrillen, Käfer, Heuschrecken und ihre Larven und kommt deshalb in Mitteleuropa vor allem in extensiv genutzten Obst- und Weinkulturen, in Gegenden mit Weidetierhaltung und Ruderalflächen vor. Die Betonung liegt auf extensiv, und das heißt: Flächenfraß, Überdüngung und Pestizide, die den Insekten den Garaus machen, bringen auch ihn zur Strecke.

König der Vögel?

Ein so extravaganter Vogel hat natürlich in Redewendungen, Voksliedern, Kultur und Literatur seine Spuren hinterlassen. Dazu ein paar Beispiele:

The Concourse of the Birds, Metroplitan Museum

Wenn jemand angeblich wie ein Wiedehopf stinkt, so rührt dies von einer sehr effektiven Verteidigungsstrategie zur Brutzeit her: Alte wie Junge besitzen eine Drüse mit einem übel stinkendem Sekret, das sie bei Gefahr einem Feind entgegen spritzen.

Dass der Wiedehopf in Alle Vögel sind schon da der Braut einen Blumentopf schenkt, ist sicher nur schlicht dem Umstand geschuldet, dass topf sich auf hopf reimt.

In der berühmten mystischen Dichtung Vogelgespräche des Fariduddin Attar aus dem Persien des 12. Jahrhunderts hat er hingegen die schwerwiegende Aufgabe, 1000 Vögel auf einer gefährlichen Reise zum Simurgh, dem Vogelkönig, zu führen. Nur 30 Vögel schaffen es bis zum Ziel – um am Ende im König ihre eigene Identität zu erkennen.

Und was sagt Robert Gernhardt 2002 zu seinem drohenden Verlust?

Fehlte der Wiedehopf,
fehlte noch mehr:
fehlte ein steter Ruf,
fehlte ein rascher Flug,
fehlte ein lichtes Braun,
fehlte schwarz-weißes Flirr’n,
fehlte dieses
ganz einzigartig
mitreißend Fremde,
fehlte dies Anderssein …

Das ist vielen Naturschützern aus dem Herzen gesprochen!

Auf Wiedehopfpirsch im Kaiserstuhl

Lösshänge und Weingärten – ein stimmungsvolles Foto des BUND, Regionalverband Südlicher Oberrhein

Wir haben nicht auf unser Sichtungsglück gewartet, sondern sind der richtigen Zeit am richtigen Ort sozusagen entgegengefahren. Sind am ersten Tag nach dem ersten Lockdown, am 18. Mai 2020, als Ferienwohnungen mit Selbstversorgung wieder vermietet werden durften, zum Kaiserstuhl gefahren und haben uns für eine Woche in Wasenweiler bei Ihringen eingenistet.
Was für eine Landschaft: altes Vulkangestein unter den Füßen, steile wärmespeichernde Lösshänge in und über den Weingärten, einige wenige Hohlwege mit üppig bewachsenen Böschungen, die die Flurbereinigung übrig gelassen hat.

In der Nähe unserer Ferienwohnung unermüdlich singende Nachtigallen – einmal habe ich fünf gleichzeitig gezählt. Pirole. Sumpfrohrsänger. Mönchsgrasmücken mit ihrem Süddialekt. Die Kuckucke. Dazu die rollenden Rufe überfliegender Bienenfresser, die gleich um die Ecke bei Ihringen an einer Lösswand mit Bruthöhlen zu bestaunen sind. Ein großes farbenprächtiges und klangmächtiges Erlebnis mit leicht bitterem Beigeschmack, darüber wird noch zu berichten sein.

Und die Wiedehopfe?
Gleich am ersten Morgen nach unserer Ankunft wandern wir ins Betzental, wo wir von einer Anhöhe herunter nach Wiedehopfen horchen und spähen. Da müssten sie doch sein? Oder? Natürlich „nichts“.
Nichts? Was für eine Untertreibung an einem Maimorgen im Kaiserstuhl!
Da sind die Scharen von jungen Staren, die in den Kirschbäumen lärmen, großen ausladenden Bäumen, die hügelabwärts die Grenze zwischen einem Weinberg und einer Ostplantage markieren. Da ist der ganze übrige Morgenchor, ein Pirol zum Beispiel, Mönche zum Beispiel, überfliegende Bienenfresser und … da ist er! Dieser Ruf! Nie gehört, aber unverkennbar.

leider nur von Weitem erwischt …

Ich laufe schnell den Hügel hinab, schalte währenddessen das Aufnahmegerät ein, verheddere mich bei der ersten Tonaufnahme – wollte die Annäherung aufnehmen – perdu. Hinter der alten Rebhütte biege ich in den Weinberg ein. Berge mich unter dem Kirschbaumschatten. Seitlich die erste Reihe der Weinstöcke. Halte mich still und das Mikro wackelfrei. Mein Blick wandert zu der Rebhütte hinüber, die mit Nistkästen behängt ist. Weit unten hat sie ein großes Einflugloch. Das muss eine der Rebhütten sein, die für die Wiedehopfe bereit gestellt werden. Vielleicht hat sich der Vogel, den ich ich gerade gehört habe, diesen Brutplatz schon ausgesucht. Er wird doch nicht weggeflogen sein? Nein, da ist er wieder, der Huppup, der Bubbelhahn, und ein Wendehals dazu, sie singen beide, was für ein Glück!

