Störche, Raben und Rilke-Amseln

Störche, Raben und Rilke-Amseln

4. März 2022

Jetzt hängt schon um sechs Uhr morgens Licht zwischen den kahlen Zweigen der Linde, eine milchige Helle, von fernem Blau durchschimmert. Ein Vogelschemen gleitet hinter dem großen Baum über die Wiese. Das stumpfe Wiesengrün ist von frostigem Grau überzogen – je höher die Minusgrade, umso grindiger das Grau. Während die erste Sonnenröte über den Horizont tastet, wachen nach und nach die Sperlinge auf und huschen, noch recht kleinlaut, an die Futtersäule.

Amseln und Stare

Am 2. März haben hier die ersten Amseln und Drosseln in Dorf und Wald gleichtzeitig zu singen begonnen. Tags darauf hat auch im Garten die erste Amsel ihr Lied geprobt. Mitten hinein in den Frost, der vor allem die Nächte umklammert hält. Was für schöne Strophen! Und wieder ganz neu, wie unsere Begeisterung. Auch wenn sie Rilke nicht kennen kann: Rilke seinerseits hat, wie es scheint, der Amsel nicht nur aufmerksam gelauscht, sondern ihre Botschaft am Ende seiner Neunten Elegie recht genau überliefert: Erde, du liebe, ich will. … Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her. … Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft werden weniger. Überzähliges Dasein entspringt mir im Herzen.

Lang war der erste Amselgesang noch nicht, dafür ist es offenbar zu kalt. Oder was sonst sollte sie abhalten? Aber das wird schon! Bald, davon bin ich überzeugt, wird sie uns wieder jeden dämmrigen Morgen die Rückkunft des Lichts vom Dachfirst herunter verkünden.
Das Rotkehlchen ist erst einmal verschwunden und auch bei der Nachbarin noch nicht wieder aufgetaucht. Das zerrt an mir, denn hier lauert ständig ein schwarzer Kater, und auch die Katzendame Batsy ist eine Jägerin.

Starenpaar
Glanzstare im Februar

Die Stare hingegen, die sind jetzt ständig präsent. Sitzen im Fliederbusch. Schaukeln an den Futtersäulen. Vertragen sich mit den Spatzen, die um sie her wimmeln. Ab und an ein Schnabelhieb in die Luft, unplatziert, der Platz schafft, auch gegenüber drängelnden Artgenossen. Quarren ein bisschen dabei. Inspizieren die Starenkästen, setzen sich auf einem kahlen Ast zurecht, kakeln, schwatzen, imitieren. Lassen diesen lang nach unten gezogenen Glissandopfiff hören, der ihre Population kennzeichnet und trotz Frost schon die halbe Frühjahrsmiete ist – für mich jedenfalls. Glanzstare heißen sie jetzt, weil ihr Gefieder schillert und glänzt. Verbreiten das Glück des Augenblicks.

♫ Stare am Nistplatz: Kakeln, Schwatzen, Imitieren – und Pfeifen ♫

Aufschlüsselung: Glissandopfiff 00:13, Imitation Mäusebussardruf 00:24, Im. Schwarzmilantrillern 00:29, Im. Mäusebussardruf 00:33, Im. Amselphrase 00:44, Im. Rauchschwalbe 01:00, Im. Turmfalkenruf 01:04, Im. Amselphrase 01:09, Glissandopfiff 01:24, Im. Turmfalkenruf 01:44, Im. Kiebitz 02:01, Im. Rauchschwalbe 02:29, Im. Amselprase 02:31, Im. Rauchschwalbe 03:23, Im. Amselphrase 03:24, Im. Kiebitz 03:58, Im. Mäusebussardruf 04:08, Im. Amsel„ducken“ 04:49 …

Die ersten Märzenbecher schieben sich aus dem Laub. Seeholz, 14. Februar 2022

Im Seeholz am Ammersee steht das Meer der Märzenbecher nun in voller Blüte. Schon Mitte Februar hatten die ersten Blütenstengel die Laubdecke durchbrochen. Die Winterlinge im Garten, zwei große leuchtende Flecken, knallen aus dürren, aus sehr dürren Staudenbeeten.

Und in der Ukraine herrscht Krieg. Wieder sind Flüchtlingsströme unterwegs. Krieg, das hört nicht auf, der eigentliche Fortschritt findet nicht statt. Mir fällt wieder ein Gedicht ein, das ich 2001 geschrieben habe, als mit der von den USA geführten Operation Enduring Freedom – was für ein Name! – der Krieg in Afghanistan begann. Es wird wieder mal einmarschiert …
Galgenhumor am Frühstückstisch. Der Mensch hat zuviel Hirn, sage ich. Und zu wenig Verstand, fügt mein Gefährte hinzu. Dann lassen wir die Schatten hinter uns, für eine kleine Weile, fahren nach Raisting.

Im Storchendorf

Über Raisting kreist der Rote Milan, umgeben von Bavarian Blue. Die Sonne strahlt. Um den Kirchturm herum flattern Dohlen, hocken paarweise auf Vorsprüngen und Simsen, bewachen mit seltsamen hellblauen Augen ihre Brutkästen. Ein Turmfalke schießt vorbei. Buchfinken schmettern. Idylle pur!

