KLEINES DSCHUNGELTAGEBUCH
Eine dankbare Eloge an Taman Negara, das letzte große unberührte Regenwaldgebiet in Zentralmalaysia, das ich zusammen mit meinem Mann viele Wochen lang durchstreift habe
in erwartung
dschungel – im herzen der
finsternis sprudelt
die quelle: licht
erstes trekking
füße rascheln durch welkes
laub umdschungelt von grün über
grün
dschungelgefühl 1
blätter spiel schatten spiel
blättter: tausend
blicke beäugen uns die wir nicht
sehen können
wegsuche 1
der wasserfall verstummt im
geschrei der zikaden. spinnennetze
um knie knöchel fuß – wir gingen
den weg zurück bevor er mit uns im
dickicht verschwand
mittagsruhe
wie die wasserbüffel im
fluss: nur noch der kopf
guckt raus. rotkehlige
schwalben drüber hin. kleine
fische knabbern zärtlich am zeh.
eine wolke. kein schrei.
kingfisherblitze
dschungelfarben
oktoberrot maiengrün märzviolett
winterkahl sommersattgluh
alles zugleich und zusammengenetzt
vom ruf des cuckoo des cuckoo
erster regen
die himmlische quelle
geöffnet. springende tropfen von blatt zu
blatt. alles grün
schwillt und strotzt. ekstatischer
schrei der zikaden
dschungelgefühl 2
durch die zeit gefallen
versunken im grün.
selbst das giftige rot der korallen-
schlange lockert den zeitpfeil
nicht
zikaden
zwanzig jahre lang
erde fressen. einen tag
singen und lieben. dann
sterben: riang riang
dschungelgefühl 3
umarmt umgarnt von
hundertunddreißigmilionen
jahren
löst ich sich auf
wegsuche 2
gibbongesänge am mittag.
nashornvogelgelächter.
glück wäre der weg
endet wo er
begann
schwache stunde
der tiger der nicht
erscheint verbeißt sich in meinem schwindenden
mut
dschungeldüfte
keine gelegenheit
die fahne des gestanks zu
entrollen: jeder baum eine
duftende spezerei, jeder tote
körper ein festlicher
schmaus
zikadengesänge
zikaden zersägen das sonnen-
grün in zehntausend
späne licht
dschungelgeschen
im grünen herzen des waldes
reift die gabe: gift
das den lauf der uhren
lähmt
der tiger
da grollt er, da unten im grund.
wir allein unterwegs, nur mit
rucksack und mut bewaffnet.
jetzt wieder. klingt nah. das
herz verrutscht – und
weiter mit klopfenden knien
sunbear-begegnung
plötzlich der bär: riesig
pechschwarz – trabt auf uns zu –
schnauze weiß – ganz nah
jetzt
der anfang vom ende
…
und dreht ab
trollt sich stachelpalmenwärts
der fluss
grüner dschungelfluss: jede
welle ein schöpfungsakt und
unermüdlicher spiegel.
ihn kümmert nicht was da
kommt und geht: mensch
vogel tiger zikade …
palette der jahreszeiten
während knospen springen aus
baumblüten schwere düfte rieseln
rascheln die füße durch dürres
laub worin sich die schlange
entrollt – ringsum
mittagsgeschrei de
zikaden
vor sonnenaufgang
aus bäumen tropft der
tau der nacht und klopft
die sonne wach
dschungelgott, abendbilanz
sein antlitz zusammenge-
puzzelt aus der wilden
vielfalt des tages: da ist
alles
nichts über nichts
morgenvorsatz
in den tag hinein wie die
zikaden
keiner berufung folgen.
die arme öffnen
in die er uns nimmt
der gibbon
einhändig hängend in
hoher krone äugt er auf uns
herunter
dschungelschweigen
plötzlich wenn es die augen
zuklappt das große
dschungelgetier
bricht hinter all dem
bunten lärmen endloses
schweigen auf
abschied
grüner dschungel aus dem ich
kam: im herzen
wuchert er weiter
wenn ich nun in die
wüste geh
abgesang: dem dschungelgott
zu armselig meine worte zu
besingen den trickbluffundspielereichen
knallbunt verfratzten verschlüpften verschmatzten
grunzenden flötenden wuchernden schleichenden
springenden knurrenden kletternden gärenden
endlos in neuem duft sich gebärenden
zauber seiner einmaligkeit