Auch der Wendehals ist einer der Vögel, die unter intensivierter Landwitschaft leiden und weitgehend aus unserem Blick- und Hörfeld verschwunden sind. Ein Specht, der nicht trommelt, nicht klopft, keine Nisthöhlen zimmert, auf Bruthöhlen angewiesen ist. Und ganz und gar auf Ameisenkost spezialisiert ist: darin ähnelt er seinem großen Verwandten, dem Grünspecht. Ansonsten ist er deckfarben, einer von der k.b.u.-Sorte (klein, braun, unauffällig) – auffällig wird er nur, wenn er seine Quäkstrophen herunterleiert: darin ähnelt er einem anderen Verwandten, dem Mittelspecht. Dieser hier dürfte noch nicht lange aus dem Süden zurück sein, und er ist in Quäklaune!
Während mein Gefährte mit seinem Fotoapparat zwischen den Weinstöcken und Baumreihen verschwindet, um den Wiedehopf zu fotografrieren – leider nicht sehr erfolgreich, wie sich später herausstellt – bleibe ich hocken und tauche in ein bemerkenswertes Maikonzert ein, angeführt von der aufgeregten Schar junger Stare mit ihrem Halbstarkenlärm in den halbreifen Kirschen..
Gleich zu Beginn setzt das hup-hup-hup des Wiedehopfs ein, ein wenig dumpf, liegt bei nur 500 Hz, doch in munter hüpfender Rhythmisierung, gefolgt vom stets leicht ansteigenden Wendehalsquäken in höherer Tonlage, und ab 00:20 fügt, gut hörbar, eine Mönchsgrasmücke ihre Strophen dazwischen. Ferner oder näher melden sich Mäusebussard, Pirol, Hausrotschwanz, Buchfink, Feldgrille, am Ende ein Zilpzalp. Ab 04:14 ist der Wiedehopf ganz nah:

♫ Weinbergkonzert mit Wiedehopf, Wendehals und jungen Staren im Hochfrühling im Kaiserstuhl ♫

Das Spektakulärste ist der ab 04:28 einsetzende Laut, der mich zunächst völlig verblüfft, eine Art ärgerlichen Fauchkrächzens. Das ist vermutlich der zweite Wiedehopf, der sich schon ein paarmal, weiter weg im Hintergrund, gemeldet hat. Nach Bergmann soll dieses Fauchen bei Kämpfen zwischen Artgenossen oder Annäherung eines Feindes zu hören sein. Ein Aggressionsruf also, zumindest ein Ausdruck starker Erregung, mit Sicherheit gilt er nicht mir. Denn das Fauchkrächzen wird zwischen den hup-hup-hups fortgesetzt und offenbar vom ersten Wiedehopf erwidert.

Soviel zu diesem ausgefallenen Konzert. Am nächsten Morgen sind wir kurz nach 5:00 Uhr vor Ort. Wir finden einen Brutkasten, der niedrig in einem Obstbaum aufgehängt ist. Und die Wiedehopfe sind da, entziehen sich wieder erfolgreich dem Fotografieren, aber meinem Mikro verweigern sie nichts:

♫ Wiedehopf-Frühkonzert ab 5:39 mit Fauchkrächzen am Anfang, dazu Mönchsgramücken, Türkentauben und Spechttrommeln im Hintergrund ♫

♫ Wiedehopf-Frühkonzert ab 5:44 mit Fauchkrächzen am Ende, dazu Mönchsgrasmücken, Feldgrille, Kohlmeisenläuten, Spechttrommeln … ♫

Ob es ein Pärchen ist, das hier in der alten Rebhütte odern im Brutkasten brüten will? Auswahl haben sie jedenfalls!

Nachsatz im Januar 2022: Im Falken 1/2022 hat Dr. Hermann Stickroth einen sehr interessanten und informativen Artikel veröffentlich: König ohne Königreich- Vogel des Jahres 2022 – Der Wiedehopf






One thought on “Wiedehopf – Vogel des Jahres 2022

  1. liebe Beatrix,

    welches Geschenk Deine Aufzeichnungen, Deine schönen Texte und die wunderbaren Stimmen die Du immer wieder findest!
    DANKE!!
    Gute Nacht und viele Grüße!
    Friederike

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