Hoch oben im Kirchturm und nur schwer zu fotografieren: Dohlenpaare

Schon von Weitem war ein Langbein auf dem Dachfirst der Kirche zu sehen. Und ja: da sind sie. Auf den Häusern ringsum stehen drei weitere Langbeine auf ihren Horsten, einzeln, einbeinig, von Blau umflossen. Einer hat gerade die Alarmglocke besetzt: wie man sieht, nicht zum ersten Mal.
Die schönen Weißstörche sind wieder da!

Es wird sehr gelasssen gestanden, mit langem Schnabel im Nest gestochert, geruht. Hin und wieder geklappert. Dies ist, neben ein wenig Zischen, Stöhnen, Ächzen und, bei den Nestlingen, ein paar miauenden und quietschenden Bettelrufen, der einzige Laut, den sie gut beherrschen. Denn die Syrinx der Störche ist nicht voll ausgebildet – oder vielleicht auch zurück entwickelt. Fakt ist, dass Störche über eine so schwache Stimmmuskulatur verfügen, dass auch ihre Stimme nur schwach sein kann. Um so lauter ist das Schnabelkappern der Alten und Jungen, ein mechanischer, ein Instrumentallaut.

♫ Begrüßungsklappern eines Storchenpaars auf dem legendären Storchenkran in Kirchheim ♫

Um den 19. Februar herum sind schon viele Weißstörche zeitiger als sonst zurückgekommen und haben hier, jeweils einzeln, 16 Nester besetzt – die Männchen finden früher zurück als die Weibchen. Vermutlich haben sie den stürmischen Rückenwind genutzt, um sich in Rekordzeit zu ihren heimischen Nestern tragen zu lassen. Meist besetzen sie den vorjährigen Horst und harren dort aus, bis die Weibchen kommen. Ihre Bindung an das Nest ist stark, stärker als an ein Weibchen. So führen sie eine saisonale Ehe, und vermutlich suchen sich die Weibchen ihrerseits die Männchen nach den besten Horsten aus.

Jetzt sind fast alle Störche zurück. 22 besetzte Horste gab es im letzten Jahr, heuer sind es 23. Die Schutzgemeinschaft Ammersee hält ein wachsames Auge auf das Geschehen über den Dächern von Raisting, denn die Aufzucht der Jungen ist wetter- und vor allem nahrungsabhängig und oft von Dramatik umwittert.

Längst ziehen nicht mehr alle Weißstörche nach Afrika. Diese hier dürften in Südeuropa überwintert haben – insgesamt 500 Störche bleiben sogar winterüber in Bayern.
Da stehen sie also, stochern im Nistmateriel, im Gefieder. Auch wenn es unter den Männchen gelegentlich heftige Kämpfe um einzelne Horste gibt: was sie vor allem verbreiten ist Frieden. Frieden und Geduld. Nicht die Geduld des Wartens. Sondern die gelassene Geduld dessen, der einsinkt in den Augenblick, um zu tun oder zu lasssen, was im Augenblick getan oder gelassen werden muss. Fraglos. Wir schauen, fotografieren, freuen uns. Überlassen uns gern dieser Atmosphäre, die gerade in Kriegszeiten mehr als willkommen ist. Einer legt den Kopf auf den Rücken, den Schnabel gen Himmel weit aufgesperrt.

Kopf weit zurück in den Nacken gelegt und Schnabel weit aufgesperrt: Dies ist mein Horst!

Diesen Moment hat mein Gefährte fotografiert Die Vögel, sagt Messiaen, sind das Gegenteil von Zeit, sie sind unser Verlangen nach dem Licht, nach den Sternen, nach den Regenbögen
Das gilt nicht nur für Singvögel. Sondern auch für die Störche, die Stummen.
Und kein Gedanke an Krieg!

Gefährdung und Schutz

Dass auch in Bayern wieder Weißstörche brüten, war und ist nicht selbstverständlich.
Weißstörche waren – wie es die scheuen Schwarzstörche immer noch sind – ursprünglich Baumbrüter, bevor sie, sehr erfolgreich, Kulturfolger wurden. In den Dörfern meiner Kindheit, in Niedersachsen, gehörten auf Haus- und Scheunendächern thronende Storchennester ganz selbstverständlich zum Dorfbild. Fasziniert habe ich beobachtet, wie sich über den Dächern der zahmen Dorfgemeinschaft jeden Sommer wieder die Wildnis ausbreitete und sich das ungezähmte Leben der Störche ebenso grandios wie erbarmungslos vollzog! Frei und wild – und allen Naturgewalten ungeschützt ausgesetzt. In krassem Gegensatz zu dem Volk der Hühner im Hühnerhof, das nicht einmal mehr fliegen konnte und sich Nachts in einem Wiem verbergen musste!

Die Waldstücke rings um das Dorf meiner Großeltern kannte ich genau. Wenn ich meine Sommerferien auf ihrem Hof verbrachte, versäumte ich es nie, mit einem alten Klapperrad hinauszufahren. Denn überm Waldrand, dort, wo der Schwarzspecht rief und die Luft mit Insektengesumm und dem trocken heißen Harzduft der Kiefern erfüllt war, übten die Storcheneltern mit ihren Jungen das Fliegen. Bevor sie, noch vor den Jungen, im August zu ihren Winterquartieren aufbrachen.

In den 1970er Jahren, mit dem Fortschreiten der Intensivierung der Landwirtschaft, drohten die Weißstörche langsam auszusterben. Durch Stromtod. Mangels feuchtem Grünland – Sümpfen, Wiesen, Auen, die trocken gelegt wurden – also mangels ausreichender Nahrung. Und das, obwohl der Storch ein Nahrungsopportunist ist und sich je nach Situation vor Ort von Kleintieren wie Regenwürmern, Großinsekten, Egeln, Schnecken, Maulwürfen, Mäusen, Ratten, Froschlurchen, Fischen, Molchen, Schlangen und sogar Aas ernähren kann.

In Bayern wurde deshalb ab 1984 ein Artenschutzprogramm für den Weißstorch begonnen – mit den Schwerpunkten Beseitigung des Nahrungsmangels und Betreuung der Nester inklusive Datensammlung. Es konnte 2017, nach mehr als 30 Jahren, aus Erfolgsgründen (!) eingestellt werden.

Als wir später aus Raisting hinaus fahren, finden wir endlich, auf einem Bäumchen am Rand eines Gartens, ein Storchenpaar. Es lässt sich von uns und unserer Kamera nicht stören; und das zweite Storchenpaar, das wir kurz darauf über den Raistiger Wiesen segeln sehen, schon gar nicht!

Zum guten Tagesschluss: Kolkraben

Kaum in unserem Dorf zurück, hören wir die Kolkraben. Sie fliegen rufend überm Haus hin und her, verschwinden im Wald, krakeelen: ein Paar, das hier herum schon seit Jahren lebt. Im Gegensatz zu den Störchen sind sie monogam. Für sie ist jetzt, Anfang März, hoher Rabenfrühling. Die Balzzeit hat schon im Januar begonnen. Jetzt dürften sie ihr Nest fertig haben und demnächst mit dem Legen ihrer Eier beginnen. Kein Wunder, dass sie an- und aufgeregt sind.

Am Waldrand lässt sich einer der Raben auf der Spitze einer großen Fichte nieder, schreit und schreit – aus dem Waldinnern antwortet der zweite.
Was für eine schöne raue Gestalt! Was für ein schöner mächtiger Ruf!

♫ Ein Kolkrabenpaar im Wald, einander rufend und über meinen Standort hinweg fliegend ♫

Wenn man ihnen länger zusieht und -hört, diesen erfindungsreichen Intelligenzlern, wundert es nicht, dass sie, so außerordentlich stimmbegabt, wie sie sind, zu unseren Singvögeln gehören – und zwar, mit einer Flügelspannweite von 1,20 m, zu den größten in Mitteleuropa (oder sogar weltweit).
Mit seinem Hans Huckebein hat ihnen Wilhelm Busch ein unvergessliches Denkmal gesetzt.

Sie wurden verehrt, verkannt, verfemt, verfolgt.
Als Hugin („Gedanke“) und Mugin („Erinnerung“) waren sie die ständigen Begleiter von Odin, dem einäugigen nordischen Gott, und haben ihm klug berichtet, was in seiner nordischen Mythenwelt geschah. Im Mittelalter als „Galgenvögel“ diskriminiert und anschließend als angebliche Schädlinge der Jagd und der Landwirtschaft („Lämmerkiller“) verschrien, wurden sie so gnadenlos mt Netzen, Fallen, Tellereisen, Schusswaffen und Gift (Strychnin und Glucochloral) verfolgt, dass sie um 1940 nahezu ausgerottet waren, bis auf kleine Restbestände im Alpenraum, in Scheswig-Holstein/Süddänemark und in Ostpolen. Dann begann mit der „Jagdruhe“ im Krieg und Schutzbemühungen ab 1960 eine langsame Bestandserholung. Aber obwohl der Kolkrabe nach dem Bundesnaturschutzgesetz ganzjährig als besonders geschützte Art gilt, steht er im Bundesjagdgesetz als einziger Rabenvogel immer noch auf der Liste des jagdbaren Federwilds – mit allerdings ganzjähriger Schonzeit!


(Sehr ausführlich und informativ: Dr. Frank G. Wörner: Der Kolkrabe – ein Verfemter kehrt zurück)

Ein Kolkrabenpaar

Das Paar hier, das jetzt über dem Waldrand seine Flugspiele treibt, muss in diesem Wald seine Brutstätte haben. Ich habe nie nach ihrem Nest gesucht, wie ich überhaupt nicht gezielt nach Nestern suche, weil ich immer Angst habe, ich könnte die brütenden Vögel vergrämen – sie haben es schon schwer genug. Aber nun wird dieser Wald gerade durch den Bau einer Umgehungsstaße zerstört und zerstückelt. Wie sie wohl darauf reagieren werden? Ich hoffe, weniger empfindlich als ich. Und wünsche inständig, sie werden bleiben.

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